Vom Jung sein zum Alt sein ist’s nur ein Katzensprung

Franz, Karl-Heinz, Theo und ich saßen bei Franz zu Hause im Wohnzimmer über dem Jugendherbergsverzeichnis, einer Deutschlandkarte und einem Notizblock und planten unsere Radtour aus dem Rheinland bei Köln zum Bodensee. Leider konnte Franzens Vater uns nicht in Ruhe lassen und berichtete zum xten Mal von der Radtour, die er mit einem gewissen Jupp unternommen hatte, und in der er der Held war, denn Jupp wurde vom Heimweh überwältigt und fing bereits an der nahen Bahnschranke zu heulen an, war nicht mehr zu trösten gewesen, so dass die großartigste Radtour des Jahrzehnts schon nach fünf Kilometern enden musste. „Ach, langweile uns doch nicht mit Berichten aus deiner Jugend, alter Mann“, dachte ich, „jetzt sind wir jung und planen unseren Aufbruch in die Welt.“ Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, aber dieses Gestern umfasst doch ein halbes Jahrhundert und ist nur geschrumpft, damits noch in meinen Kopf passt.

Heute würde ich gerne Abbitte leisten, aber Franzens Vater ist gewiss nicht mehr. Heute weiß ich wie lustvoll ist es, eigene Jugenderinnerungen abzurollen, wenn man alt ist. Und selbst wenn man spürt, dass junge Menschen derlei Erzählungen nicht hören wollen, man will sie dem unwilligen Auditorium zum Trotz doch noch loswerden, denn Erzählen ist nicht nur das Entfalten einer geschrumpften und eingetrockneten Erinnerung, sondern ein wenig ist es auch Wiedererleben, als würde die geschrumpelte Erinnerung von neuem Lebenssaft getränkt wieder geschmeidig und ließe sich abrollen zum Lebensstrang und gleichsam rieseln Glückshormone durch die Adern und man möchte glauben, die Zeit wäre zurückzudrehen.

Noch mal zum Anfang: Vom Jungsein zum Altsein ist’s nur ein Katzensprung, was aber nur erkennt, wer den Hupfer schon gemacht hat. Dass aber die Erfahrungen der Alten in unserer Welt nichts gelten, ist ein Effekt der Schrift. In schriftlosen Kulturen sind die Alten die Bibliothek, was deutlich wird im oft zitierten Bonmot des malischen Autors Amadou Hampaté Bâ: „Mit jedem Greis, der in Afrika stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek.“

Schriftgebrauch geht einher mit der Abwertung der Alten. Sie werden jetzt nicht mehr als kollektives Gedächtnis gebraucht. Schriftliche Aufzeichnungen bieten ein vergleichendes System, das den Schwächen der menschlichen Erinnerung nicht zu unterliegen scheint. Zwar warnt schon Platon, dass die Schrift nur „Scheinweise“ hervorbringe, aber das ist egal in einer Zeit, die Scheinweisheit nicht hinterfragt.

Als der isländische Skalde Egil in hohem Alter mit einem Freund auf dem Markt war, sagte er: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“

Ich finde tröstlich, dass die jungen Weiber, die damals über Egil lachten, inzwischen ebenfalls längst verröchelt sind. Vor der Zeit sind alle gleich. Wenn es mich überkommt, mit meinem Lebensalter zu hadern, sage ich mir, dass ich in keinem Augenblick so jung bin wie in diesem. Um ihn mies zu machen, ist der Augenblick zu kostbar.

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NSU, Zeitumstellung und die Sau Panama papers

Soeben bekam ich eine Mail des Pressedienstes Blendle mit dem Betreff: „So verstecken Sie Ihre Milliarden vor dem Finanzamt. Dieser Insider packt aus.“ Natürlich hatte ich mich verlesen. Da stand „So verstecken Reiche Milliarden vor dem Finanzamt.“ – Muss ich das wissen? Mietmäuler wie der smarte Anwalt Wolfgang Kubicki, nebenher stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP, teilen ja längst mit, Briefkastenfirmen wären nicht grundsätzlich illegal. Andere weisen mich darauf hin, dass jeder, auch ich schon mal bei der Steuererklärung geschummelt hätte, mir letztlich nur die Gelegenheit fehlen würde, Milliarden zu hinterziehen. Wenn das die Erkenntnis ist, dann wäre doch die Konsequenz, dass es Gesetze und Kontrollen geben muss, die geeignet sind, unsere durch und durch unmoralische Haltung und das daraus folgende egomane Verhalten in Grenzen zu halten. Dass wir solche engmaschigen Gesetze und Kontrollen bei Hartz-IV-Empfängern haben, bei Reichen aber nicht, ist doch der eigentliche Skandal und das Komplettversagen von Regierungen, die sich auf das Volk haben vereidigen lassen. Zur Erinnerung. Der Amtseid lautet:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“

Da wird nicht davon ausgehen können, dass alle Regierungsmitglieder pflichtvergessen sind oder gar einen Meineid abgelegt haben, muss es an den Gesetzen liegen, die sie befolgen. Der eigentliche Skandal ist nämlich, dass die Gesetze nicht geeignet sind, Gerechtigkeit gegen „jedermann“ zu gewährleisten. Das können wir auch nicht erwarten, wenn sich deutsche Ministerbehörden die Gesetze von Anwaltskanzleien schreiben lassen, die in erster Linie die Interessen von Banken und deren Großkunden vertreten.

Derzeit treiben
Süddeutsche Zeitung und ihr Rechercheverbund die Sau „Panama Papers“ durchs Dorf. Auf allen Kanälen wird dem staunenden Volk erklärt, wie ihr Sozialwesen durch die Geldelite betrogen wird. Was nutzt es, das zu wissen? Es ist wie bei der Zeitumstellung. Alle Welt erklärt, dass das Hin und Her bei der Uhrzeit der komplette Unsinn ist. Selbst Politiker sprechen sich dagegen aus. Doch es bleibt dabei. Zweimal im Jahr muss halb Europa die innere Uhr umstellen, und es kommt über uns wie eine Naturgewalt. Genauso der NSU-Skandal und die Erkenntnis, dass Behörden wie der Verfassungsschutz die Morde gedeckt und letztlich gefördert haben. Das decken Untersuchungsausschüsse auf, aber niemand stoppt die Geheimdienste, niemand von den Beamten, die verstrickt sind, muss sich verantworten.

