Mein surrealer Alltag (5) – Schimpf auf die Tagesschau, und zwei alte Männer quatschen rein

Gestern abend, draußen dämmerte es, und alles war still, da hörte ich im Lüftergeräusch meines Rechners wie von weit her zwei erregte Stimmen. Es klang wie eine kaukasische Sprache, vielleicht Hurritisch oder Inguschisch. Ich kenne mich nicht aus mit kaukasischen Sprachen und verstand kein Wort. Trotzdem konnte ich nicht umhin, den beiden zuzuhören.

Der Alte wird auf 112 Jahre geschätzt, der andere auf 105. Die beiden sind die letzten Sprecher ihrer Sprache. Lexikon und Grammatik und was man in dieser Sprache wie sagt, dieses Wissen wird mit den beiden Alten im Grab versinken. Sie sind sich nicht grün, genauer, sie hassen sich. Der vermeintlich Ältere führt das Wort. Er sagt: „Werde du erst einmal so alt wie ich. Hör mir zu, hör mir zu. Gegen mich bist du ein Kalb, noch nass von Blut und Schleim. „Was?!“, ruft der andere, „Ich saß schon auf dem Pferd, da hast du noch in deiner Mutter gesteckt, du Sohn eines Esels!“ So geht es hin und her. Jeder will nicht der vorletzte, sondern der Letzte seiner Sprache sein. Deshalb wünschen sie sich gegenseitig die Pest an den Hals, die Krätze, die Seuche, egal was, wenn’s nur dem anderen den Rest gibt. Und zwar pronto. Man weiß ja nie, ob man am nächsten Morgen noch da ist.

Ich frage mich, warum ich mir den Streit zweier Kaukasier anhören muss, dessen Wortlaut ich nur ahnen kann. Vor allem geht’s ja um nichts. Wer tot ist, was kümmert den, wer der letzte oder der vorletzte Sprecher eines ausgestorbenen kaukasischen Dialekts war. Das mindestens sollte man vom Tod erwarten dürfen, – dass einem der Kleinscheiß des Erdenlebens endlich egal ist. Vergessene Idiome vergangener Bergvölker, wie weit man den Verschluss einer Thermokaffeekanne aufdrehen darf, um sich und die Tischdecke nicht einzusauen, oder wann die Tagesschau kommt, das alles soll nach dem Tod weg sein.

Besonders die Tagesschau. Viele Deutsche halten den Tagesschausprecher für den Regierungssprecher, habe ich mal gelesen oder gehört. Oder ich hab’s mir ausgedacht. Ich weiß es jedenfalls. Tagesschausprecher haben etwas erdrückend Offizielles. Es ist grad so, als würde einem hochamtlich die Welt erklärt. Um unsere schwächliche Urteilskraft nicht zu überfordern, sagt man uns nur das Allerwichtigste. Die Botschaft: Ihr Wichtl, wir sagen euch jetzt, wo der Hammer hängt. An deiner kleinen Tür hängt er nicht. Er hängt an den Portalen der Ministerämter und Palästen, und manchmal schwebt er zu euren Köpfen oben hoch am Finanzhimmel. Dann ist’s quasi göttlich. Wir zeigen euch die Auftritte von Herrschern, wie wichtige Köpfe unwichtige Sachen sagen, Tagungsorte von außen mit Zoom auf die Fenster, wie’s Wetter wird und was es an der Börse zu spekulieren gibt. Zieh dir das rein, dann weißt du bescheid.

