Straße meiner Kindheit (8) – Im Bruch – Ein Interview

Was aus Klaus Remy wurde, weiß ich nicht. Er kam nicht wieder zurück. Sie haben ihn gleich da behalten in der Augenklinik. Es hieß, er habe eine ganz schlimme Augenkrankheit, und ich war viel zu schüchtern, bei den strengen Erzieherinnen Näheres zu erfragen. Weil ich auch versäumte, nach seiner Adresse zu fragen … Es ist ein Jammer, Herr Trittenheim. Ich habe nie wieder von ihm gehört.

Ja, schade. So tauchen in unserem Leben Menschen auf, werden uns wichtig – und verschwinden. Du wirst das noch öfter erleben. Wenden wir uns wieder deiner Kindheit in der Bruchstraße zu. Bisher habe ich alles nur ausschnitthaft erfahren. Kannst du mir eine Gesamtschau der Straße geben?

Blick in die erste Bruchstraße

Die Bruchstraße ist ziemlich lang. Sie beginnt an der Landstraße und stößt genau nach Osten. Die beiden ersten Häuser links und rechts zähle ich nicht zur Bruchstraße, weil sie ihren Eingang an der Landstraße haben. Im 2. Haus links, von der Landstraße aus gesehen, bin ich aufgewachsen. Das vierte Gebäude auf der linken Seite ist ein großes Gehöft. Da endete für mich der heimische Bereich. Es war Rufweite. Dahinter steigt die Straße leicht an, bis sie an der Wegkreuzung oben im Feld wieder abschüssig wird. Von dort konnte ich unser Haus noch sehen. Dann taucht die Straße zweimal in tiefe Gräben, deren Hänge dicht mit Holunder, Hasel und Brombeere bewachsen sind. Hier begann das Abenteuer. Wir waren völlig uns selbst überlassen. Die Mutter eines Jungen hatte eine Trillerpfeife. Die konnten wir manchmal hören, und dann rannte er flugs nach Hause.

Wie war es im Hohlweg?

An manchen Stellen haben in den Hängen Dachse und Kaninchen gegraben. Dort leuchtet gelb der Mergel auf. Schon Kinder-Generationen vor mir haben an freien Stellen im Mergel gebuddelt und rechteckige Höhlen ausgeschachtet, die wir „Bunker“ nannten. Manche Bunker waren wieder von der Natur versteckt worden, so dass wir gelegentlich auf vergessene Höhlen stießen, wenn wir unter die Brombeerranken und Schlingpflanzen krochen. Die nahmen wir in Besitz und richteten sie wieder her. Am Ende saßen wir da mit Pfeil und Bogen und bewachten den Hohlweg. Aber es kam kaum jemals wer vorbei, nur ab und zu ein Traktorgespann. Am Ende der ersten Bruchstraße liegt ein steiler grasbewachsener Hang, den wir „Eidechsenberg“ nannten. Dort konnte man im Sommer viele Salamander sehen. Sie saßen gerne auf dem warmen Mergel und sonnten sich. Hinter dem Eidechsenberg durchquerte die Bruchstraße das weite Tal, von dem ich schon erzählt habe. Dem Verlauf des Tals folgt eine Hochspannungsleitung. Weil es unter ihr bedrohlich knisterte, war ich immer froh drunter durch zu sein.

Wenn du auf dem Weg in die geheimnisvolle 2. Bruchstraße warst? Jetzt wird es spannend.

In die 2. Bruchstraße, trauten wir uns erst, als wir schon größer waren. Sie schneidet viel tiefer ins Gelände ein als die 1. Bruchstraße, ihre Hänge sind steiler, und es gibt keine Bunker. Es ist einfach zu weit dahin. Deshalb waren wir selten in der 2. Bruchstraße.

Und wenn du dort warst, wie war es?

Die 2. Bruchstraße wirkte irgendwie abweisend, als wollte sie uns nicht haben. Etwa in ihrer Mitte führt ein mit Gras überwucherter Weg wie eine Rampe nach rechts aus ihr hinaus. Da oben hatte Bauer Melzer ein Feld gepachtet. Einmal waren sein Sohn Georg und ich mit Melzer auf seinem Trecker hingefahren und spielten am Gebüsch oberhalb des Hohlwegs. Melzer musste zu Hause eine Egge holen und fragte, ob wir so lange alleine da bleiben wollten. Er war mit seinem Gespann gerade die Rampe hinunter gerumpelt, da besannen wir uns und rannten hinterher.