Aus all dem
lernen wir eines: Das Gebaren der Geldelite, Betrug und Korruption, sind wie Zeitumstellung und verbrecherische Aktionen der Geheimdienste gleich den Naturgewalten, denen niemand trotzen kann. Die Konsequenz ist eine Übung in Untertanengeist. Der massenpsychologische Effekt ist ein gefährlicher Fatalismus, die Erkenntnis, dass die da oben schalten und walten wie sie lustig sind. Wir müssen uns nicht mehr fragen, ob es den politischen Eliten überhaupt Ernst ist mit Demokratie. Wir wissen seit TTIP, dass sie Demokratie vielmehr lästig finden. Es wäre in jedem Fall einfacher, wenn nicht das Volk sich Regierungen, sondern die Regierungen sich das Volk wählen könnten, devotes Herdenvieh, das jeden Scheiß erträgt, solange genug Spaßevents angeboten werden – im Zirkus des schlechten Geschmacks.

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Jüngling der Schwarzen Kunst – Folge 7 – Ewald Knoblauchwurst & Lutz der Zuhälter

Prolog Teil zweiTeil dreiTeil vierTeil fünfTeil sechs

Ewald kommt nur morgens. Am Nachmittag und Abend studiert er am Kollegium Marianum. Er ist ein Spätberufener und will Priester werden. Seine Hauptspeise ist Knoblauchwurst. Täglich schickt er den Jüngling in die Metzgerei. Er ist ein dicklicher Mann, und es ist nicht schön mit anzusehen, wie unersättlich er die Wurstscheiben verschlingt. Aber seine Engelsgeduld ist schön. Nettesheim springt wie ein Schneider um ihn herum und neckt ihn. Ewald erträgt das alles gern. Am liebsten sind ihm die kleinen Ringkämpfe mit dem Jüngling. Beim Raufen wird Ewald ganz unruhig. Er beginnt heftig zu schnauben und hält den Jüngling manchmal viel länger in seine Arme gedrückt als schicklich.
Nettesheim merkt nicht, was los ist. Er sieht Ewalds hochrotes Gesicht und sagt sich, dass es vielleicht typbedingt sei oder die Ernährung.
„Ja, ich bin Leptosome, aber du bist Pykniker!“
Ewald bezähmt sich. Er will das Vertrauen des Jünglings nicht verlieren. Doch sein gieriger Blick beim Ablösen der Pelle. Wehe, wenn diese Fleischeslust sich woanders Bahn bricht! Was soll das werden, wenn er erst einmal Priester ist?

Es ist Mai. Ein Neuer tritt im Glashaus auf. Er heißt Lutz und ist ein ehemaliger Strafgefangener. Der Alte hat ihn auf Drängen seiner Bewährungshelferin hin eingestellt.
Lutz ist ein großspuriger kräftiger Typ, der auf stämmigen Beinen durchs Leben geht. Sein Gesicht hat etwas Schweinisches. Er ist ohne jede Scham. Bereitwillig erzählt er von seinem kriminellen Werdegang. Als Lehrling bei der Lokalzeitung hatte er zunächst die Belegschaftskasse gestohlen. Er war damit bis Amsterdam gekommen. Später hatte er sich als Zuhälter versucht. „Zwei Pferdchen“ habe er am Laufen gehabt. Die hätten ihm sogar Liebesbriefe in den Knast geschickt. Der Jüngling hört das gar nicht gern und entschließt sich, Lutz nichts zu glauben. Was wäre das für eine Welt, in der Frauen solchen Typen Liebesbriefe schreiben? Aber Fink, einer der Drucker, der aus demselben Nest wie Lutz stammt, betet ihn an. Andauernd drückt er sich im Glashaus herum und lauscht seinen Erzählungen.
Als Lutz freitags seine erste Lohntüte bekam, lud er Fink und den Jüngling zu einem Umtrunk ein. In der Mittagspause gingen sie ins Cappuccino. Sie setzten sich an einen kleinen runden Tisch, und Lutz ließ Asbach-Cola auffahren. Er führte das große Wort. Das hier war schon eher seine Welt. Er hatte einen weiteren Job angenommen, als Discjockey in einer nahen Diskothek.
„Du musst unbedingt mal kommen, Nettesheim“, sagte Lutz. „Ich schwöre dir, wenn du reinkommst, werde ich dich übers Mikrophon ausdrücklich begrüßen. Dann bist du der Star!“
Er schnappte sich ein Colafläschchen und nuschelte nach Diskjockeymanier hinein.
„Hallo, meine lieben Freunde, hier ist wieder Ihr und euer Diskjockey – Charly. Die nächste Platte spiele ich für meinen werten Kollegen – Hannes! Nettesheim! Jüngling! Overlack! Soeben hat er die Diskothek betreten. Und hier ist er!“
Mit dem Zeigefinger auf den Jüngling zeigend, befahl er einem imaginären Beleuchter: „Spot!!!“
Fink rutschte unruhig hin und her.
„Und ich?“
„Dich begrüße ich natürlich genauso!“
„Genauso?“ fragte Nettesheim.
Plötzlich sprang Lutz auf und rannte zur Tür.
„He Pitter! Komm her, du blöde Sau!“ schrie er in die Fußgängerzone hinaus.
Pitter, der zufällig an den Fenstern des Cafes vorbeigegangen war, kam herein, in Begleitung eines zweiten. Lutz und er kannten sich aus dem Knast. Sie begrüßten sich lautstark, fielen sich in die Arme und boxten sich zum Spaß. Mehr Asbach-Cola wurde geordert. Nettesheim saß plötzlich eingeklemmt zwischen zwei schweren Jungs.
Der Kellner holte sich an der Kasse eine Mark und warf erneut die Musikbox an, wie um das Krakeelen der Knastbrüder zu übertönen, und die Beatles machten sich zum xten Mal auf die „Magical Mystery Tour“. Der Jüngling bekam einen Rippenstoß:
„Eh, wo warst du denn im Knast?“
„Ich? Nirgendwo.“
„Ach so.“
Nettesheim löste sich schlagartig in Luft auf. Derbe Erinnerungen wurden hervorgekramt und gingen hin und her, immerzu vor seiner Nase vorbei. Aber dann beeilte Pitter sich, auf die Gegenwart zu kommen und von den glänzenden Aussichten zu erzählen, die er im Moment habe. Ein Bordell in Mönchengladbach!
Fink saß mit roten Ohren dabei. Das ist ein Leben! Die Jungen wissen, wie man`s macht! Er war hingerissen und goss eifrig Asbach-Cola hinunter.
Was Lutz jetzt so mache? Arbeitslos?
„Du Arsch, ich bin Discjockey!“
Und die zwei Typen hier?
„Ach, Scheiße, das sind Kollegen. Im Moment habe ich nebenher noch einen Job in der Druckerei. Ich muss ja erst mal ein bisschen Kohle zusammenkriegen.“
Unruhig beobachtet Nettesheim die Uhr hinter dem Tresen. Sie zeigt jetzt viertel nach eins. Sie müssten schon zurück in der Firma sein.
Nur schwer kann Lutz sich losreißen. Asbach-Cola trinken und an kühlen Marmortischen sitzen, auf denen das Kondenswasser der Gläser schöne runde Lachen macht, sich wohl geborgen im Kreise der Kumpels zu suhlen, das ist was anderes als im Glashaus zu stehen.
Endlich ruft Lutz: „Zahlemann und Söhne! Komm her, du Ittacker!“
Er zieht sein dickes Portemonnaie aus der Gesäßtasche und knallt es auf den Tisch.
Aber nein, Pitter will zahlen. Kommt nicht in Frage! Lutz und Pitter streiten um die Ehre. Am Ende unterliegt Lutz. Sie gehen.
Auf dem Rückweg zur Druckerei bricht die Begeisterung aus Fink hervor. Als sie an einer langen Reihe geparkter Autos vorbeikommen, springt er, von Asbach-Cola beflügelt, auf den Kofferraum eines Wagens, läuft übers Dach und federt von der Motorhaube wieder ab. Lutz schlägt ihm anerkennend die Pratze auf die Schulter. Fink strahlt, als hätte er die höheren Weihen empfangen. Ein König im dreckigen Blaumann.
Lutz blieb keine vier Wochen. Am letzten Freitag im Mai erbat er sich einen Vorschuss und erschien montags darauf nicht mehr zur Arbeit. Der Jüngling sah ihn Monate später noch einmal in der Wartehalle des neuen Omnibusbahnhofes. Da soff Lutz mit den Pennern, die immer am Kiosk stehen. Sie lutschten gerade kleine Jägermeisterfläschchen leer. Lutz machte einen Schweinerüssel und prostete dem Jüngling wortlos zu.


