Jüngling der Schwarzen Kunst – Folge 7 – Ewald Knoblauchwurst & Lutz der Zuhälter

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Ewald kommt nur morgens. Am Nachmittag und Abend studiert er am Kollegium Marianum. Er ist ein Spätberufener und will Priester werden. Seine Hauptspeise ist Knoblauchwurst. Täglich schickt er den Jüngling in die Metzgerei. Er ist ein dicklicher Mann, und es ist nicht schön mit anzusehen, wie unersättlich er die Wurstscheiben verschlingt. Aber seine Engelsgeduld ist schön. Nettesheim springt wie ein Schneider um ihn herum und neckt ihn. Ewald erträgt das alles gern. Am liebsten sind ihm die kleinen Ringkämpfe mit dem Jüngling. Beim Raufen wird Ewald ganz unruhig. Er beginnt heftig zu schnauben und hält den Jüngling manchmal viel länger in seine Arme gedrückt als schicklich.
Nettesheim merkt nicht, was los ist. Er sieht Ewalds hochrotes Gesicht und sagt sich, dass es vielleicht typbedingt sei oder die Ernährung.
“Ja, ich bin Leptosome, aber du bist Pykniker!”
Ewald bezähmt sich. Er will das Vertrauen des Jünglings nicht verlieren. Doch sein gieriger Blick beim Ablösen der Pelle. Wehe, wenn diese Fleischeslust sich woanders Bahn bricht! Was soll das werden, wenn er erst einmal Priester ist?

Es ist Mai. Ein Neuer tritt im Glashaus auf. Er heißt Lutz und ist ein ehemaliger Strafgefangener. Der Alte hat ihn auf Drängen seiner Bewährungshelferin hin eingestellt.
Lutz ist ein großspuriger kräftiger Typ, der auf stämmigen Beinen durchs Leben geht. Sein Gesicht hat etwas Schweinisches. Er ist ohne jede Scham. Bereitwillig erzählt er von seinem kriminellen Werdegang. Als Lehrling bei der Lokalzeitung hatte er zunächst die Belegschaftskasse gestohlen. Er war damit bis Amsterdam gekommen. Später hatte er sich als Zuhälter versucht. “Zwei Pferdchen” habe er am Laufen gehabt. Die hätten ihm sogar Liebesbriefe in den Knast geschickt. Der Jüngling hört das gar nicht gern und entschließt sich, Lutz nichts zu glauben. Was wäre das für eine Welt, in der Frauen solchen Typen Liebesbriefe schreiben? Aber Fink, einer der Drucker, der aus demselben Nest wie Lutz stammt, betet ihn an. Andauernd drückt er sich im Glashaus herum und lauscht seinen Erzählungen.
Als Lutz freitags seine erste Lohntüte bekam, lud er Fink und den Jüngling zu einem Umtrunk ein. In der Mittagspause gingen sie ins Cappuccino. Sie setzten sich an einen kleinen runden Tisch, und Lutz ließ Asbach-Cola auffahren. Er führte das große Wort. Das hier war schon eher seine Welt. Er hatte einen weiteren Job angenommen, als Discjockey in einer nahen Diskothek.
“Du musst unbedingt mal kommen, Nettesheim”, sagte Lutz. “Ich schwöre dir, wenn du reinkommst, werde ich dich übers Mikrophon ausdrücklich begrüßen. Dann bist du der Star!”
Er schnappte sich ein Colafläschchen und nuschelte nach Diskjockeymanier hinein.
“Hallo, meine lieben Freunde, hier ist wieder Ihr und euer Diskjockey – Charly. Die nächste Platte spiele ich für meinen werten Kollegen – Hannes! Nettesheim! Jüngling! Overlack! Soeben hat er die Diskothek betreten. Und hier ist er!”
Mit dem Zeigefinger auf den Jüngling zeigend, befahl er einem imaginären Beleuchter: “Spot!!!”
Fink rutschte unruhig hin und her.
“Und ich?”
“Dich begrüße ich natürlich genauso!”
“Genauso?” fragte Nettesheim.
Plötzlich sprang Lutz auf und rannte zur Tür.
“He Pitter! Komm her, du blöde Sau!” schrie er in die Fußgängerzone hinaus.
Pitter, der zufällig an den Fenstern des Cafes vorbeigegangen war, kam herein, in Begleitung eines zweiten. Lutz und er kannten sich aus dem Knast. Sie begrüßten sich lautstark, fielen sich in die Arme und boxten sich zum Spaß. Mehr Asbach-Cola wurde geordert. Nettesheim saß plötzlich eingeklemmt zwischen zwei schweren Jungs.
Der Kellner holte sich an der Kasse eine Mark und warf erneut die Musikbox an, wie um das Krakeelen der Knastbrüder zu übertönen, und die Beatles machten sich zum xten Mal auf die “Magical Mystery Tour”. Der Jüngling bekam einen Rippenstoß:
“Eh, wo warst du denn im Knast?”
“Ich? Nirgendwo.”
“Ach so.”
Nettesheim löste sich schlagartig in Luft auf. Derbe Erinnerungen wurden hervorgekramt und gingen hin und her, immerzu vor seiner Nase vorbei. Aber dann beeilte Pitter sich, auf die Gegenwart zu kommen und von den glänzenden Aussichten zu erzählen, die er im Moment habe. Ein Bordell in Mönchengladbach!
Fink saß mit roten Ohren dabei. Das ist ein Leben! Die Jungen wissen, wie man`s macht! Er war hingerissen und goss eifrig Asbach-Cola hinunter.
Was Lutz jetzt so mache? Arbeitslos?
“Du Arsch, ich bin Discjockey!”
Und die zwei Typen hier?
“Ach, Scheiße, das sind Kollegen. Im Moment habe ich nebenher noch einen Job in der Druckerei. Ich muss ja erst mal ein bisschen Kohle zusammenkriegen.”
Unruhig beobachtet Nettesheim die Uhr hinter dem Tresen. Sie zeigt jetzt viertel nach eins. Sie müssten schon zurück in der Firma sein.
Nur schwer kann Lutz sich losreißen. Asbach-Cola trinken und an kühlen Marmortischen sitzen, auf denen das Kondenswasser der Gläser schöne runde Lachen macht, sich wohl geborgen im Kreise der Kumpels zu suhlen, das ist was anderes als im Glashaus zu stehen.
Endlich ruft Lutz: “Zahlemann und Söhne! Komm her, du Ittacker!”
Er zieht sein dickes Portemonnaie aus der Gesäßtasche und knallt es auf den Tisch.
Aber nein, Pitter will zahlen. Kommt nicht in Frage! Lutz und Pitter streiten um die Ehre. Am Ende unterliegt Lutz. Sie gehen.
Auf dem Rückweg zur Druckerei bricht die Begeisterung aus Fink hervor. Als sie an einer langen Reihe geparkter Autos vorbeikommen, springt er, von Asbach-Cola beflügelt, auf den Kofferraum eines Wagens, läuft übers Dach und federt von der Motorhaube wieder ab. Lutz schlägt ihm anerkennend die Pratze auf die Schulter. Fink strahlt, als hätte er die höheren Weihen empfangen. Ein König im dreckigen Blaumann.
Lutz blieb keine vier Wochen. Am letzten Freitag im Mai erbat er sich einen Vorschuss und erschien montags darauf nicht mehr zur Arbeit. Der Jüngling sah ihn Monate später noch einmal in der Wartehalle des neuen Omnibusbahnhofes. Da soff Lutz mit den Pennern, die immer am Kiosk stehen. Sie lutschten gerade kleine Jägermeisterfläschchen leer. Lutz machte einen Schweinerüssel und prostete dem Jüngling wortlos zu.