Während ich schreibe, horche ich nebenher zum Lüfter hin. Die beiden Kaukasier sind verstummt. Nicht da. Sozusagen weg oder sogar fort. Ich hatte schon befürchtet, das würde jetzt eine Daily Soap, Der letzte Ingusche und obendrein der vorletzte. Und ich müsste die Folgen hören, wann immer ich am Rechner sitze. Dann packt mich am Ende das Pflichtgefühl, und ich versuche, die aussterbende Sprache aufzuzeichnen. Daran verzweifele ich, denn ich weiß nicht mal, wo genau die Wortgrenzen sind. Und für einige Laute, aus zwei zahnlosen Mäulern gespuckt, gibt es im Alphabet kein Schriftzeichen, das sie annähernd wiedergibt. Nach Jahren entbehrungsreicher Arbeit werde ich erst fertig damit. Dann zeige ich meine Forschungsergebnisse, und keine Sau will’s wissen.

Noch mal Glück gehabt.

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25 Antworten auf Mein surrealer Alltag (5) – Schimpf auf die Tagesschau, und zwei alte Männer quatschen rein

  1. da kann ich nur beipflichten – glück gehabt.

    intressanter wäre allerdings die klärung der frage: wie sind die beiden sabbergreise in den lüfter deines rechners gelangt?!

    • Keine Ahnung. Bin froh, dass sie nix mehr sagen. Vermutlich sind sie über Nacht ausgestorben.

      • *kopfkratz* und wer denn nun zuerst… kannst du uns hierzu informationen geben??

        • Tut mir leid. Bin ja nur einmal kurz dazugeschaltet worden. Das war vermutlich wieder mal ein Fehler in der kosmischen Software. Wie bei den beiden russischen Brüdern, die durch das Aneinanderlegen ihrer Ohren Radio hören konnten. Leider nur einen japanischen Sender.

          • hmmmm…. das ist in der tat nicht wirklich erhellend.

            wenngleich es weniger belastend ist, wie es für diese beiden russischen brüder sein muss… nur ein japanischer sender…

            und dafür den ganzen tag den ohrenschmalz des anderen inhalieren… sch*** planwirtschaft.

            • Über die sowjetischen Brüder weiß ich mehr als über die beiden Kaukasier. Ich habe sogar ein Foto von den Russen, finde es nur grad nicht. Sie sind schon im gereiften Alter, tragen weiße Kittel, halten mit den Fingerspitzen einen Draht, haben die Köpfe aneinander und hören aufmerksam zu, was ihnen der japanische Radiosprecher erzählt. Das ganze findet in einem Labor statt, wenn ich mich recht erinnere, quasi unter wissenschaftlicher Aufsicht. Russen wie Amerikaner, mindestens von denen weiß man es, haben in den 60ern und 70ern parapsychologische Forschungen betrieben. In Deutschland gab es auch einen Professor für Parapsychologie, Hans Bender. Er lehrte an der Universität Freiburg.

              Hab gerade mal bei Wikipedia geguckt. Es erschlägt einen, wie viele parapsychologische Forschungseinrichtungen es gab und gibt.
              http://de.wikipedia.org/wiki/Parapsychologie
              http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Bender_(Psychologe)

              • bitte… nicht auch noch hier… kommen jetzt auch noch die flugscheiben?

                ich mein, russische brüder mit drähten in der nase, das ist ja schlimm genug…oder waren es die ohren, ach ja, die ohren…

                dazu hab ich einen russischen single auf lager…

                http://www.youtube.com/watch?v=eoxyF9HdlWE

                kennst du eigentlich die story von dem typen mit der neuen zahnprothese, der plötzlich den funk des düsseldorfer flughafens hören konnte???

                • Fingerspitzen, nicht Nase. Danke für das Video. Ist prima, und zum Schluss verstehe ich plötzlich Russisch.

                  Genau, auf Zahnprothesen müssen unbedingt Rundfunkgebühren erhoben werden. Keine Zahnprothese ohne GEZ-Siegel.

                  Hab gerade darüber nachgedacht, dass magisches Denken in unserem Alltag eine wichtige Rolle spielt, obwohl es nicht politisch korrekt ist, das zuzugeben.

  2. Das erinnert mich an die nordfriesischen Frage »Was liegt am Strand und redet undeutlich?« – Nein, es sind nicht zwei Kaukasier nach dem Baden, es ist eine Nuschel.