Wird fortgesetzt

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Die Handschrift hat Schwindsucht, doch die Kulturtechnik Schreiben bleibt

Von sieben heute bei Google.news gelisteten Presseveröffentlichungen zum Thema Handschrift, meinen nur drei tatsächlich das Schreiben mit der Hand, die anderen vier Führungsstil und Strategie von Fußballtrainern bzw. eines Verteidigungsministers. Dieses Bild ist exemplarisch. Hier wird eine sprachliche Bedeutungsverschiebung sichtbar, die den Bedeutungsverlust der Kulturtechnik Handschrift spiegelt. Am Verschwinden der Handschrift wird auch das Jammern nichts ändern, und hilflose Berichte von komplett ahnungslosen Schreiberlingen wie hier im Text auf NDR.de beschleunigen den Prozess nur: “Die Handschrift stirbt aus! In ein paar Jahren wird niemand mehr mit der Hand schreiben”, warnt der Vize-Chef des Deutschen Literatur-Archivs in einem großen Interview. Das wäre aber wirklich schade, schließlich sagt Handschrift soviel über uns aus.“ Es folgt ein Abschnitt über Graphologie.

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belgien

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Einiges über die Heimtücke meiner Handschuh

Weil hier der Frühling noch immer auf sich warten lässt, muss ich über ein Problem schreiben, nämlich über die Heimtücke meiner Handschuh. Sie sind reichlich klobig. Aber ich trage sie trotzdem, nachdem ich meine schlankeren Handschuh vor gut zwei Jahren im Büro meiner Steuerberaterin vergessen habe. Wann immer ich mit dem Fahrrad fahre, ziehe ich mir diese dicken Handschuhe über, erstmals wenn ich vor der Wohnungstür auf dem Treppenabsatz stehe. Als Rechtshänder stecke ich meinen Hausschlüssel immer in die rechte Jackentasche. Da steckt aber schon die Geldbörse, weil ich sie nicht in der Arschtasche tragen will, damit sie mir die Hose nicht nach unten zieht. Dabei ist sie nicht mal schwer, weil ich nur Silbergeld in ihr dulde, alle anderen Münzen aber in einer Kaffeedose sammle, um sie später bei der Deutschen Bundesbank gegen frisch gedruckte Scheine einzutauschen, weshalb ich immer ganz unwirsch werde, wenn eine Kassiererin mich etwa fragt: „Haben Sie zwei Cent?“ „Sehe ich aus wie ein Kerl, der zwei Cent mit sich herumschleppt?“

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Der achte Tag

Ich habe eine Zeitmaschine. Sie funktioniert leider nur in eine Richtung, nämlich in die Zukunft. Angenommen, ich steige Dienstagabend hinein, und wenn ich wieder aussteige, ist zuverlässig Mittwochmorgen. So gings heute. Obwohl meine Zeitmaschine über keinerlei technische Finessen verfügt, arbeitet sie sehr zuverlässig, lässt mich immerzu von einem Tag auf den anderen reisen. Früher habe ich mir schon mal vorgestellt, sie würde mich versehentlich zu einem Tag zwischen den Tagen bringen, etwa zu einem, der zwischen Mittwoch und Donnerstag liegt. Das aber ist nie geschehen.

Vermutlich liegt es daran, dass ich keinen Namen für einen solchen Tag habe, denn die Welt wie wir sie kennen, konstituiert sich wesentlich über die Namen für die Erscheinungen. Ein Ding, ein Sachverhalt oder eine Idee existieren nicht, wenn wir keine Bezeichnung dafür haben.

