Mein surrealer Alltag (7) – Es geht immer noch schlimmer

Ein kaiserlicher Unterbeamter hat sich zum Besuch angesagt. Soeben kam der Anruf. Da poltert auch schon seine Garde die Treppe herauf, steht gleich vor der Tür, – und ich bin nicht rasiert, schlurfe noch im Hausrock umher, denn gerade erst dämmert der Morgen heran. Dem Abgesandten in diesem Zustand unter die Augen zu treten, wäre gewiss eine tödliche Beleidigung. Wie lange kann man einen hohen Herrn warten lassen, bevor er ungeduldig die Tür aufbrechen lässt? Es ist wohl so, dass ein kaiserlicher Unterbeamter stets durch geöffnete Türen schreitet, weil immerzu Lakaien zur Stelle sind, deren hauptsächlicher Lebenszweck darin besteht, ihrem Herrn die Türen aufzureißen. Vermutlich hat der hohe Herr in seinem ganzen Leben noch nicht vor einer geschlossenen Tür gestanden, nicht jedenfalls auf dieser Ebene der Stadt, und wer bin ich, dass ich ihm eine derart unerfreuliche Erfahrung bereiten dürfte? Was mach ich nur, was manche ich nur?

Ob es am besten wäre, dass ich mich auf den Boden lege, längs der Fußleiste in die Ecke drücke, mit dem Gesicht zur Wand? Vielleicht wird man mich im Dämmer übersehen oder für ein Bündel schmutzige Wäsche halten. Des Unterbeamten Lakaien werden die Tür eintreten, ausschwärmen, meine wenigen Räume durchmustern und sagen: „Er ist nicht hier, Exzellenz!“ Doch er wird sich nicht zufrieden geben und befehlen, mich unverzüglich herbeizuschaffen. Dann werden sie genauer suchen, jede Ecke auskratzen und mich entdecken.

Da! Es klopft! Man hat sich gar nicht erst mit der Tür aufgehalten, sondern pocht mir sogleich an die Stirn.

Klopfen hören – man wird Neuheiten erfahren, behauptet mein Traumlexikon. Selbstverständlich. Zum Morgenkaffee habe ich die Süddeutsche Zeitung gelesen und all die wundersamen Neuheiten herausgeklaubt, die eine ferne Redaktion für mich zusammengetragen hat. Die Redakteure wissen nicht wirklich viel von diesen Dingen, denn auch sie haben die Informationen aus zweiter Hand, aus dem Angebot der Presseagenturen direkt ins Blatt gehoben oder abgeschrieben bei Kollegen anderer Zeitungen. Manches ist ihnen aus den höheren Regionen der Stadt gesteckt worden von Leuten, die ein Interesse daran haben, die Gedanken des Volks zu lenken. Auf unserer Ebene der Stadt sind Informationen aus erster Hand nämlich kaum zu bekommen, abgesehen von zufällig aufgeschnappten Gesprächsfetzen oder dem, was jene zu berichten wissen, deren Geschichte man kennt.

einschlafen-mit-MaschmeyerEine Schauspielerin namens Veronica Ferres schläft gerne mit ihrem Lebensgefährten Carsten Maschmeyer vor dem Fernseher ein. Sie hat diese erstaunliche Vorliebe der Frau im Spiegel erzählt und die investigative Redaktion der Süddeutschen Zeitung hat Wind davon bekommen. Ferres: „Das ist uns letztens bei meinem eigenen Film passiert. Das fand ich super.“ Verständlich, absolut nachvollziehbar, ja, nahezu selbstverständlich. Es würde mir genauso gehen, weshalb ich mir niemals einen „eigenen Film“ von Frau Ferres anschauen wollte. Denn aufzuwachen, Veronica Ferres zu sein und ins offene Maul eines schnarchenden Carsten Maschmeyer zu schauen, da lasse ich mir doch lieber von den Vasallen eines kaiserlichen Unterbeamten an die Stirn klopfen.

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

39 Antworten auf Mein surrealer Alltag (7) – Es geht immer noch schlimmer

  1. Manchmal erschrecke ich mich noch, wenn ich merke, wie real dieser surreale Alltag ist.

  2. :) ) Herrlich geschrieben, wieder mal. Vielen Dank für diesen Einblick in eine grauenvolle Traum- und Promiwelt!

    • Besten Dank, Verehrteste. Du weißt doch, das Komische steckt in der überhöhten Banalität. In diesem Sinne müssen wir uns sogar bei der SZ bedanken.

