Judith Rakers und mein Frühstück

Gestern Abend habe ich mich über mich gewundert. Da schaltete ich pünktlich zur Tagesschau das Fernsehgerät ein. Was daran verwunderlich ist? Längs taktet die Tagesschau das Leben aller Bundesdeutschen, weil ja auch die privaten Kanäle ihr Abendprogramm auf das Ende der Tagesschau abgestimmt haben. Bevor es also losgeht mit der ganzen Verblödungsjauche, die allabendlich in deutsche Wohnzimmer gekübelt wird, schaltet gut die Hälte der Deutschen die Tagesschau ein, um zu erfahren, was los ist in der Welt. Dieses durchaus seltsame Verhalten wirkt wie kollektive Konditionierung, über die sich unsere Vorfahren sehr wundern würden.

Die automatenhafte Fixierung auf einen Fernsehtermin ist das Ergebnis eines über Generationen tradierten gut 60 Jahre währenden Fernsehalltags, denn es gibt die Tagesschau bereits seit der Erstsendung am 26. Dezember 1952. Worüber ich mich aber eigentlich gewundert habe: In politischer Hinsicht erwarte ich von der Tagesschau schon seit langem keine objektiven Informationen, keine journalistisch saubere Arbeit mehr. Das gleiche gilt für die Tagesthemen, die ich mir gar nicht mehr ansehen kann, ohne dass – bitte treten Sie zurück – mir das Frühstück rückwärts rauskommt, und das ist am Abend kein Vergnügen. Nein, die Tagesschau schalte ich ein, um zu sehen, was die Deutschen derzeit glauben sollen.

Dass viele Deutsche den Tagesschausprecher für den Regierungssprecher halten, geht auf „Mister Tagesschau“, den zu seiner Zeit ungemein populären Karl-Heinz Köpcke zurück, der seinen Job „mit beamtenhafter Seriosität und Emotionslosigkeit“ (WDR) erledigt hat. Diese Seriosität ist zum geleckten Außenbild verkommen. Redaktionell hat die Tagesschau die kritische Distanz aufgegeben und pflegt in offener Kumpanei mit den jeweils Regierenden einen schamlosen Verlautbarungsjournalismus, wie er in seiner nordkoreanisch anmutenden Unterwürfigkeit eine Schande ist für eine demokratische Gesellschaft, dieser Tage mal wieder an der verlogenen Griechenlandberichterstattung zu erleben. Wer aber die Tagesschau kritisiert, wird von Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke „Verschwörungstheoretiker“ geschimpft. (Wir berichteten.) Dass die Weltsicht auch ganz anders ausfallen kann als von Tagesschau und Tagesthemen vermittelt, beweist ein Blick auf die „Hinweise des Tages“ der Nachdenkseiten.

Zum Glück für mich Verschwörungstheoretiker gibt es die Tagesschausprecherdarstellerin Judith Rakers. Sie mimt in perfekter Vorbildfunktion das treuherzig doofe Blondchen, das niemals auf die Idee kommen würde, auch nur ein Wörtchen der verlesenen Meldungen zu hinterfragen. Wenn sie am Schluss ihrer Sätze jeweils kaum merklich bestätigend nickt, ist mir, als würde sie mein Frühstück freundlich bitten, doch lieber unten zu bleiben.

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8 Kommentare zu Judith Rakers und mein Frühstück

  1. trithemius

    Kleiner, seltener Lichtblick im ZDF

  2. Überall der gleiche Tenor, im Morgenmagazin, der Aktuellen Stunde, in den ARD-Brennpunkten usw.: Die Griechen wollen sich auf unsere Kosten einen faulen Lenz machen, die regierende Partei ist eine Chaostruppe, die nicht weiß, was sie will und unberechenbar ist. Und so ist es kein Wunder, daß fast jeder der festen Überzeugung ist, daß das stimmt, es ist unglaublich mühsam, das z.B. in einem Kollegengespräch zu relativieren. Kürzlich habe ich eine gute Doku gesehen, die die ARD im März im Spätprogramm versteckt hatte, die die Hintergründe beleuchtet und die an Aktualität nichts eingebüßt hat:
    https://youtu.be/8aI61cLFR40

    • trithemius

      Im Medienmagazin Zapp durfte gestern Kai Gniffke mal wieder auf die Kritik antworten, man würde zu tendenziell berichten. Gniffke sagte, er könne versichern, dass morgens „kein Anruf“ aus dem Nato-Hauptquartier hereinkomme, es müsse so oder so berichtet werden. Das zeigt, dass Gniffke die Kritiker immer noch für blöde Verschwörungstheoretiker hält. Dieser überall gleiche Tenor, von dem du sprichst, ist eben nicht das Ergebnis einer Verschwörung. Das funktioniert anders. Die taz spricht von einem System, „in dem Klüngelrunden, persönliche Seilschaften und Tauschgeschäfte von Informationen gegen wohlgesinnte Berichterstattung das Verhältnis von Politik und Medien durchziehen. Dabei gilt: Je mächtiger und größer das jeweilige Medium, desto enger die Bindungen. Denn wer ganz vorne mitspielen will, darf es sich mit den seinen Informanten und Protagonisten nicht verscherzen.“