Drei Gedanken noch – a, b, c, d und e:
a) Obwohl die Zeitmaschine nur in Richtung Zukunft funktioniert, versucht sie doch auch immer wieder, mich in die Vergangenheit zu bringen, aber präsentiert mir nur ein furchtbares Durcheinander, so dass ich meine Vergangenheit kaum wiedererkenne. Ich glaube jedenfalls nicht, dass meine Tage so chaotisch verlaufen sind. Vielleicht ist die Idee meiner nach gängigen Ordnungsprinzipien strukturierten Vergangenheit aber nur eine nachträgliche Interpretation.

b) Schon oft habe ich mich gefragt, warum ich nach der Zeitreise zum folgenden Morgen immer noch derselbe bin. Ich könnte doch ein Seehund sein und einen bunten Ball auf der Schnauze balancieren. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu.

c) Die Welt, in die ich von Tag zu Tag reise, ist enorm fest, scheint ununterbrochen nach den gleichen Gesetzen zu funktionieren. Nur wenn ich nicht bei der Sache bin, wackelt meine Welt. Gestern trug ich beispielsweise in der linken Hand einen Teller, in der rechten eine halbvolle Tasse mit abgestandenem Kaffee in die Küche, stellte den Teller in die Spüle und goss den Kaffee auf den Tisch. Derweil es auf den Boden tropfte, fiel mir erst ein, dass es in dieser Welt nicht üblich ist, abgestandenen Kaffee auf den Tisch zu gießen.

d) Gemeinhin wird angenommen, dass Kleinkinder eine magische Vorstellung von der Welt haben. Die legen sie im Alter von fünf bis sechs Jahren ab. In dieser Zeit ist auch die sprachliche Entwicklung abgeschlossen, haben sie ihre innere Grammatik entwickelt, die sich kennzeichnet durch die Fähigkeit, theoretisch endlos viele grammatisch richtige Sätze hervorzubringen.

e) Wenn sich unsere Idee von der Wirklichkeit wesentlich durch Sprache konstituiert, hängt die Festigkeit der Wirklichkeitsvorstellung vermutlich davon ab, wie tief sich die innere Grammatik auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Dann käme es nicht allein auf die Namen und Bezeichnungen an, wie sie ein Wörterbuch bereitstellt, sondern auf die Kenntnis der Verhältnisbeziehungen, wie sie in der Grammatik verankert ist.

100-RentnerBalthasar Gracián schreibt in seinem Handorakel – Kunst der Weltklugheit, man solle seinen Kardinalfehler erkennen und abstellen. Alle anderen Fehler würden dann in einer Kettenreaktion kippen wie Dominosteine. Vielleicht reicht es, einen achten Tag zu benennen, um ihn bereisen zu können, und wir finden eine Welt vor, in der alles anders als in der bekannten Welt ist.

Das Wort Rentner ist übringens ein Palindrom. Wir erkennen das nur nicht auf Anhieb, weil wir die Vorstellung haben, Substantive würden vorne groß

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Ich hätte mehr Fliegen erwartet

Zu meinen seltsamen Neigungen gehört, dass ich mir übers Internet die flämische Berichterstattung der Frühjahrsklassiker anschaue, gemeint sind Radrennen, von denen die meisten in Belgien stattfinden. Ich habe diesen Sport selbst betrieben, erfreue mich an der Sachkompetenz der flämischen Reporter und lerne nebenher immer besser Niederländisch, neuerdings das Wort „mondjesmaat“ (wörtlich: mündchenmäßig), dessen deutsche Entsprechung wohl „häppchenweise“ ist. Sonntag war Brüssel-Keurne-Brüssel. Etwa 45 Kilometer vor dem Ziel mussten die ohne mich fahren, denn ich war mit Filipe d’Accord, seiner bezaubernden Freundin und einem Freund Filipes, einem Physikprofessor aus Siegen, im Sprengelmuseum verabredet. Ich sollte die drei durch die Kurt-Schwitters-Abteilung führen und ein bisschen dazu erzählen, was unsereiner aus dem Lameng kann. Schon unterwegs erreichte mich per Smartphone die Botschaft, dass die Schwitters-Abteilung nicht zugänglich wäre, sondern nur der kürzlich eröffnete Neubau, immerhin mit der Installation eines Kurt-Schwitters-Preisträgers. Oje, und dafür hatte ich das Finale von Brüssel-Keurne-Brüssel verpasst.

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Jüngling der Schwarzen Kunst (6) – Leergut muss zurück

Prolog Teil zweiTeil dreiTeil vierTeil fünf

Dyckers hält dem Jüngling die geleerte Limonadenflasche hin.
„Also mach schon, Nettesheim!“
„Ich trau mich nicht!“
„Du hast es einmal gemacht, dann kannste es auch zweimal tun!“
„Komm jetzt her, Jüngling, ich werde gleich ärgerlich!“ sagt Kaumanns und steht schon bei den Bodoni-Setzkästen am Ende der Gasse, die wie Treppenstufen herausgezogen sind.
Es ist wieder so ein glutheißer Arbeitstag. Es riecht unangenehm nach altem Holz, bleihaltigem Staub und Schweiß. Nein, eigentlich weiß man nicht genau, woraus sich der leicht säuerliche Geruch zusammensetzt. Manchmal meinte der Jüngling, eine der Geruchsquellen gefunden zu haben, beugte sich nieder, vergewisserte sich schnüffelnd und stellte erstaunt fest, dass es gar nicht roch. Im Glashaus flirrt die Luft und heizt den ganzen Setzereisaal auf. Völlig wirkungslos drehte der Ventilator sein Kleeblatt, während die Uhr daneben stillzustehen scheint. Die Hitze hat in ihren Hirnen scheinbar Blasen geschlagen, denn Dyckers und Kaumanns waren auf die Idee gekommen, Nettesheim solle ihnen vom Balkon der Restaurantbesitzerin eine Limonade stehlen. Sie hatten ihn mit bösartiger Energie dazu gedrängt und sogar geschlagen, bis er nachgab, über die Setzkästen hochkletterte und sich aus dem Fensterchen wand. Auf dem Balkon war er blitzschnell gewesen, hatte kaum die abblätternde grüne Leimfarbe wahrgenommen, die dem Balkon einen Anflug von Feuchte und Kühle gab, hatte in den Kasten gegriffen, eine Flasche herausgezogen und war wieder in die Fensterluke eingetaucht, zurück in die Gluthitze ihres Treibhauses. Er hatte eine Orangenlimonade erwischt, der Firma BRONNI. Und Dyckers hatte gemeckert, er wolle eigentlich lieber Zitronenlimonade.

