Nachtschwärmer Online – Über Macht

Magst du dich bei diesem Schneesturm noch einmal aufs Fahrrad setzen? Keine Sorge, das hier ist ein Blick in die jüngere Vergangenheit. Einmal kurz ins Gestern, weil wir es auf dem Rückweg so eilig hatten und deshalb die Abtei von Rolduc links haben liegen lassen.

Rechts ist eine breite wellige Wiese mit künstlich angelegten Teichen, die jetzt vereist sind. Zwei Gestalten stehen dort im Schnee und lassen ihre Hunde jagen. Sie wohnen vermutlich in den niederländischen Plattenbauten, deren Hässlichkeit ein wenig durch farbige Malerarbeiten verdeckt wird. Es war Kohleabbaugebiet auf beiden Seiten der Grenze, und es ist Grenzgebiet. Die Menschen auf dieser, der niederländischen Seite des Flusses Wurm sind nicht unbedingt reich. Viele kleine Existenzen findet man hier, die sich krümmen müssen. Deshalb hat man hier auch gerne Kampfhunde. Weil ihr Besitz Macht und Einfluss vortäuscht. Im Sommer führt man die Kampfhunde im „Pitbull-Smoking“ herum. Er ist meistens von Addidas. Jetzt ist Winter, dann trägt man weite gefütterte Jacken mit dunklen Kapuzen.

Das ist der Blick nach Südwesten.
Der Blick nach Nordosten geht weit. Am Horizont eine der großen Kohlenhalden der Region. Im Vordergrund am Rande des Waldes, der sich ins Flusstal hinunter zieht, dort glitzert zwischen den verschneiten Ästen der große Stern der Abtei Rolduc. Der leuchtende Stern prangt an einem mächtigen Kirchturm, der die Abtei überragt und von weit her schon zu sehen ist. Der Name Rolduc ist eine Verkürzung des französischen Namens für Herzogenrath: Rode-le-Duc. Ich habe mich bei Wikipedia schlau gemacht:

„Die Abtei wurde 1104 gestiftet vom Mönch Ailbert von Antoing, der sein voriges Kloster verlassen hatte, weil er die Einhaltung der Ordensregel dort nicht streng genug fand. Es wurde eine Abtei der Augustiner-Chorherren. Schon 1136 erhielt Rolduc die weltliche Schirmherrschaft der Herzöge von Limburg. Einige Herzöge wurden in der Krypta der Abteikirche beigesetzt.“

Wir lesen von Macht. – Macht über sich selbst und Macht über andere. „Macht“, – mir war, als sei dieses Wort in den Himmel über der Abtei geschrieben. Ich sah in den dunklen Wolken einen „Himmelsbrief“, wie ihn die Alten oft am Himmel sahen. Es ist von der baulichen Anlage und von ihrem Einfluss her auf die Region im wahrsten Sinne eine mächtige Abtei.

Was mag er denken, der Mann in der dunkle Kapuze, der seinen Kampfhund durch den Schnee stöbern lässt? Ob ihm klar ist, dass dort vor seiner Nase die wahren Mächtigen saßen und noch immer sitzen, heute ergänzt um Manager und andere, die sich dort in Seminaren schulen lassen?

Magst du mit mir drei Jahre in die Vergangenheit springen?


Zweite Etappe

Eisiger Winter an der östlichen Grenze des Landes. Unten an der Neiße bei Görlitz. Dort liegt das große Kloster Marienthal. In diesem ehemals mächtigen, tief verschneiten Kloster befindest du dich.
Ich hatte dort ein Seminar abzuhalten über Zeitung und Medien. Die Teilnehmer waren zwei Schulklassen Ost-West und dabei waren jeweils drei Lehrer. Abends im Schneesturm traf ich ein. Die Straßen über die Höhenrücken der Lausitz waren zum Teil verweht gewesen. Das Abendessen hatte ich verpasst, der Speiseraum lag dunkel. Die Schulklassen waren schon in den verschiedenen Gebäuden auf den Zimmern.

Man hatte mir mein Essen auf die Klosterstube gebracht. Ich fand es vor, als ich aufschloss. Der Raum unterm Dach, weiß getüncht und schwarzes Gebälk. Kleine Fenster nur, doch das war gut. Denn stieß ich die Flügel auf und sah hinaus in die Nacht, brauste unter mir in der Schwärze ein eisiges Wehr der wilden Neiße. Es war ein guter Raum trotz des Rauschens, das durch die Fenster drang.

