Attic thoughts

Sonntag_72dpi

Mir träumte, dass ich an einer Schreibmaschine saß und tippte. Plötzlich hing mein rechter Zeigefinger an der K-Taste fest. Ihr Typenhebel hatte sich durch die Haut meiner Fingerkuppe geschoben. Ich zog und zog, die Haut der Fingerkuppe zerrte sich lang, doch es nutzte nichts. Der Finger kam nicht mehr von der Taste los. Im Traum dachte ich, wenn ich den Bericht vom verhakten Finger in meinen Text einfüge, wird sich manch Leser wundern.
Dak ick jedock nickt träumkte, an welchem Text ich schrieb, ist der Bericht von meinem an der K-Taste verhakten Zeigefinger nicht in einen Text eingefügt, sondern steht am Anfang.

Ich fuhr mit dem Rad die Straße hoch. Oben auf der Dachterrasse sah ich meine Hemden, wie sie im Wind flatterten, sich bauschten und wie Drachen aufsteigen wollten in den blauen Himmel. Viel lieber würde ich jetzt bei ihnen sitzen und ihr Trocknen überwachen, statt den Kopf unter der blitzenden Sonne zu beugen und mich den Anstieg hinauf zu mühen. Man hat von der Dachterrasse einen schönen Blick über die Dächer Stadt bis hin zum Höhenrücken des Stadtwaldes.

Mit der Fähigkeit der Bilokation säße ich jetzt auf der Dachterrasse, meine Hemden schaukelten im Wind, und ich läse ein Buch. Einmal ließe ich das Buch sinken und sähe durch das Laub der Bäume hinunter auf die Straße. Dann dächte ich, wenn ich jetzt dort unten die Straße hoch führe, der blitzenden Sonne entgegen, könnte ich allerlei erleben.

Wieso hing mein Finger eigentlich ausgerechnet an der K-Taste? Was ist Besonderes am K? Im Alphabet ist es der 11. Buchstabe. Ursprünglich war er der 10, denn das im Alphabet voranstehende „I“ war ein Halbvokal, konnte als „i“ oder als „j“ gelesen werden, je nach Kontext. Erst später wurde das Zeichen für den Laut „j“ eingeführt, um dem faulen Leser zu ersparen, dass er sich über die Lautung von „I“ Gedanken machen musste.

Wörter mit K sollen lustig sein: Karambolage, Knüppel, Kindertagesstätte, Kilogramm :)) – Kartoffelpuffer, Kischererbsen, Kaffeepause 😉 …
Wenn der rechte Zeigefinger an der K-Taste festhängt, muss man mit der Finger der linken Hand um den rechten Zeigerfinger herumtippen. „Kopf“ zu tippen ist schon schwierig. Noch schwerer hat man es mit „Köln“. Ganz schwer um das K herum zu tippen ist „Plöm“. Glücklicher Weise gibt es dieses Wort nicht.

Das wären in etwa meine Gedanken, säße ich nicht auf der Dachterrasse, sondern führe die Straße hoch. Böge ich nach rechts in die Vaalser Straße ein, könnte ich endlich den Kopf wieder heben, weil die Sonne mich nicht mehr blendet. Da hält ein Gelenkbus am Westfriedhof, und eine große Gruppe feingemachter Holländer steigt aus. Man ist gut gelaunt und versammelt sich auf dem Fahrradweg. Klingeln oder „Platz da!“ rufen will ich nicht, denn der Schutz der Straßenverkehrsordnung gilt selbst für Holländer. Mir geht auch die unbestreitbare Weisheit eines Palindroms durch den Kopf:

EINE HORDE BEDROHE NIE

Erst als ich genötigt wäre, eine hübsche blonde Frau im schwarzen Kostüm und auf Pumps umzufahren, klingele ich doch.
„Ah!“ tönt es ringsum, „dit is een fietspaad!“, und freundlich lächelnd macht man mir Platz. Holländer respektieren den Fietspaad, er ist ihnen heilig.

Tatsächlich weht der Wind eines meiner Hemden vom Wäscheständer. Zum Glück ist es fast trocken. Das andere auch, fühle ich. Es ist still im Haus. Der Bewohner der Dachwohnung ist offenbar nicht zu Hause. Unterm Dach zu wohnen, ist ein Wagnis. Nicht nur der Hitze im Sommer wegen. Man hat dort seltsame Gedanken. „Attic thoughts“. Eine LP des schwedischen Komponisten und Keyboarders Bo Hanson heißt so. „Gedanken aus der Dachstube“. Die Musik ist den Geschichten des wahnsinnigen H. P. Lovecraft gewidmet. Seine Erzählung „Die Musik des Erich Zann“ erzählt von einem Geiger, der eine Dachstube bewohnt und mit seiner Geige wilde sphärische Klänge zaubert, die nicht von dieser Welt sind. Erich Zann hat ungewollt Kontakt zu jenen uralten Wesen, die vor Äonen aus dem Weltall auf die Erde kamen und tief unter uns leben, eine namenlose Bedrohung, die man dort spürt, wo die Realität ein wenig dünner ist als an anderen Stellen, zum Beispiel in Dachstuben.

Später, nach langer Fahrt, die Sonne stand schon tief im Westen, da saß ich an einem merkwürdigen Wasserlauf und las. Der Wasserlauf war künstlich angelegt und hatte, von oben gesehen, die Form einer Sichel. Am Beginn der Sichel standen senkrecht und dicht beieinander drei dicke glänzende Rohre. Aus ihren Pumpenhälsen strömt das Wasser. Bald beruhigt es sich und fließt still durch den breiten Kanal, bis es an einer Stufe anlangt, über die Kante fließt und aufschäumen in die nächste Ebene stürzt, immer weiter, um sich am Ende der Sichel in ein großes dreieckiges Becken zu ergießen. An der Längsseite des Dreiecks waren lange Stufen auf Beton, auf denen eine Schar von Menschen Platz hätte, um sich von der Arbeit in den gläsernen Palästen zu erholen.

Diese beiden Büropaläste jedoch stehen allein auf weiter Flur und sind leer. Da sind nur zwei Männer, die einen dicken Schäferhund im Kanal baden lassen. Eine Weile jagen sie ihn ins Wasser, dann kommen sie die Sichel entlang auf mich zu. Da habe ich nur die eine Sorge, dass sich der Hund just vor mir das Wasser aus dem Zottelfell schütteln könnte. Denn inzwischen ist es schon recht kühl.

Als der nasse Hund gerade auf meiner Höhe ist und aufhört, im Kies des Weges zu schnüffeln, den Kopf hebt, mich ansieht und sich gewiss gleich schütteln wird, schob der Bewohner der Dachstube sein Fenster auf. Meine Hemden bauschten sich hübsch im Wind, und ich hatte geträumt, mein rechter Zeigefinger sei festgehakt am K

Schönen Sonntag.

Dieser Beitrag wurde unter Teppichhaus Intern abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Attic thoughts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.