      • Ich bedanke mich sogar täglich bei der jämmerlichen Tagespresse (Erlanger Nachrichten), die mir das Dunkel jeden neuen Morgens erhellt. Die ist in weiten Teilen nicht nur banal, sondern unfreiwillig komisch. Und so kommt es, dass ich manchmal mit Lachtränen überm Frühstückstisch sitze, obwohl ich gar keine Glosse lese :)

  3. Selbst die Online-Ausgabe der SZ hat nachgelassen. Beim feed taucht zuvor immer bei bis zu drei angeklickten Artikel eine Werbeseite zum Weiterklicken auf. :(
    Und manche allgemeinen Artikel finde ich fast 1:1 auch in anderen Zeitungen von Nachrichtenagenturen übernommen. Schade. Da ist die FAZ-Online-Ausgabe schon erheblich besser und hat die SZ abgehangen. :(

  4. Lieber Jules,
    zumindestens muß die Geschichte unserer Solinger Kartoffelkönigin war sein.
    Beweis: Ich las es heute wortwörtlich so in der Rheinischen Post.
    Und da sagen die immer: Gelogen wie gedruckt. Wenn die wüßten…
    Beste Grüßé nach Hannover
    Erik

    • Lieber Erik,

      danke für den Hinweis auf die Kartoffelkönigin. Hab mir den Text bei RP online angeschaut und glaube auch, dass alles wahr ist, nämlich hübsch verpackte Werbung für den Verband der deutschen Kartoffelerzeuger. Am besten gefällt mir der Satz:

      „Aber mit dem Amt der Kartoffelkönigin habe ich eine tolle Chance, mein Berufsfeld zu repräsentieren und darf außerdem ganz viele Kartoffeln essen“, lacht die Erdapfelbegeisterte.” Erdapfelbegeisterte! Ich lach mich weg.

      Schöne Grüße ins Rheinland
      Jules

  5. Kafka hätte applaudiert (er kann ja nicht mehr, also mach ich das für ihn): grey zer0 emoticon - applaud

    • Vielen Dank, obwohl’s übertrieben ist ;) . Ich glaube wenn Kafka mal kurz wieder aufstehen dürfte und sich unsere Welt anschauen, würde er sogleich freiwillig wieder sterben.

  6. Wenn ich einen Ferresfilm mitbekomme, schlafe ich nicht ein, sondern fange an wie irre zu schreien und möchte schnell weglaufen. Einzige Ausnahme ist Bockmayers Geierwally, wo sie in einer Nebenrolle mitspielt, mit der sie so gerade nicht überfordert ist.

  7. schmunzle und erfreue mich wieder einmal an deinem feinen und klugen bericht.
    liebgruß
    lisa

  8. Man kann kaum glauben dass jemand an deine Stirn gepocht hat.
    Schon eher dass eine Muse deine Stirn geküsst hat.

  9. Zur Zeitungsmeldung:
    So ein Glück aber auch.

  10. zu den meldungen aus vielfacher hand:

    eine der bewegendsten meldungen aus erster hand war das telefoninterview mit unserer kollegen meike scholz aus banda aceh, als sie kurz nach dem tsunami durch die leichenberge stolperte und das grauen schilderte – da saß ich im studio und konnte die tränen nicht mehr zurückhalten. das zweite mal war es dann “bloß” die erinnerung an das letzte interview meiner ermordeten kollegin karen fischer – da sagte sie während eines interviews aus afghanistan noch so leichthin über die gefahren der region: wem das zu gefährlich ist, der sollte da besser nicht hinfahren. rund 27 stunden später wurde sie von irgendwelchen gangstern erschossen…

    da bin ich froh über jede information aus zweiter oder auch dritter hand (denn auch die agenturen sitzen ja meist in irgendeinem hauptstadtbüro und nicht direkt am ort des geschehens)

    und – um wieder besser drauf zu kommen: veronica ferres in der rolle der christiane vulpius hat mir übrigens gut gefallen…

    aber warum nur wollte denn ein kaiserlicher gesandter dir gegen die stirn klopfen? hoffte er denn tatsächlich, dass sich dahinter etwas verberge?

    • Danke für den Hinweis auf die zuweilen lebensgefährliche Arbeit von Auslandsreportern in Krisengebieten. Deren Einsatz und ihre Arbeit wollte ich nicht herabsetzen. Es gibt in allen klassischen Medien weiterhin gute Reportagen.
      Geschmäht habe ich das ungeprüfte Abschreiben/Übernehmen und das Herausstellen von Banalitäten aus dem Leben dubioser Prominenz. Du weißt, wie sehr das zunimmt, weil die Redaktionen immer kleiner werden, Teilbereiche zusammengelegt und die Verlagsleute/-eigner zusätzlichen Druck ausüben. In letzter Zeit besonders augenfällig bei der Berliner Zeitung, der FR und der WAZ-Gruppe.

      Zu deiner Frage: Es verbirgt sich ja hinter jeder Stirn was, sogar hinter meiner. ;)

  11. Ich musste auch an Kafka denken. Und bei der Meldung über Veronika Ferres an einen Test. Ob die SZ-leser noch was merken, ob sie protestieren, ob sie Ansprüche haben. Das ins Blatt zu heben: Was wie der Streich eines bekifften Praktikanten aussieht, könnte auch eine Leser-Provokation eines missmutig-kafkaesk gestimmten Chefredakteurs sein. Wenn ich Chefredakteur wäre, würde ich sowas machen.

