Abendbummel online – Sint Servaasbrug

Nehmen Sie das Geld wieder an sich, Mijnheer, sagt der niederländische Busfahrer, „wir streiken.“ „Oh, wie schön, dann wünsche ich viel Erfolg!“, sage ich und lasse mich kostenlos nach Maastricht fahren. Vier Euro gespart. Der Öffentliche Nahverkehr in der niederländischen Provinz Limburg wird vom weltweit führenden privaten Verkehrsunternehmen Veolia betrieben. Derzeit streitet man in den Niederlanden um einen neuen Tarifvertrag im Personenverkehr. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, kassieren die Busfahrer am 30. April sowie am 1., 5., 6., 11. und 12. Mai kein Fahrgeld. So schön kann Streik sein. Da passt es, dass die Niederländer heute den Koninginnedag feiern, mit viel Orange kleur und Musik auf allen Straßen. Der Koninginnedag geht auf den Geburtstag von Ex-Königin Juliana zurück. Und ihr zu Ehren feiert die derzeitige Königin Beatrix ihren Geburtstag ebenfalls am 30. April. Heute, also am 31. Januar, wurde/wird Beatrix 70. Dieses Durcheinander der Geburtstage ist mir eigentlich egal ist, wird hier aber erwähnt, um der journalistischen Sorgfalt zu genügen.
Blick-auf-Wijck
Der Bus hält im Maastrichter Stadtteil Wijck. Wijck geht vermutlich auf die Wortwurzel von weich – wik zurück, die auch im deutschen Wort Weichbild steckt. Das untergegangene Substantiv wik bedeutet eigentlich Wohnstätte, Siedlung. Wijck ist demnach eine spätere Ansiedlung auf der östlichen Seite der Maas. Das Stadtzentrum mit Altstadt liegt am jenseitigen Ufer. Die wichtigste Verbindung zwischen beiden Stadtteilen ist die Sint Servaasbrug, auf der allerdings keine Autos fahren dürfen. Wir mischen uns unter die unzähligen Maastrichter, die in Festtagslaune über die Brücke streben. Schauen mal runter auf die Maas, – sie hat derzeit eine ordentliche Strömung, – lassen uns vom Frühlingswind durchpusten und gehen hin, wo alle hinstreben, ins Zentrum. Da habe ich was zu erledigen.

Die Maastrichter nötigen mir Bewunderung ab, ihrer Gelassenheit wegen, was vielleicht daher rührt, dass sie an einem Fluss leben. Und die Frauen kleiden sich schmuck. Hier zeigt sich die niederländische Lebensart auf artigste Weise, wenngleich es auch soziale Probleme gibt und dergleichen üble Folgen für die Betroffenen. Doch die merkantilen Niederländer gehen phantasievoller und in vielen Bereichen erfolgreicher damit um.

Vor einem Jahr war ich um diese Zeit in Amsterdam und sprach mit meiner Gastgeberin darüber, wie es wäre, in Amsterdam zu leben, wovon ich als Jugendlicher geträumt hatte. Das Stadtviertel, in dem sie wohnt, ist kosmopolitisch, dort siedeln viele Engländer und US-Amerikaner. Da wäre auch Platz für einen Deutschen, sagte sie. Ein bisschen zu schnieke sei allerdings alles geworden. Überall lustwandeln schöne und reiche Menschen, Prinz Wilhelm Alexander kommt schon mal in eines der Cafes und trinkt ein Pilsje, und in der Nähe ist der Rocksänger Herman Brood von einem Hoteldach in den Tod gesprungen, nicht wegen Prinz Wilhelm Alexander, sondern weil er nach einer Entziehungskur unter Drogenverzicht depressiv geworden war. Therapie erfolgreich, Patient tot. Ich habe seinen Tod wirklich bedauert, denn er hat mit seiner Band Herman Brood & His Wild Romance gute Rockmusik gemacht.

Derzeit verspüre ich keine Neigung, von einem Hoteldach zu springen. Trotzdem könnte ich weder in Amsterdam noch in Maastricht leben. Meine Amsterdamer Freundin zum Beispiel entstammt einer jüdischen Familie. Und obwohl ich nichts mit Nationalsozialismus am Hut habe, fühlte ich mich als ihr Gast immerzu ein wenig schuldbeladen. So geht es mir überall in den Niederlanden. Das ist ferner Donner, der nicht verhallen mag. Es hat auch keinen Zweck, Niederländisch zu sprechen, denn sie antworten dir garantiert auf Deutsch, was eine subtile Form der Ausgrenzung ist. Allerdings hatte ich heute auch ein bisschen Koninginnedag, denn ich bin schließlich kostenlos nach Maastricht und zurück gefahren.

Guten Abend

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