  3. Mich erinnert das an einen Kaberettisten/Liedermacher aus den 70ern (Ekkes), der sinngemäß die Frage stellte, wie es kommt, daß jeden Tag genau soviel wichtiges in der Welt geschieht, wie in 15 Minuten Tagesschau paßt.
    Aber bei worldwide web stimmt das ja nicht mehr, oder doch?
    Nächtlich Grüße nach Hannover sendet Dir. lieber Jules
    Erik aus dem Bergischen

    • Genau wie bei den Zeitungen. So oder so viele Seiten, soviel Weltgeschehen. Dass auch noch etwas anderes stattfindet, können wir erfreulicherweise im Netz lesen.

      Schön, dass du mal wieder hier warst und beste Grüße ins Bergische Land, lieber Erik,

      Jules

  4. Ich hab ja schon viel im Lüfter meines PC gefunden, aber halbscheintote die sich in einer aussterbenden Sprache gegenseitig verwünschen? Aus Neugierde mach ich jetzt gleich nochmal das gehäuse auf, womöglich finde ich sogar die Mail die ein Freund mir geschickt haben will…

    • Ja, mach das. Hoffentlich hat die Lüftung die Mail nicht zerfetzt. Ich werde jedenfalls ab jetzt vorsichtiger sein. Früher habe ich manchmal den Staubsauger an die Lüftungsschlitze gehalten. Das mache ich nicht mehr. Am Ende sauge ich zwei Greise auf und besiegele das Aussterben ihrer Sprache. ;)

  5. Ach, könnte ich solche Texte am Morgen im Radio hören! Der Tag könnte bringen was er will, ich wäre vergnügt und hätte gute Laune!

    Viele Grüße,
    Klaus

  6. Weisst Du eigentlich, was Du mit diesem Eintrag
    angerichtet hast ? ;)
    Ich nehme ganz schwer an, die Tagesschau Redaktion hat Deinen Eintrag gelesen und wurde durch ihn schwer verunsichert . Dies wohl die Erklärung für den peinlichen Schnitzer am 15.08. in dieser Sendung:
    Die Tagesschau bezeichnete in einer Schrifteinblendung unseren Bundespräsidenten als ” Klaus Köhler ” .

    Da sage noch einer, die Blogger hätten keinen Einfluss auf die Medien…….

    • Dabei habe ich mich noch zurückgehalten, denn ich dachte, hau nicht so auf den Putz, das gehört sich nicht. Wenn ich mal sagen würde, was ich von dieser Sorte Verlautbarungsjournalismus halte, würden sie vor Schreck die ganze Bagage verklausen. ;)

  7. ich habe jetzt mehrere kommentare geschrieben zu deinem eintrag und immer wieder gelöscht, weil sie alle nicht beschreiben konnten, warum ich ihn so toll finde: deshalb nur ein gruß von mir und einen glückwunsch an dich, den rest musst du dir denken… tut mir leid…

  8. Wenn man, wie ich, drei Wochen Internet-los im Urlaub war, ist die Versuchung groß, sich ganz von der Blogwelt zu verabschieden, denn wie soll man es schaffen, die ganzen verpaßten Blogbeiträge zu lesen? Das ist fast so abschreckend wie die Aussicht, drei Wochen Tageszeitung nachzuholen zu müssen. Um so schöner ist es dann, wenn ein Beitrag dabei ist, der die ganze Mühe lohnt … äh … besonders lohnt. Besonders angetan haben es mir diese Sätze:

    “Oder ich hab’s mir ausgedacht. Ich weiß es jedenfalls.”

    Wieviel sinnlos verplemperte Diskussionszeit in meinem Leben hätte ich mir sparen können, hätte ich sie schon vorher gekannt. Aber es ist nie zu spät, Dank dafür. ;)

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