Eben ist der Jüngling wie besinnungslos gewesen, doch jetzt sieht er das Ungeheuerliche dessen, was sie ihm angehängt haben.
„Du verstehst doch, dass es auffällt, wenn eine Flasche fehlt!“
sagt Dyckers.
„Und glaubst du vielleicht, die Alte wird uns verdächtigen?“
„Guck dir Herrn Dyckers an! Passt der vielleicht durch das Fenster?“
Nettesheim wagt einen abschätzigen Blick auf Dyckers Leibesfülle. Sie haben Recht. Er selbst hatte sich kaum durch den Rahmen zwängen können. Niemandem außer ihm wäre das möglich. Wie schlau sie sind. Besonders Dyckers ist so furchtbar gerissen. Ja, er hat auch die mittlere Reife und ist hier fast allen überlegen. Beinahe alles, was Kaumanns sagt und tut, hat Dyckers ihm eingegeben.
Mit zitternden Knien steigt Nettesheim wieder auf die Bodonikästen. Kaumanns reicht ihm das Leergut. Der Balkon liegt leer und verlassen, aber was weiß Nettesheim, wer hinter den Gardinen der vielen Fenster ringsum nach draußen lauert? Er streckt den Arm durchs Fenster und stellt die Flasche von außen an der Setzereiwand ab. Nur nicht mit Diebesgut in der Hand erwischt werden! Jetzt kommt das Schlimmste, denn sobald sein Oberkörper im Fensterrahmen steckt, ist er so gut wie hilflos. Er windet sich rücklings hinaus, bis er, auf dem Fensterrahmen sitzend, von außen auf das Glasdach langen und sich hochziehen kann. Dann zieht er die Beine nach, stellt die Füße auf den Rahmen und springt aus der Hocke ab. Dabei streift er die Flasche, so dass sie klirrend umfällt und leise ausklingend einen Halbkreis beschreibt. Er duckt sich angstvoll, nimmt die Flasche und bewegt sich auf seinen Hacken zum Kastenstapel. Kurz davor strauchelt er und hat seine liebe Mühe mit sich selbst, weil einer seiner Kittelschöße unter seinen Fuß geraten ist. Der Kittel zieht sich stramm und kracht in allen Nähten. Auch das noch. Er lässt die Flasche vorsichtig in den Kasten gleiten und glaubt sich fast außer Gefahr, als ihn ein entsetzliches Scheppern herumfahren lässt. Der Ventilatordeckel, der eben noch offen gestanden hatte, wippt albern auf und ab, und mit jedem Niedergehen schlagen die Ventilatorflügel gefährlich ratternd in das Deckelblech, kommen, indem es sich schließt, fast zum Stillstand, um sich sogleich wieder loszukämpfen und erneut durch die Blechdose zu ratschen. Es ist wie ein alptraumartiges Weckerrasseln, das den Hinterhof aus seiner Verschlafenheit reißen und seine Augentore öffnen soll.
Dann ruft einer zum Fenster hinaus:
„He, Jüngling, was machst du da draußen auf dem Balkon!? Kommst du wohl wieder rein!!“
Der Jüngling gerät in Panik und quetscht sich derart kopflos durch den eisernen Fensterrahmen, dass er sich einen langen Striemen über sein mageres Brustbein schürft.
Wieder auf dem Boden des Glashauses, steht er am ganzen Körper zitternd da und starrt sie fassungslos an. Wer von den beiden vergnügten Gesellen gerufen und wer die Schnur der Ventilatorklappe betätigt hat, ist nicht mehr auszumachen, denn beide stehen sie an ihren Setzkästen, mit den Winkelhaken in der Hand, und pfeifen sich eins. Nettesheim rennt aus der Gasse und weint.

Gibt es Bleiläuse?
Der Friseur ist Up to date, weiß es aber nicht;
Die Ahle ist das nutzloseste Werkzeug von allen;
Die Pinzette ist auch nicht viel besser

„Heute zeigt Herr Kaumanns dir Bleiläuse“, kündigte Dyckers an.
„Bleiläuse?“
„Ja, ist dir noch nie aufgefallen, wieviel Dreck in den Setzkästen liegt? Der kommt von den Bleiläusen.“
Sie gingen hinüber in Kaumans Gasse.
Auf einem Setzschiff war in der linken Ecke mit Eisenstegen aus der Druckerei ein Karree gebildet, in das Kaumanns Wasser gegossen hatte. Obendrauf schwamm etwas Staub aus den Kästen.
Kaumanns stand in Betrachtung davor.
„Die Dinger sind ganz klein“, sagte er.
Dyckers schob den Jüngling voran.
„Ja, du musst nah rangehen, wenn du sie überhaupt sehen willst!“
Nettesheim beugte sich neugierig hinunter, sah aber nur Wasser und Staub.
„Hier schwimmt eine“, sagte Kaumanns und wies mit der Pinzette darauf. „Man muss schräg von der Seite her aufs Wasser gucken!“
Der Jüngling brachte seine Nase nah an die Wasseroberfläche und schaute angestrengt. Gerade als er glaubte, da bewege sich etwas, packte Kaumanns den oberen Verschlusssteg und stieß ihn mit einer raschen Bewegung nach unten, wodurch das Wasser heraus und dem Jüngling ins Gesicht schwappte.
„Das waren die Bleiläuse“, sagte Dyckers, und die beiden lachten sich schippelig.
Der Jüngling spuckte.
„Bah, was seid ihr gemein!“
„Was fällt dir ein, uns zu ihrzen!“
„Für dich immer noch `Sie‘, `Herr Kaumanns‘ und `Herr Dyckers‘!“
„Wenn einer wie du aus Nettesheim kommt, muss er froh sein, dass man sich überhaupt mit ihm abgibt.“
Der Junior bog um die Ecke, fragte barsch: „Was zum Teufel ist denn hier los?“ und sprach damit den längsten Satz aus, den der Jüngling bislang von ihm gehört hatte, wodurch die Frage umso bedrohlicher wirkte.
Keiner antwortete. Kaumanns versank mit der Nase in einem Setzkasten, und Dyckers schob sich geschickt hinter dem Rücken des Juniors aus der Gasse. Der Junior besah kurz den Jüngling, dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und ging. Das war ja noch einmal gut gegangen!
Der Jüngling wischte sich aufatmend mit dem Kittelärmel das Gesicht und strich sich mit den Fingern die nasse Haarfrisur zurecht. Die hatte wohl früher bei seinem Dorffriseur „Caesarschnitt“ geheißen. Doch dann hatte man den Jüngling anderswo belehrt, „von wegen, Caesarfrisur! Dein Friseur hat keine Ahnung!“ nein, das sei ganz klar eine Beatlesfrisur, die er da auf seinem Kopf habe. Über Nacht war sie also sozusagen mutiert, zuerst gegen seinen Willen, doch dann fügte er sich.
Wirklich bedauerlich fand Nettesheim dagegen, dass sich in den elenden Bleiwüsten der Schriftkästen nun also doch kein Leben regen sollte.

