Einiges über Schreibautomaten und automatische Autoren

Nachdem der Freund und werte Blogkollege Herr Leisetöne alias Shhhhh mit einem Beitrag eher ungewollt die Diskussion zum Thema automatische Texterzeugung angestoßen hat, bin ich in die Tiefen des Teppichhausarchivs abgetaucht, habe den folgenden dazu passenden Text hervorgeholt, entstaubt, frisch redigiert und typografisch angepasst. Vorsorglich versichere ich, dass ich ihn selbst im Jahre 2006 fürs Teppichhaus Trithemius verfasst habe und er nicht, wie böse Zungen behaupten, von einer Horde Affen an Schreibmaschinen durch wildes Herumhämmern auf den Tasten per Zufall erzeugt wurde.

Pitter sitzt in der Küche am Tisch und malt. Der Vater kommt dazu und betrachtet die Zeichnung (wörtliche Rede in Klevisch-Weselisch, das ist niederfränkisch):

„Wat sall dat gäwen, wenn et ferdig ös?“
„En Päärd, Vadder!“
„Maar dat hätt jo bloß drei Been! Wo ös denn datt verde?“
„Dat ös noch in den Inkpot, Vader!“

Pitter glaubt also, alles zu Zeichnende oder zu Schreibende befinde sich schon oder noch im Tintenfass. Die Vorstellung wirkt kindlich-naiv angesichts der schier unzähligen Vielfalt möglicher Zeichenspuren.

Doch wie verhält es sich bei den Buchstaben? Befinden sich alle Texte dieser Welt bereits in den Produktionskesseln der Suppenfirma, so dass man sie aus der Buchstabennudelsuppe herauslesen könnte? Man ist geneigt zu bestreiten, in einem Topf mit Buchstaben wären alle zu schreibenden Texte bereits enthalten. Wenn dem so wäre, dann müsste jeder Text auch auf mechanische Weise aus einem theoretisch unendlichen Buchstabensuppentopf hervorzuholen sein, also ohne kreativen Impuls.

Cicero fand die Idee der mechanischen Texterzeugung noch so abwegig, dass er damit die Theorie von der Erschaffung der geordneten Welt aus Atomen zu widerlegen suchte: „Derjenige, welcher Soartiges für möglich hält, müsste ebenso glauben, dass, wenn man unzählige Formen der 21 Buchstaben des Alphabets auf die Erde schütte, (…), die Annalen des Ennius daraus entstehen könnten.“ Spätestens in der Barockzeit denkt man anders darüber. So errechnet Leibniz die Anzahl der möglichen Kombinationen von 24(* Buchstaben des Alphabets mit 620.448.401.733.239.439.360.000. Die Zahl weist die Summe aller Inhalte aus, die sich mit unserem Alphabet ausdrücken lassen.

(* K und C sowie I und J gelten noch als jeweils ein Buchstabe)

Ließe man einen Computer die entsprechenden Permutationen durchführen, also eine einfache Buchstabenvertauschung vornehmen, müssten nicht nur die Annalen des Ennius dabei herauskommen, sondern auch dieser Text hier und alle Kommentare dazu sowie alle Texte in den Archiven der einzelnen Blogs usw.

Auf dieser Idee fußen auch Textgeneratorprogramme wie der Liebesbriefgenerator, der allerdings auf der Satzebene arbeitet. Schon 1974 erschien auf Deutsch der Science-Fiction-Horror-Taschencomputer von Gahan Wilson, eigentlich ein Flussdiagramm, mit dessen Hilfe man einen Film- oder Romanplot generieren konnte. (größer: Klicken)

Doch auch ein Programm, das Wörter aus Wortlisten zu grammatisch richtigen Sätzen zusammenstellt, ist einfach zu schreiben, ich habe schon Mitte der 80er ein derartiges Programm für die Permutation von Palindromsätzen geschrieben.

Texte lassen sich also rein mechanisch erzeugen. Theoretisch könnte eine Horde Affen an Schreibmaschinen allein durch Herumhämmern auf den Tasten alle Literatur der Welt hervorbringen, wenn man sie nur lange genug gewähren ließe.

Wenn es also grundsätzlich möglich ist, alle Texte des Alphabets mechanisch zu erzeugen, was bedeutet das für unser Verhältnis zur Schrift, zum Schreiben und Lesen? Am Beispiel Liebesbriefgenerator zeigt sich, dass alle dort aufgeführten Wortwendungen sofort zu hohlen Phrasen werden, wenn man den Generator kennt. Es handelt sich hier um eine kuriose Randerscheinung, doch grundsätzlich nehmen die von Automaten erzeugten Texte zu, sie machen einen Großteil der Briefpost aus, und auch hier ist Schriftsprache zur Phrase verkommen. Zudem werden immer mehr Texte verfasst, was bedeutet, dass sich Wortinhalte rascher abnutzen. Insgesamt strebt die Schriftsprache ihrer Banalisierung zu. Oder überspitzt formuliert:

Das Erzeugen von Information führt zur Sinnentleerung der Information.

Der Altertumsforscher Werner Ekschmitt hat schon 1968 auf eine interessante Parallele hingewiesen. Er beschreibt die Bibliothek von Alexandria, die vor ihrer Zerstörung 700.000 Papyrusrollen enthalten haben soll. Für Ekschmitt ist das Anwachsen der Textproduktion ein Zeichen für untergehende Kulturen. Die Menschen untergehender Kulturen könnten die Wörter nicht mehr bei sich behalten.

Eine Bibliothek, in der alle überhaupt schreibbaren Texte verwahrt werden, hat Jorge Luis Borges in seiner phantastischen Erzählung Die unendliche Bibliothek beschrieben. Darin befinden sich vor allem völlig sinnlose Texte, die sich durch Permutation ergeben würden. Sie sind natürlich in der Überzahl, so dass die Bibliothekswesen der Erzählung nur vom Hörensagen wissen, dass einer ihrer Vorfahren in den unzähligen Räumen der Bibliothek einmal auf einen sinnvollen Satz gestoßen sei.

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