Abendbummel Online – Sie wollen mir nicht widersprechen!

Flashback

=> Das Haustelefon in der Setzerei klingelte. Ich nahm den Hörer ab. Der Alte war dran.
„Du willst einmal herunterkommen!“, sagte er.
Ich legte den Winkelhaken auf den Rand des Setzkastens, wusch mir den Bleidreck von den Fingern und ging die Treppe hinunter ins Büro.
„Ha! Sie wollen mir nicht widersprechen!“, hörte ich den Alten gerade sagen. Dann sah ich, wer diese Ungeheuerlichkeit gewagt hatte. Im Büro standen ein junger Mann und eine junge Frau und schauten sehr unglücklich drein. Die beiden hatten Pech, denn es war kurz nach 2 Uhr, und die Sekretärin war noch nicht aus der Pause zurück, so dass der Alte die Laufkundschaft bedienen musste. Er hatte ein Musterbuch auf den Tisch gelegt, aus dem die beiden sich eine Vermählungsanzeige aussuchen sollten. Offenbar hatten sie sich eine andere Schrift gewünscht als vorgesehen war. Denn Verlobungs- und Vermählungsanzeigen setzen wir aus der „Forelle“, der „Charme“ oder der „Delphin“.

Der Alte brummte „den Lehrling fragen“, knurrte mir irgendwas zu und ließ mich mit den beiden allein. Ich fragte höflich nach ihrem Begehr. Sie waren froh, es mit mir zu tun zu haben, obwohl meinen grauen Kittel Flower-power-Motive schmückten, die ich aus Übermut mit dem Kuli draufgemalt hatte. Auch trug ich eine Kugelschreibersammlung aufgereiht in der oberen Kitteltasche. Da klemmten so viele, wie gerade nebeneinander passten.

Ja, sie wollten heiraten, verlobt waren sie schon, ich sah es an den Ringen. Sie waren sich wegen der Schrift nicht schlüssig. Die formelhafte sprachliche Vorlage akzeptierten sie klaglos. Es war zu jener Zeit nicht schicklich, groß von der Norm abzuweichen. Zudem waren Sonderwünsche teuer. Und ich habe dem Verlobungspaar, glaube ich, die Sonderwünsche auch ausgeredet.

=> Übrigens leitete der Alte alle seine Anweisungen mit „du willst…“ ein. Er hatte diese Weise, mit Untergebenen zu sprechen, offenbar aus der Kaiserzeit von seinem Vater übernommen und sie in die sechziger Jahre gerettet. Dass er mit den Kunden auch so sprach, fanden wir damals witzig. Doch Ende der sechziger Jahre war das Druckerhandwerk noch in einer unangefochtenen Machtposition. Das änderte sich dann rapide Mitte der 70er, als die Fotosatzgeräte eingeführt wurden.

=> Ich habe meine praktische Gesellenprüfung im Setzereisaal der Neuß-Grevenbroicher-Zeitung abgelegt. Das heißt, ich musste dort am Setzkasten eine Stunde Schnellsatz machen. Der Saal hatte viele Regalgassen, und es stand mindestens ein Dutzend Arschgespanne darin. Man tat sehr überheblich, denn ohne die Schriftsetzer lief damals gar nichts im Druckgewerbe. Es gab einen ausgeprägten Standesdünkel, und was die technische Form der Schrift betraf, fühlte man sich sogar den Zeitungsredakteuren überlegen.

=> Derzeit habe ich weit mehr Schriften, Größen und Schnitte auf meinem Rechner als dieser Saal hätte fassen können. Zusätzlich habe ich Möglichkeiten der Verfremdung von Schriften, von denen ein früherer Schriftsetzer nur träumen konnte. Man schwärmte damals zum Beispiel von der „Gummigrotesk“, von einer Groteskschrift also, die sich beliebig stauchen lässt. Darüber wurde gelacht, denn eine solche Schrift konnte es nicht geben.

Den Effekt einer Gummigrotesk kann man in einem modernen Layoutprogramm durch die Verstellung der Laufweite erreichen. Man kann Schriften stauchen, zerren, biegen und kippen, negativ setzen, sie mit Tonflächen unterlegen und so weiter. Man kann Druckschrift mit bildhaften Elementen verknüpfen oder auch zum Beispiel mit Kalligraphie kombinieren. Würde ich den Beruf noch ausüben, könnte ich zudem in einer Stunde etwa die Arbeit von fünf oder gar zehn Schriftsetzern erledigen und zwar bei mir zu Hause.

=> Vor einigen Tagen rief mich die Freundin eines Freundes an. Sie wusste, dass ich mich einmal mit Kalligraphie beschäftigt habe und auch gelegentlich Layouts gestalte, weil mich diese Arbeit noch immer fasziniert. Eine ihrer Freundinnen wolle heiraten, und sie wünsche sich für die Vorderseite der Vermählungskarte einen kalligraphischen Spruch. Ob ich das machen könne.

Ich sagte zu, denn so hätte ich einen Grund, mich mal wieder in Kalligraphie zu üben.

=> Heute hatte ich Besuch von zwei jungen Frauen. Zuerst dachte ich mir nichts dabei. Die eine war vielleicht nur mitgekommen. Doch als meine „Kundin“ an meinem Tisch ihr Manuskript entfaltete, sah ich zwei Frauennamen. Da begriff ich endlich, dass diese beiden Frauen bald heiraten würden. Ich ließ mir nichts anmerken und tat, als würde ich alle Tage für gleichgeschlechtliche zukünftige Ehepaare Vermählungsanzeigen gestalten. Man will ja nicht wie ein Spießer wirken. Ich fand es sogar prima, dass die beiden sich trauen, sich trauen zu lassen. Auch war die Besprechung mit ihnen wirklich nett.

Man schaue sich aber einmal den Unterschied der beiden Situationen an, die ich hier geschildert habe. Es liegen nur wenige Jahrzehnte dazwischen.
Doch die haben es verdammt in sich.

Guten Abend

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