In der Setzerei wurde DER MITTAG viel gelesen. Nettesheim verfolgte darin begierig mitleidend die Lebensbeichte eines Alkoholikers. Ein ehedem erfolgreicher Manager schilderte in masochistischer Selbstentblößung seinen gesundheitlichen und sozialen Niedergang. Jeden Tag stößt ihn der schreckliche König Alkohol eine Stufe tiefer hinab.
„Ein Tatsachenbericht! Wird fortgesetzt. Morgen im MITTAG!“
Kann verdammt gut schreiben, der Mann, findet tief bewegende Worte, obwohl er sich schon das Gehirn weggesoffen hat.
Dann waren da noch die Pin-Up-Fotos. Irgendeiner aus dem Betrieb stach heimlich mit der Ahle Löcher hinein, ganz viele, an den verräterischen Stellen. Wer das wohl macht? fragte sich Nettesheim.
Die Ahle ist zu nichts richtig gut, zu vielem aber schlecht. Man kann mit ihr übel herumschustern, was nicht verwundert, denn eigentlich ist sie sowieso ein Schusterwerkzeug. An vielen Stellen der Setzerei findet man Ich-war-hier-Marken, mit der Ahle in die Holzteile geritzt. Sie fliegt auch gut und wird von manchen Setzern geschickt geworfen, zum Beispiel bei Zielübungen auf die schrägen Holztische, die auf zwei Rädern über den metallbeschlagenen Setztischen hin und hergefahren werden können und auf denen normalerweise die gerade benötigten Setzkästen aufgestellt werden. Spuren finden sich auch im Ausschlussmaterial. Wenn nämlich in einer druckfertig geschlossenen Form noch ein Spatium, Geviert oder Quadrat ausgetauscht werden muss, so erleichtern sich die ungeschickten Drucker und auch faule Setzer das kniffelige Geschäft des Herausziehens, indem sie von oben mit der Ahle hineinstechen. Derart übel behandeltes Material ist bald kaum noch zu gebrauchen, denn am Einstich wulstet sich das Metall, wodurch die gleichmäßige Form verloren geht. Es gibt noch einen übleren Ahlentrick: Die Satzformen werden zum Drucken in eiserne Rahmen geschlossen. Durch mehrere Schließelemente wird der Satz dabei fest zusammengepresst. Es kommt gelegentlich vor, dass in einer solchen Form eine Zeile locker ist. Entweder hat der Setzer nicht sorgfältig ausgeschlossen, oder es wurde nachträglich etwas ausgetauscht, so dass Buchstaben, Linien oder Ausschlussmaterial ein wenig Spiel haben. Diese Teile „spießen“ beim Drucken. Das heißt, durch den Zug der Farbwalzen rutschen sie nach oben, brechen ab und verunstalten das Druckbild. Deshalb prüft der Drucker nach dem Schließen der Form, ob auch alle Teile festsitzen. Spießt ein Teil, ruft er den Setzer, der den Schaden beheben soll. Wem das zu lange dauert, der sticht einfach mit der Ahle in die Umgebung des Spießes. Die dadurch entstehenden Metallgrate geben dem spießenden Teil neuen Halt.
Auch die Setzkästen tragen in den breiten Holzstegen Einstichspuren. Wo nämlich ein Manuskripthalter, das Tenakel, fehlt, spießt der Setzer sein Manuskript mit der Ahle auf den Setzkasten, meist links in der Mitte, dort wo die in Deutschland selten benutzten Akzentbuchstaben liegen. (Wann etwa muss der Setzer z.B. nach dem Akzent Dächelchen greifen? So gut wie nie.)
Sehr übel ist es auch, wenn mit der Ahle in den Steckkästen umgefallene Lettern aufgerichtet werden. Fast immer wird dabei das Schriftbild beschädigt.
Ihr eigentlicher Zweck ist die Hilfe beim Ausbinden eines fertigen Satzes, doch dafür nehmen die meisten Setzer die Pinzette. Bleibt noch das Pieksen von Lehrlingen, was aber nicht oft genug gemacht wird.

Wann immer Nettesheim an den Steckkästen arbeitet, hat er ein Holzstäbchen zur Hand, das wie ein Bleistift gespitzt ist. Nur damit lassen sich die umgefallenen Lettern wieder aufstellen, ohne dass ihr Schriftbild beschädigt wird. Trotzdem tragen viele Buchstaben tiefe Kerben. Sie stammen von den Pinzetten. Manch ein Setzer bedient sich zum Setzen aus dem Steckkasten nämlich der Pinzette. Wenn aber ein Buchstabe zu fest in seiner Reihe steckt und der Setzer ihn mit der Pinzette nicht richtig gepackt hat, rutscht sie ab und ratscht von oben und unten über das Gesicht der Letter. Besonders die größeren Schriftgrade über 28 Punkt erleiden dieses Schicksal häufig. Da die Anzahl der Lettern bei ihnen gering ist, kann man beim Setzen nicht immer auf einen derart beschädigten Buchstaben verzichten. So tauchen bestimmte Lettern mit einem Schmiss im Gesicht wie Individuen immer wieder in den Druckwerken auf, namentlich in den Plakaten. Da buhlen sie um Aufmerksamkeit und untergraben das Prinzip der Druckschrift. Denn wer zum Beispiel ein A liest, dem vermittelt sich dabei doch nur die Idee, die von diesem Buchstaben repräsentiert wird. Das A mit dem Schmiss aber lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die spezielle materielle Erscheinungsform des Buchstabens, plötzlich unterscheidet sich das A des einen Wortes individuell von allen anderen; es steht für sich selbst und bringt damit eine irritierende Bedeutungsebene ins Spiel. Das A mit dem zerstörten Gesicht ist ein hässlicher Urenkel der ikonisch-bildhaften Letter des Mittelalters.