Wird fortgesetzt

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2 Antworten auf Jüngling der Schwarzen Kunst – Folge 7 – Ewald Knoblauchwurst & Lutz der Zuhälter

  1. “Sie lutschten kleine Jägermeisterfläschchen leer.”
    Oder: “Sein gieriger Blick beim Ablösen der Pelle.”

    Ich bin da gerade ganz gut dabei, nicke ab und zu zustimmend, grinse bei den Formulierungen, die mir so eingängig ins Hirn schleichen, staune bei Dingen, die ich nicht kenne, also hauptsächlich aus dem Druckereibetrieb. Eine wirklich sehr schöne Erzählung, mal eben aus dem prallen Leben ins Schlaglicht des Blogs gezerrt. Bitte unbedingt den eigenen letzten Satz in Fettschrift einhalten!
    Eigentlich müsste man sich ja zum Beispiel heute Abend einmal hinsetzen, zur Feier der Geschichte ein Rüscherl* eingießen und nochmal alle Folgen von 1 bis 7 am Stück lesen. Ja, das sollte man machen.

    *) Rüscherl (mit mindestens drei gesprochenen ü) heißen im oberbayerischen Kneipenjargon die Asbach-Cola, serviert in Miniatur-Kognakschwenkern mit 2cl Asbach und 2cl Cola.

    (Frage am Rande: Wieso erscheinen die Folgen im Teppichhaus und nicht im Teestübchen? Gibt es hier eine Thementrennung? Ich meine, ich bin ja froh, dass ich noch beide Feeds im Reader habe.)

    • trithemius

      Dankeschön für Ihren erneut sehr motivierenden Kommentar, lieber Kollege. Ihr positive Resonanz spornt mich an, das Projekt weiter zu verfolgen. Das Tagesgeschäft des Bloggens ist hier Fluch und Segen. Einerseits brauche ich die Rückmeldung, andererseits beschäftigt mich die rege Interaktion im Teestübchen sehr. Das ist ein Grund, warum die Folgen des “Jünglings” nur hier im Teppichhaus erscheinen. Ich will den Roman aus dem Tagesgeschäft heraushalten.

      Danke für den Hinweis auf das Rüscherl. Sollte es mich mal ins Oberbayerische verschlagen …

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