Es war euch unheimlich geworden – so alleine in der 2. Bruchstraße?

Ja, besonders mir, weil ich der ältere war und plötzlich die Verantwortung für Georg hatte. Wir liefen die Rampe hinab. Unten auf dem Hohlweg nahm Melzers Trecker gerade Fahrt auf. Ich erreichte den Anhänger, griff nach der hölzernen Ladeklappe und zog mich hoch. Georg war ein bisschen schwächlich und konnte nicht schnell genug laufen. Ich saß auf der Pritsche des Anhängers und sah, wie Georg sich mächtig anstrengte. Er warf seine staksigen Beinchen, aber konnte nicht näher kommen, weil sein ahnungsloser Vater jetzt ordentlich Gas gab. Am Ende knickte Georg ein, streckte flehend die Hand nach uns aus und sank mit den nackten Knien in den Schotter. Melzer hatte von dem Drama hinter ihm nichts mitbekommen. Er sah stur gerade aus. Ich starrte ihm ängstlich in den Nacken, traute mich aber nicht zu rufen.

Ihr seid einfach weitergefahren?

Nein, es ging doch nicht, Georg alleine zu lassen. Darum bin ich wieder vom Gespann abgesprungen.

Ich vermute, die 2. Bruchstraße kam euch nach diesem Abenteuer nicht mehr so bedrohlich vor. Was ist an ihrem Ende?

Nachdem sie den Hohlweg verlassen hat, quert sie einen Feldweg, an dem die Kiesgruben liegen. Die Bruchstraße verläuft weiter auf einem Damm durch ein altes Moor. Das wurde im 19. Jahrhundert trocken gelegt wurde, habe ich in der Chronik gelesen. Ein Kanal mit brackigem Wasser erinnert daran. Es gibt da links und rechts der Straße nur feuchte Wiesen, ein mickriges Birkenwäldchen und Riet. Auf einem kurzen Stück streift die Straße einen schmalen Ausläufer des alten Auwaldes. Er gehört zu einem verschwundenen Altarm des Rheins. Dann folgt rechter Hand unser Wasserwerk.

Euer Dorf hatte ein Wasserwerk?

Es war gebaut worden, als ich noch klein war. Inzwischen ist es dicht von Fichten umstanden und rundum eingezäunt.Als mein Vater noch lebte, haben wir einmal mit der ganzen Familie unseren Sonntagsspaziergang hin gemacht. Mein Vater wollte sich den Baufortschritt ansehen. Wir fanden aber nur einen Schacht mit einem Bohrgestänge darüber. Im Kies unten stand eine Wasserpfütze.

Wie geht es weiter?

Ein paarhundert Meter noch bis zu einem einsamen Gehöft. Wenige Meter dahinter stößt die Bruchstraße an ein Feld und ist einfach weg! Untergepflügt, Herr Trittenheim! Ich habe dort manchmal mit dem Fahrrad gestanden und bedauert, dass unsere Straße nach so vielen zielstrebigen Kilometern ein sang- und klangloses Ende im Acker findet. Da wusste ich nicht, dass ich auf einer alten Römerstraße stand. Wo ich aufwuchs, zweigte sie von der römischen Fernstraße ab, die von den südlichen Provinzen zur Nordsee führte.

Dann folgt die Landstraße diesem alten römischen Fernweg?

Ja, das habe ich kürzlich in der Chronik gelesen. Die Bruchstraße war die Verbindung vom Fernweg zu einem römischen Kastell am Rhein. Vielleicht rührte daher ihr seltsamer Zauber, den ich immer gespürt habe, und der wuchs, je weiter ich von zu Hause fort war.

Dass es eine Heeresstraße war, erklärt ihr seltsames Ende. Nachdem der letzte römische Legionär durchgezogen war, haben die Leute den Weg verlegt und später untergepflügt. Sie haben einfach das Tor geschlossen, wie es sich gehört, wenn der letzte Gast gegangen ist. Und so, lieber Hannes, ist eine Landschaft ein großer Informationsspeicher, ein Medium, das die Zeichen über Jahrtausende bewahrt, kryptische Zeichen über Zeichen. Wer den Schlüssel hat, kann sie lesen. Und wer Zauber spürt, kann sie ahnen.

Fortsetzung.
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