Eine seit Gutenberg geübte Praxis ist das Ausbinden einer Satzform. Ein fertiger Satz besteht ja aus vielen Einzelteilen, aus den druckenden Teilen wie Lettern, Klischees und Linien und den zahlreichen nicht druckenden, den Spatien, Regletten und Stegen. Trotzdem muss er transportiert und sicher gelagert werden können.
In jeder Gasse steht eine Schachtel mit roten Schnüren. Sie bestehen aus einem feinmaschigen schlauchförmigen Gewebe. Auf gewöhnliche Weise können sie nicht zerrissen werden (aber manche Setzer kennen einen Trick, bei dem die Schnur zum Zerreißen in kunstvollen Schlaufen um die Finger der linken Hand gelegt werden muss). An ihren Enden haben die Schnüre je einen Knoten. Der Setzer nimmt ein Ende, legt es an der einzigen freiliegenden Kante der Satzform an und führt die Schnur stramm herum, wobei er hinter jeder Ecke Zug ausübt. Am Ausgangspunkt überkreuzt er die Schnur, so dass der Anfang Halt bekommt. Jetzt werden die weiteren Wicklungen in sauberen Lagen angelegt. Es gehört Augenmaß dazu, eine passend lange Schnur zu wählen, so dass ausreichend viele Wicklungen möglich sind. Ihre Anzahl richtet sich nach der Größe und Schwere der Form. Direkt hinter dem Ausgangspunkt endet man. Hier wird das freie Ende mit Ahle oder Pinzette als Schlaufe unter die Wicklungen geschoben. Ein gut ausgebundener Satz kann gehoben und getragen werden. Dazu muss der Setzer die Form mit beiden Händen fest umspannen und schnell in die Senkrechte kippen. Größere Formen werden auf dem Setzschiff transportiert.
„Ausbinden und Abziehen!“ ist ein Befehl aus Nettesheims Anfangszeit. Der Jüngling verstand nicht, wie die Setzer sich den Augenblick des ersten Abzugs entgehen lassen konnten. Für ihn war das der Höhepunkt seiner Arbeit.
Man sieht die Schrift spiegelverkehrt. Damit die Leserichtung trotzdem von links nach rechts verläuft, werden die Lettern über Kopf in den Winkelhaken gestellt. Dies ist ein Grund, warum man beim Setzen nur eine unzureichende Vorstellung vom Aussehen einer Arbeit hat. Zudem ist die Kontrastwirkung zwischen druckenden und nicht druckenden Teilen gering. Erfahrene Setzer ahnen zwar, wie der Abzug aussehen wird. Sie wissen, wie Satzbreite, Schriftgrößen, Schriftschnitte und Abstände ins Verhältnis gebracht werden müssen. Trotzdem ist der erste Abzug immer wieder eine Überraschung. Erst aus dem satten Kontrast zwischen Druckerschwärze und dem weißen Papier entfaltet sich die Wirkung. Was im Winkelhaken und auf dem Setzschiff noch gut ausgesehen haben mag, entpuppt sich hier oft als verbesserungswürdig und umgekehrt. Deshalb ist es kaum möglich, erst während des Setzens die gute Form zu finden. Eine Vorlage oder Entwurfsskizze ist unerlässlich.
Nettesheim zieht gerne ab. Er schiebt die Form vom Setzschiff in die Abzugspresse. Er löst die drei magnetischen Stege vom Metalltisch und justiert damit den Satz etwa in der Mitte.
In einer Schublade liegt eine kleine Handwalze, daneben ein Blech, worauf Druckerschwärze verrieben ist. Nettesheim rollt die Gummiwalze darüber, bis ihr sanftes, gleichmäßiges Zischen anzeigt, dass die Farbe auf der Walze einen satten Film gebildet hat. Die Schrift darf nicht zu dick eingeschwärzt werden, denn das Schriftbild soll klar und scharf auf dem Papier stehen. Die alte Abzugsnudel hat keine Papierzuführung. Nettesheim nimmt einen Bogen Makulatur aus der Schublade und legt ihn vorsichtig auf den Satz. Der feierliche Moment ist gekommen. Er zieht die Presswalze einmal über die Form und zurück. Dann löst er den Abdruck, betrachtet ihn und heftet ihn mit einer Büroklammer ans Manuskript. Aus dem Spender einer Messingflasche kippt er etwas Benzin auf einen Lumpen und wischt die Druckerschwärze von den Lettern. Den Satz schiebt er vorläufig auf ein Abstellbrett, den Korrekturabzug trägt er in die Korrektorenstube.


Eine Kerze bringt Erlösung;

„Guck mal, wie der Jüngling horcht!“ sagt Kaumanns und lacht glucksend.
„Jüngling, hör mal eben weg!“
„Geh mal aufs Klo, Nettesheim!“
Sie besprechen fast täglich in allen Einzelheiten, wie sie mit ihren beiden Verlobten gevögelt haben. Sie haben noch andere Bezeichnungen dafür. „Fegen“, „Nageln“, „Poppen“, o, was für Wörter! Kaumanns berichtet von Jolandas Gewohnheiten beim Geschlechtsverkehr, und Dyckers lobt die sexuelle Regsamkeit seiner Gabriele. Sie wetteifern, wessen Frau geiler sei. Sie tauschen Tipps und Erfahrungen aus, wie die Lust noch zu steigern sei. Ihre „Frauen“ freundinnen sich an, man ist gemeinsam unterwegs, nächtigt in derselben Pension, es kommt bei den Männern der Wunsch nach einem Partnertausch auf. Die Frauen seien auch nicht abgeneigt. Dyckers erzählt, Kaumanns habe ja gar nicht mitbekommen, dass er, Dyckers, einmal mit beiden Frauen allein im Hotelzimmer gewesen sei und sich dann vor ihren Augen fürs Baden umziehen musste. Weil die keine Anstalten machten, den Raum zu verlassen, habe er einfach die Unterhose heruntergelassen. Sie hätten gelacht und ironisch erklärt, das sei ihnen aber jetzt peinlich. Warum er denn nichts gesagt habe? Auf ein Wort von ihm wären sie so lange vor die Tür gegangen. Aber Jolanda habe doch interessiert auf seinen Schwanz geguckt, so dass er gleich einen Ständer bekommen habe. Ja, ein gemixtes Doppel, das müsse man doch einmal ausprobieren. Am übernächsten Wochenende vielleicht?
Aber plötzlich eint sie auch ein gemeinsames Problem. Die Regel bei beiden Frauen bleibt aus. Was muss man tun?
Heiß baden soll helfen, vorher heißen Rotwein trinken!
Nein, schon ausprobiert, hat nichts genutzt.
Fünf Tage schon.
Bei Jolanda sieben!
Geraunte Rezepte.
Busfahren?
Ja, die Linie 23, immer am Hafenbecken entlang, über Kopfsteinpflaster, bis zur Endstation und zurück!
Glaubst du wirklich, das hilft?
Kaumanns und Jolanda waren sogar in der Kirche und haben am Altar der Mutter Maria eine Kerze aufgestellt. Jolanda ist eine fromme Belgierin. Dyckers erwägt das auch zu tun, obwohl er eigentlich nie in die Kirche geht.