Bald lag ich einfach so auf dem Bett, studierte das Gebälk und hing meinen Gedanken nach. Da kam plötzlich ein schöner Friede über mich. Nur kurz, dann war er weg, doch ich wollte ihn zurück. Woher war er gekommen? Ach, ich hatte über meine Eltern nachgedacht. Ja, das Leben meiner Mutter war mir durch den Kopf gegangen. Sie hatte es schwer, denn mein Vater starb früh. Ich sah es mir noch einmal ehrfürchtig an. Und dann wollte ich nicht ungerecht sein und sah mir auch das Leben meines Vaters an. Viel weiß ich nicht von ihm, denn er starb, als ich klein war. Doch es reichte, um zu sehen, dass auch er sich in einem harten Leben achtbar gehalten hatte. Er war fünf Jahre in Sibirien in Gefangenschaft gewesen. Ich habe Briefe gesehen von ihm mit russischen Straflagervermerken.

Und kam er zurück, war er kuriert. Er hätte sich nie mehr wieder einen Helm auf den Kopf gesetzt. Hüte und Kappen wollte er auch nicht mehr. Nur den Zylinder, und das zum Spaß beim Schützenfest, weil meine Mutter ihn bat. Ja, da kam der schöne Friede wieder zu mir zurück. Denn ich hatte für einen Augenblick meine Eltern einfach nur so geachtet. Nicht gehadert und nicht innerlich gestritten. Wie es viele tun, wenn es um die eigenen Eltern geht.

Es war eine gute Übung. Ich kann sie empfehlen. Denn die wahre Macht hatten sie einst über uns. Sie haben uns geformt und angeleitet, als wir klein waren. Sie kennen das Kind in uns besser als wir. Sie hatten eine Idee von uns. Ein Ideal hatten sie im Kopf, was sie sich wünschten, wie wir einmal werden sollten. „Besser“ sollten wir es in jedem Falle haben. Sie haben uns einen inneren Halt mitgegeben. Hier ist er schwach, dort ist er stark. Doch in jedem Fall ist es Halt, denn sie haben uns das Stehen, das Gehen und das Sprechen beigebracht. Diesen Halt kannst du in dir finden. Er ist harmlos, egal wie sehr du jetzt mit deinen Eltern haderst, denn den Inneren Halt gaben sie dir einst mit Herz, Hand und Verstand.


Dritte Etappe

Da dachte ich, was hat es auf sich mit besonderen Plätzen? Warum war es die Klosterzelle, in der mir der schöne Friede geschah? Du weißt, ich bin keine Betschwester. Deshalb muss ich dich jetzt aus dieser warmen Stube reißen. Tut mir leid, jetzt sind wir wieder draußen. Wir fahren mit dem Rad noch ein kurzes Stück meines Rückwegs zurück. Es liegt an der Landstraße im Feld zwischen den Orten Kohlscheid und Richterich. Ein Fahrradweg, nicht geräumt und holperig von den Fußstapfen einiger Menschen, als es taute. Links die Chausseebäume, rechts ein verschneites Feld. Die Wegstrecke ist flach, doch man kommt nicht voran. Du denkst, es liegt am holperigen Schneeboden? Nein, man kommt hier auch im Sommer nicht gut voran. Ich weiß nicht, was es ist, will auch nicht spekulieren. Wer viel mit dem Rad gefahren ist, kennt solche Stellen.

„Hier rollt es nicht!“, sagen die Radsportler. Es hat nichts mit dem Bodenbelag zu tun. Der Tritt ist dort immer schwer, egal, wann man kommt. Das Gegenteil findest du auch. Da geht es sogar leicht bergan, doch es rollt wie geschmiert. Wenn du meist mit dem Auto unterwegs bist, spürst du davon nichts. Doch ich frage mich: Was ist das? Unsere Alten, die noch näher an der Natur waren, sie hatten diese Wahrnehmung stark. Sie wussten, es gibt in der Welt schlechte und gute Stellen und Plätze. Sie haben Kult oder Religion aus dieser Wahrnehmung gemacht. Sie pflanzten Eichen, stellten Standbilder und Tempel auf, wo es gut war. Später setzte man die Kreuze, Kapellen, Kirchen und Abteien darauf. Deshalb – es hat nichts mit Religion zu tun, wenn du keine hast. Es ist Ergebnis einer schlichten Wahrnehmung in der Natur:

Es gibt auf der Welt schlechte und zum Glück auch gute Plätze. Finde einen guten Platz in der Welt, dann hast du Macht über dich.

Gute Nacht, meine Lieben!

Und vergiss nicht: Der erste gute Platz, den unsere Vorfahren fanden, war eine Lichtung. Sie haben die Lichtung erweitert – mit einer Rodung (Rolduc = der Name einer Rodung).
Doch oft ist es nicht nötig, Bäume zu roden. Eine Lichtung zu finden, wo es gut ist, tut es auch.

:yawn:

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