Plausch mit Frau Nettesheim – Am besten alles weglassen

trithemius & Frau NettesheimTrithemius
Ja, ja, ja, Frau Nettesheim. Ich weiß, warum Sie mich so vorwurfsvoll anschauen.

Frau Nettesheim
Gar nicht, Trithemius. Ich verstehe recht gut, warum Sie zur Zeit so wenig schreiben.

Trithemius
Es ist Demut, Frau Nettesheim. Ich kann eben nicht jederzeit in den Wortbaukasten greifen und Wörter aneinanderreihen wie Dominosteine. Versucht habe ich es sehr wohl. Doch wenn ich immerzu Wörter herausfische, die nicht zueinander passen, dann lasse ich es besser.

Frau Nettesheim
Wollen Sie mir erzählen, dass Schreiben ein wahlloses Herausfischen von Wörtern ist?

Trithemius
Eben nicht. An guten Tagen reicht ein Gedanke, ein erster Satz, und dann stellen sich in der Folge die richtigen Wörter ein. Ich muss sie nur noch gefällig anordnen. Denn es steckt ja genug Weisheit in den Wörtern. Ein jedes hat ein kaum fassbares Bedeutungsfeld, trägt seine Geschichte in sich und zwar von seinem Entstehen aus einer bildhaften Vorstellung über die verschiedenen Verwendungsweisen im Laufe der Zeit bis hin zu seiner Banalisierung und Verflachung im Alter.

Deshalb besteht der Trick im absichtlich ungenauen Einsatz von Wörtern. Dann entfalten sie beim Leser mehr Bedeutung als der jeweilige Autor sich gedacht hat. Und dann ist da auch noch das Weglassen. Wo es nicht nötig ist, eine Sache genau zu beschreiben, da lässt man Leerstellen, damit der Leser auch was zu tun hat.

Frau Nettesheim
Wenn Sie so genau enthüllen können, wie Ihr Schreiben funktioniert, warum schreiben Sie dann nicht?

Trithemius
Weil ich in der Stimmung bin, beinahe alles wegzulassen. Ich schreibe zum Beispiel den Satz: „Natürlich war und ist die Menschheit dem Wahnsinn verfallen.“ Der reicht doch, Frau Nettesheim. Wie der Wahnsinn in seinen verschiedenen Erscheinungsformen aussieht, kann sich jeder selbst ausmalen.

Frau Nettesheim
Es wäre leichter, Ihren Satz zu verstehen, wenn Sie mir ein Beispiel geben.

Trithemius
Bin ich vielleicht ein Buchhalter, der den täglichen Hirnriss Seit um Seit in Folianten pinselt? Man braucht doch nur die Bildzeitung abzuheften und jeden Monat binden zu lassen, dann hat man eine wunderbare Chronik des Irrsinns.

Frau Nettesheim
Sie übertreiben, denn eine Zeitung spiegelt nicht das reale Leben, in dem es sehr wohl gute und nützliche Handlungen gibt, anders als die journalistisch frisierten Selektionen vermuten lassen.

Trithemius
Bitteschön, Frau Nettesheim, dann gebe ich Ihnen einen unfrisierten Dialog, den ich in einem Handyladen hörte. Ein Mann namens Dominik sagt dem Service-Techniker:
„Mein Handy kackt dauernd ab, und wenn mich einer anruft, kann ich ihn nur über Lautsprecher verstehen.“
Der Techniker betrachtet das defekte Gerät und sagt:
„Es kackt ab, und was war noch?“

Frau Nettesheim
Hihi.

Trithemius
Und Sie lachen auch noch.

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