Straße meiner Kindheit (9) – Regen

Anders als mit Rosie durftest du mit Georg spielen?

Er war wie ein kleiner Bruder für mich. Georg war nicht sehr helle, aber frech. Ständig ärgerte er größere Jungs, und ich musste ihn beschützen. Vermutlich duldeten die Melzers deshalb unsere Freundschaft. Wir waren auch manchmal bei ihm zu Hause. Melzers hatten nämlich als erste in der Straße ein Fernsehgerät. Kennen Sie die Kindersendung „Samstagnachmittag zu Hause?“ Der Vorspann war ein Zeichentrickfilm. Man sah eine rundliche Frau vor die Haustür treten und nach rechts und links rufen. Aus allen Winkeln rannten Kinder herbei, hinein ins Haus und versammelten sich vor einem Fernseher.

Ich glaube, die Sendung kam vom bayerischen Fernsehen.

Eye ja? Jedenfalls geschah es ähnlich bei Melzers, nur dass Frau Melzer nicht rufen musste. Zur passenden Uhrzeit versammelte sich in Melzers Wohnzimmer wie selbstverständlich die Kinder der Straße. Sogar meine verwöhnte Cousine Marianne kam hin und setzte sich ohne zu fragen ganz nah vor den Bildschirm, saß allen im Bild, damit sie besser sehen konnte, wenn eine neue Folge von „Lassie“ kam.

Kurios. Fernsehen als öffentliche Vorführung.

Fernsehgeräte waren ja teuer. Nur reiche Leute konnten sich einen leisten. Die Kühns, unsere Nachbarn, waren beide berufstätig. Trotzdem konnten sie sich ein Gerät nur auf Abzahlung kaufen. Hinten am Gerät war eine kleine Box. Darin wurde das Geld angespart. Wenn die Kühns fernsehen wollten, mussten sie eine Münze in die Box werfen. Dann funktionierte das Gerät für eine bestimmte Zeit. War das Geld verbraucht, schaltete sich der Fernseher ab. Ich weiß das genau, weil ich einmal alleine bei Kühns einen Film anschauen durfte. Frau Kühn ließ mir ein Fünf-Mark-Stück da, bevor sie arbeiten ging. Ich habe den Film aber nicht zu Ende geschaut.

Warum nicht?

Er war mir zu spannend. Ein Junge mit einem Degen war in einem Palast. Plötzlich fand er eine Wand, die war aus Papier. Er stach mit seinem Degen hinein, schlug sich eine Öffnung und ging einfach durch die Wand. Da habe ich ausgeschaltet. Ich kann nicht ertragen, wenn einer was kaputt macht.

Hast du eine Idee warum?

Nein. Es ist mir überhaupt erst aufgefallen vor dem Fernseher von Kühns. Die Kühns mochte ich gut leiden. Sie kamen aus dem Osten. Frau Kühn war eine schöne rundliche Frau, und Herr Kühn war Eisenbieger. Ich bewunderte ihn, besonders den Indianerhäuptling, der auf seinen sehnigen Arm tätowiert war. Wenn Herr Kühn seine Muskeln spielen ließ, zog der Häuptling Gesichter. Wenn Herr Kühn Eisen bog, sah es bestimmt aus, als würde der Indianerhäuptling sich mächtig anstrengen.

Nachdem kurz vor Weihnachten mein Vater gestorben war, ist Frau Kühn mit mir nach Köln gefahren. Wir waren im Kaufhof, und ich erinnere mich noch gut an die festliche Weihnachtsbeleuchtung und einen Nikolaus, der plötzlich zusammen mit Engelchen auf der Rolltreppe erschien. Die tanzten zu einer Musik, die ich nie vergesse.
Die Kühns kümmerten sich manchmal um mich, wenn ich alleine war.

Bist du viel alleine gewesen?

Das kann man sagen. Ich hab dann immer Selbstgespräche geführt.

Was hast du gesprochen?

Böse Sachen.

Böse Sachen?

Sie kamen von selbst aus meinem Mund, wenn ich am Särch stand.

Was ist ein Särch?

Wo wir wohnten, gab es alte Stallungen. Vor einem Stall war ein rechteckig gemauerter Wasserbehälter. Die alten Leute nannten das „Särch“, ich weiß nicht, was es auf Hochdeutsch bedeutet.

Hm. Es wird verwandt sein mit „Sarg.“ Althochdeutsch „sarch“ bedeutet Behälter.

Gut. In diesem Särch war ursprünglich das Wasser von der Regenrinne aufgefangen worden, jetzt lag da nur Gerümpel drin. Aber der Särch war abgedeckt mit einem Brett aus Bohlen. Das war mein Basteltisch. Ich konnte da geschützt unter einem Vordach stehen und basteln. Wenn es regnete, suchte ich mir ein Stück Holz und fing an, ein Schiffchen zu schnitzen. Denn ich wusste, dass bald nach dem Regen ein reißender Bach díe Bruchstraße herunterkommen würde.

Da hast du dein Schiffchen zu Wasser gelassen..

Ja, und ich lief nebenher und versuchte es zu erwischen, bevor es mit dem Wasser im Schlund des Kanals verschwand. Es gab nämlich unten an der Landstraße einen einzigen Kanalanschluss.

Was prasselt da eigentlich so ans Fenster, Herr Trittenheim?

Hehe, das weißt du doch, du Clown, Regen. Es schüttet wie aus Eimern.

Dann ist noch immer alles überschwemmt?

Ja, das Wasser steht sogar bis zum Krankenhaus unten. Ich musste aufpassen, mir keine nassen Füße zu holen, als ich herkam, um dich zu besuchen. Es fehlt nicht viel, und das Wasser kommt zum Eingang herein
.

Und überschwemmt die Räume, in dem die Schwestern wohnen und in die niemand hineindarf außer den Nonnen? Da würde ich so gerne mal musen. Aber ich traue mich nicht.

Du bleibst wohl besser noch eine Weile im Bett.

Oben im Kindergarten hatten die Nonnen im Dachgeschoss ein geheimnisvolles Zimmer. Wir Kinder durften nicht mal auf die Treppe gehen. Dieses Verbot hat mich immer so beschäftigt. Ich wollte unbedingt wissen, was da Besonderes war. Einmal habe ich mich getraut, bin hochgeschlichen und konnte durch den Türspalt lauern

Was hast du gesehen..

Nichts, nur ein paar Nähmaschinen, Tische und Stoffe. Ich war enttäuscht. So ein
Theater um eine Nähstube. Wenns nicht verboten wäre, würde sich keiner dafür interessieren.

Wird fortgesetzt

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3 Kommentare zu Straße meiner Kindheit (9) – Regen

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