Die Kerze hilft, aber Dyckers „muss“ heiraten! Jetzt braucht er mehr Geld. Er muss sich nach einer besseren Stelle umsehen. In einer Druckerei in Düsseldorf sei ihm die Setzereileitung angeboten worden. Dyckers kündigt!
„Dann hau ich auch in den Sack!“ sagt Kaumanns. Und plötzlich sind beide weg, zum Leidwesen des Juniors, der keine neuen Leute finden kann.

Wird fortgesetzt

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Lahmer Februar – oder: Wie ich heute den Lauf der Welt verändert habe

Da wird jetzt mancher sagen, pah, das kann er nicht! Wie will er das denn bewerkstelligt haben? Ganz einfach: ich habe zwei Teller, die auf meinem Tisch standen und Platz wegnahmen, die habe ich in die Küche getragen. Mehr war nicht nötig, den Lauf der Welt zu verändern. Alles Weitere sind Folgeerscheinungen, wobei das natürlich eine willkürliche Festlegung ist, die Paul Watzlawick treffend „die Interpunktion von Ereignisfolgen“ nennt. Darauf konnte ich die schwere Schublade mit meinen Karteikarten aus der Kommode wuchten und bequem auf den Tisch stellen, so dass ich hernach ohne Verrenkung den Stapel Karteikarten zum Thema Fraktur suchen, auffinden und hervorziehen konnte.

Ich wusste ungefähr seit zwei Wochen, dass es nötig war, habe es jedoch immer weiter aufgeschoben, denn wie jeder weiß, durchleiden wir gerade den Februar, und das ist der trübste Monat im Jahr, so hässlich nassgrau und bleiern zudem, dass jede Initiative doppelte Kraft erfordert. Das heißt, ich kann mich nicht nur schwerer motivieren, irgendwas zu tun, die Kommode ist auch doppelt so schwer wie in anderen Monaten.

Mich wundert indes gar nicht, dass just vor Tagen, die ominösen Schwerkraftwellen bekannt gemacht wurden. Die waren nämlich schon im vergangenen September entdeckt worden. Aber allen Beteiligten am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik war sofort klar gewesen, wann der geeignete Zeitpunkt für die Veröffentlichung der Sensation gekommen wäre, im Februar nämlich. Da spürt jeder die Erdenschwere doppelt und kann sich die Schwerkraftwellen leicht vorstellen. Ach, wie unglücklich steht hier das Adjektiv „leicht“ bei Schwerkraft, aber dass derlei Sprachverwerfungen auftreten, ist auch typisch für den Februar.

rosen-für-die-liebste„Wie gut, dass Februar ist!“ Rosen für die Liebste fallen 10,7 Prozent langsamer als sonst. Bildvorlage: Kristall 1959, Gif-Animation: Trithemius

Nebenbei: Vor neun oder zehn Jahren liebte ich eine Jurastudentin aus Berlin, liebte sie von Herzen, sogar ihre nicht kleinen Macken, ihre Selbstzweifel und die Unduldsamkeit mit sich, das alles liebte ich auch. Leider verschwand sie aus meinem Leben, hat sich vor zwei Jahren nochmals gemeldet und ist nun seit einem Dreivierteljahr erneut abgetaucht. Das einzige, was mir blieb, ist eine Tasse, aus der ich täglich meinen Kaffee trinke, und das Wörtchen „derlei“, das ich erstmals bei ihr las und übernommen habe in meinen aktiven Wortschatz. Seither verwende ich es gerne, aber immer mit einem leisen Anflug von Bedauern, sie trotz aller Geduld verloren zu haben, andererseits schwingt immer etwas von ihrer Herzlichkeit und meiner Liebe zu ihr mit, wenn ich derlei schreibe wie oben bei „derlei Sprachverwerfungen“.

Derlei Sprachverwerfungen wie „leichte Vorstellbarkeit von Schwerkraftwellen“, kennt nur der Februar. Ah, schon wieder schwappte gerade eine Schwerkraftwelle durch mein Sprachzentrum: Die Substantivierung „Vorstellbarkeit“ wird nicht nur von meiner Rechtschreibprüfung unterkringelt, sondern ist auch von februarmäßiger Hässlichkeit. Vergangenen Montag war Februar-Bergfest. Aber wer gedacht hat, es ginge jetzt schneller voran, hat sich geschnitten. Die Zeit schreitet im Februar um 10,7 Prozent langsamer voran als in anderen Monaten, weshalb er auch nur 28 bis 29 Tage hat. 28 Tage Februar entsprechen 31 Tagen Mai. Das wird jeder sogleich als tiefe Wahrheit erkennen. Indem just den Verliebten die Zeit nicht einfach verrinnt, sondern im Fluge vergeht, ist natürlich klug gewählt, Valentin, das Fest des Verliebtseins, wenn die zweisame Innerlichkeit zelebriert wird, just in den trägen Februar zu legen. Dann haben die Verliebten einen Schmetterlingshauch , also 10,7 Prozent länger Schmetterlinge im Bauch.

Womit wir beim Schmetterlingseffekt wären. Zwar scheint heute die kalte Februarsonne, aber ein Schmetterling wurde noch nicht gesehen. Es ist auch nicht nötig, dass jemand vom Hauch eines Schmetterlingsflügels gestreift würde, um den Schmetterlingseffekt auszulösen. Es reicht, von ihm zu wissen oder zu lesen, um zu verstehen, dass ich die Welt heute Morgen nachhaltig verändert habe, indem ich zwei benutzte Teller in die Küche trug. Schon der Umstand, dass ich diesen Text in die Welt gesetzt habe, mancherlei Gedanken bei Lesern angestoßen habe, verändert ja den Weltenlauf und wenn es nur ist, dass ich dem einen oder anderen ein bisschen seiner Zeit gestohlen habe. Die sollten mir danken. Es ist lahme Zeit aus dem Februar.

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