      Man muss sich nur ansehen, wer aus welcher Funktion heraus in der ARD Karriere macht:
      – Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle, war zuvor Europa- und NATO-Korrespondent;
      – Thomas „Tom“ Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks hatte zuvor die Tagesthemen moderiert und war Leiter des ARD-Studios Washington DC gewesen. Buhrow, ein ausgewiesenes Mietmaul, hatte sich auch als Festredner bei der Atlantikbrücke hervorgetan;
      – Tina Hassel, war Leiterin des ARD-Studios Washington DC, ist Mitglied der Antlantikbrücke, übernimmt jetzt die Leitung des ARD-Hauptstadtstudios Berlin;
      die Liste ließe sich fortsetzen. All diese Leute beweisen, dass Wohlverhalten die Karriere befördert.
      Deshalb durchzieht die Propaganda für Nato-, US- und Regierungspositionen wie eine Pestwolke das gesamte Programm. Journalistisch gut gemachte Formate wie die von dir verlinkte Sendung versteckt man im Spätprogramm und besänftigt damit das schlechte Gewissen, dass beständig journalistische Standards verletzt werden.

      Ich zweifele auch oft an mir selbst, wenn ich mir anhören, welche Lügen jetzt im Fall Griechenland unisono verbreitet werden. Allerdings übertreiben die Vögel manchmal wie Rolf-Dieter Krause, Europa- und NATO-Korrespondent in Brüssel, bei seinem peinlichen Auftritt in „Hart aber fair“ , wo er jegliche professionelle Distanz vermissen ließ und sich ereifert, der Ministerpräsident Griechenlands, Alexis Tsipras, gehöre „zum Teufel gejagt.“ (Wohlgemerkt ein demokratisch gewählter Ministerpräsident). Da versucht ein Journalist, Politik zu machen. Krause gilt übrigens als Schäubles Sprachrohr.

      • Die Sendung habe ich auch gesehen und war entsetzt, daß ausgerechnet so einer wie Krause als Spezialist in allen Griechenlandfragen in fast jeder Nachrichtensendung der ARD befragt wird – kaum Sachverstand, stattdessen ein unverhohlener Hass auf die Linken. Dem glaube ich kein Wort mehr. Aber das paßt ja recht gut zu dem, was Du schreibst. Man sollte wirklich besser keine Fernsehnachrichten mehr ansehen, auf keinem Kanal, und sich die Informationen woanders herholen.

        • trithemius

          Gestern meldete Tagesschau.de im Deutschland-Trend: „Schäuble ist beliebt wie nie!“

          Im Forum bekommt der Trend natürlich Zustimmung. Aber einer schreibt: „Kommt wahrscheinlich im ÖR keiner auf die Idee, dass das mit der Berichterstattung im ÖR zu tun hat. Wie denn auch?“

          Das ist wirklich ulkig. Zuerst trommelt man auf allen Kanälen gegen die Griechen und zeigt die schwarze Null Schäuble als unbeugsamen Verteidiger unserer Steuergroschen, dann ermittelt man im Deutschland-Trend den Erfolg dieser Propaganda und meldet den stolz weiter.

  3. Thilo Baum schreibt hier in einem sehr klugen Text (in dem er sich zwar explizit auf den SPIEGEL bezieht, der aber auch für die aktuelle Mainstream-Berichterstattung im allgemeinen gelten könnte):

    »Ist das Journalismus? Nein. Es ist vieles, aber kein Journalismus. Es ist belehrend, antiliberal, besserwisserisch, es ist Agitation. Und zugleich ist es das Ergebnis elementaren Unwissens, von mangelnder Lebenserfahrung und von Naivität. [..] Die Leute müssen runter vom hohen Ross und mehr Respekt zeigen nicht nur gegenüber den Leuten, die ihre Gehälter finanzieren, sondern auch vor der Wahrheit.«

    • trithemius

      Danke für den Link und fürs Zitat. Ich beziehe mich mal darauf: Man muss hier aber sauber trennen. Wem „elementares Unwissen“ die Feder führt, der lügt ja nicht, denn er weiß es nicht besser, also kann er auch keinen „Respekt (…) vor der Wahrheit“ zeigen. Gewiss spielen sehr oft Ungebildete die Welterklärer, weil sie eine große Zeitung oder eine große Rundfunkanstalt hinter sich wissen, in deren Auftrag und Namen sie handeln. Wo man sich nicht auskennt, wird einfach geschaut, was die Kollegen anderer Redaktionen verfasst haben. So schreiben Unwissende bei Unwissenden ab und merken vermutlich nicht, was sie für einen Mist verzapfen. Solche Fälle haben Sie oft genug in Ihrem Blog aufgespießt. Weitaus schlimmer sind die umfassend Gebildeten, wenn sie sich vor den Karren von Interessengruppen spannen lassen. Sie kennen wohl noch andere Wahrheiten, verschweigen sie aber im Dienste ihrer Karrieren. Sie stellen sich bei der Agitation und Desinformation geschickt an, sind eloquent und ertragen es gar nicht, wenn man ihnen auf die Schliche kommt. Da helfen auch keine Appelle, denn zuzugeben, dass man nicht wahrhaftig und journalistisch sauber arbeitet, würde das Lügengebäude des eigenen Selbstverständnisses zum Einsturz bringen.

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