    • Wenn es ein Test wäre, wie merkt die SZ-Redaktion, was die Leser merken? Den meisten wäre der spezielle Anlass zu klein, deswegen zu protestieren. Die Meldung, so unscheinbar sie ist, hat für mich einen unangenehmen Beigeschmack, der in meinem Text nicht zum Ausdruck kommt. Ich wollte nämlich eigentlich zum Wikipedia-Artikel über Carsten Maschmeyer verlinken. Hab das aber gelassen, denn er ist keinesfalls objektiv. Da findet sich nichts über die dubiosen Geschäftpraktiken des AWD, mit dem Maschmeyer sein Geld gemacht hat. Auch der Artikel über den Allgemeinen Wirtschaftsdienst ist gereinigt, wie man auf der Diskussionsseite verfolgen kann. Es gab im Internet eine Seite “awd-aussteiger.de”, wo AWD-Geschädigte sich austauschten. Die Seite ist stillgelegt. Maschmeyers Anwälte hatten ihr gerichtlich verbieten lassen, den Namen AWD zu nennen.

      Vor diesem Hintergrund ist die SZ-Meldung ein weiterer Versuch, den Mann reinzuwaschen, ihn darzustellen als einen gemütlichen Fernsehschnarcher. Schön, dass er gut schlafen kann an der Seite von Frau Ferres. Das alles finde ich ziemlich kafkaesk.

      Edit: Gerade gefunden
      http://www.mein-parteibuch.com/wiki/AWD
      http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15519/1.html

      • Ja, das ist richtig und der AWD ist mir ein Begriff. Maschmeyer wird wohl eine Agentur beauftragt haben, die Medien mit Meldungen dieser Art zu füttern, um sein Image aufzupolieren. Alles klar.
        Die interessante Frage für mich ist: solche Meldungen fallen aus dem Ticker, Bild der Frau bringt sie ins Blatt, die Süddeutsche in den Abfalleimer. Das ist normalerweise der Fall. Da ich die Süddeutsche nicht lese, kann ich nicht beurteilen, ob solche Meldungen (wie ich erwarten würde) die Ausnahme und ein Versehen in der SZ sind oder ob das öfter vorkommt. Die Leser der Stuttgarter Zeitung (die ich abonniert habe) erlebe ich bei solchen Sachen als recht meinungsfreudig, ich unterstelle mal, dass es für sowas einen Leserbrief gegeben hätte. Vielleicht bin ich aber in dieser Hinsicht zu optimistisch. Was ist es denn deiner Meinung nach gewesen? Versehen, Absicht, sich vor den Karren spannen lassen oder aktives, absichtsvolles Mitwirken bei einer Reinwasch-Kampagne? Oder Erfüllung des mehrheitlichen SZ-Leserwunsches?

        • Da kann ich nur spekulieren. Vielleicht war auch gerade nur soviel Platz, man hat gesucht und was in der passenden Länge gefunden. Die SZ-Rubrik “Leute” auf der Panoramaseite (Rückseite des 1. Buchs) versammelt Kuriosa, überwiegend aus der Promiszene. Vieles davon ist ziemlich dümmlich und gehört eigentlich nicht in ein seriöses Blatt. Vermutlich glaubt man, Lesererwartungen zu bedienen, indem man auch etwas Buntes präsentiert. Die Meldung über Ferres und Maschmeyer stammt aus einer Homestory der Frau im Spiegel. Man muss das nicht wissen, und selbst wenn bei der Auswahl subtile Ironie im Spiel war, scheint mir der PR-Aspekt zu überwiegen. Schon F.J.Strauß wusste, dass es nicht darauf ankommt, warum man in den Medien ist, sondern dass man in den Medien ist.

  12. Besser sie schläft während ihres eigenen Films ein, als dass sie einen neuen dreht. Da muss man doch Herrn Maschmeyer auch noch zu Dank verpflichtet sein. So irgendwie…

  13. Jetzt habe ich zum ersten Mal seit Langem gelacht, nicht nur gekichert oder gegrunzt oder was man eben so tut als abgeklärter Depressiver, nämlich, als ich diesen Zeitungsausriss in mich saugte, und bin ich nunmehr endgültig entschlossen, die “SZ” zu abonnieren, ha!

    Aber ich finde, der Informationsauftrag der Medien ist hier hervorragend realisiert, denn es leuchtet ein, dass die Qualität von Filmen usw. nicht besser werden kann, wenn sogar Macher und Mitwirkende dieser Filme über deren Rezeption weg nicken…

    In diesem Sinne: gute Nacht!

  14. :) ) Die Krönung hast du dir für die letzten beiden Sätze aufgehoben!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>