Ein Bild und seine Gedichte (3)

Kalt die Beine – kalt die Schienen
Gleichklang und doch unvergleichlich,
Ähnlich, aber doch verschieden,
Hart das Gleis, die Schenkel weichlich.

Antlitz unter schwarzem Schleier,
Wehmut in den welken Zügen,
Nur der Wind, der kalte Freier
Zaust ihr Haar und flüstert Lügen

Frau Schygulla Tausendschön,
Wartend mit dem Blick nach Osten
Am Kontrollpunkt hundertzehn,
So sah sie der Streckenposten.

Dämmer fällt mit leiser Tücke,
Dringt ins Herz und macht es schwer.
Nutzlos klafft des Mantels Lücke,
Schwarzen Strumpf sieht niemand mehr.

(Trithemius, Archiv)
_____________________________________

Weil sie zu nah am Zuge steht
ist ihr das Beinkleid weggeweht.
Das Antlitz hinter Trauerflor,
begrub den Gatten sie zuvor.
Da sieht man sie mit nackten Beinen
um Gatten und das Beinkleid weinen.
Der Gatte, er kommt nicht zurück.
Doch hinterließ er ihr zum Glück
testamentarisch pflichtgemäss
seine “American Express”.
Für´s neue Beinkleid. Gottlob. Amen!
Und zahlt mit seinem guten Namen.

(Lo)
____________________________________

Bei diesem Bild kam ich sogleich
in Strudel, denn ich folgte
dem Link in der Notiz.
Sie wissen, wie das ist, man sucht nach Pudel
und landet bei Hospiz.
Ich folgte also dem Vermerk zur Wikipedia
und siehe da, das Bild von Frau Schygulla
war dort viel aktueller.
Stopp mal! Nicht noch schneller!
Gediegen scrollen wir hinab
und sehen rechts den Stern.
Wir schauen überlegt dorthin,
denn Hollywood, läg‘ auf der Hand,
so schwatzte die Notiz vom Rand zur Frau in Strapsen
Doch denkste, es ist nur Berlin.
Oh, Wowereit, ick hör dir trapsen!
Wir scrollen weiter blümerant
sehen uns’ren Wowereiter mit der Schere in der Hand
Dahinter Tommy, er ahnt schon die Misere
und guckt, als ob er hoffe, man hätt‘ ihn nicht erkannt.

(Shhhhh)
____________________________________

Jäh fährt der Schreck ihm in die Glieder –
Das gibt’s doch nicht, da steht sie wieder!
Erst kürzlich fror er auf den Gleisen
Verhandelnd wegen Bargeldpreisen.
Sein Plastikgeld blieb unbedankt
Statt Liebesspiel wurde gezankt.
Dass sie jetzt einsah, was doch geht
Kommt für den Schmollenden zu spät.
Vertan die Chance, ihn zu verwöhnen –
Mit ihr wird er sich nicht versöhnen.

(Jessie)
____________________________________

Es wartete Frau Schygulla
auf einen Zug, doch siehe da:
es blieb kein Zug nicht stehn!
Wie konnte das geschehn?
Ob’s daran lag, daß wo sie stand
sich gar kein Bahnhof nicht befand?

So stand sie also mittenmang
im Nirgendwo am Schienenstrang
und dachte drüber nach
und fror ein wenig, ach!,
in ihrem dünnen Negligee,
und zog zuletzt das Resümee:

“Nun wart’ ich schon so lang, indes
kein Zug nicht kommt, auch kein Express.” (*)
Es ward Frau Schygulla
erst später dieses klar,
warum kein Zug nicht ließ sich blicken:
am GDL-Streik tat’s wohl liegen!
_________________________

(*) Nicht einmal ein American
Express ließ sich von fern erspähn.

(krassNick)

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10 Kommentare zu Ein Bild und seine Gedichte (3)

  1. trithemius

    Etwas zur Geschichte dieses Bildes

    Das Foto dieser Zeitungsanzeige für ein Kreditkarten-Unternehmen aus den 1990er Jahren hat die berühmte Fotografin Annie Leibovitz gemacht. Zu sehen ist die geachtete Schauspielerin Hanna Schygulla. Sie war damals schon um die 50 Jahre alt und vermutlich stolz, noch so attraktiv abgelichtet worden zu sein. Trotzdem fand und finde ich den visuellen Flirt mit der Käuflichkeit einer Bordsteinschwalbe geschmacklos, habe die Anzeige entsprechend getitelt und obiges Gedicht gemacht.

    Wer ein Gedicht beisteuern möchte, kann den Kontext natürlich ignorieren.

  2. Lo

    Weil sie zu nah am Zuge steht
    ist ihr das Beinkleid wegegweht.
    Das Antlitz hinter Trauerflor,
    Begrub sie den Gatten kurz zuvor

    Da sieht man sie mit nackten Beinen
    um Gatten und das Beinkleid weinen.

    Der Gatte, er kommt nicht zurück.
    Doch hinterließ er ihr zum Glück
    testamentarisch pflichgemäss
    seine „American Express“.
    Für´s neue Beinkleid. Gottlob. Amen!
    Bezahlt mit seinem guten Namen.

  3. Bei diesem Bild kam ich sogleich
    in Strudel, denn ich folgte
    dem Link in der Notiz.
    Sie wissen, wie das ist, man sucht nach Pudel
    und landet bei Hospiz.
    Ich folgte also dem Vermerk zur Wikipedia
    und siehe da, das Bild von Frau Shygulla
    war dort viel aktueller.
    Stopp mal! Nicht noch schneller!
    Gediegen scrollen wir hinab
    und sehen rechts den Stern.
    Wir schauen überlegt dorthin,
    denn Hollywood, läg‘ auf der Hand,
    so schwatzte die Notiz vom Rand zur Frau in Strapsen
    Doch denkste, es ist nur Berlin.
    Oh, Wowereit, ick hör dir trapsen!
    Wir scrollen weiter blümerant
    sehen uns’ren Wowereiter mit der Schere in der Hand
    Dahinter Tommy, er ahnt schon die Misere
    und guckt, als ob er hoffe, man hätt‘ ihn nicht erkannt.

  4. Jäh fährt der Schreck ihm in die Glieder –
    Das gibt’s doch nicht, da steht sie wieder!
    Erst kürzlich fror er auf den Gleisen
    Verhandelnd wegen Bargeldpreisen.
    Sein Plastikgeld blieb unbedankt
    Statt Liebesspiel wurde gezankt.
    Dass sie jetzt einsah, was doch geht
    Kommt für den Schmollenden zu spät.
    Vertan die Chance, ihn zu verwöhnen –
    Mit ihr wird er sich nicht versöhnen.

    • trithemius

      Du bist die erste Frau, die sich am Projekt beteiligt hat, liebe Jessie, und auch noch mit so einem witzigen Beitrag!

  5. Es wartete Frau Schygulla
    auf einen Zug, doch siehe da:
    es blieb kein Zug nicht stehn!
    Wie konnte das geschehn?
    Ob’s daran lag, daß wo sie stand
    sich gar kein Bahnhof nicht befand?

    So stand sie also mittenmang
    im Nirgendwo am Schienenstrang
    und dachte drüber nach
    und fror ein wenig, ach!,
    in ihrem dünnen Negligee,
    und zog zuletzt das Resümee:

    „Nun wart‘ ich schon so lang, indes
    kein Zug nicht kommt, auch kein Express.“ (*)
    Es ward Frau Schygulla
    erst später dieses klar,
    warum kein Zug nicht ließ sich blicken:
    am GDL-Streik tat’s wohl liegen!
    _________________________

    (*) Nicht einmal ein American
    Express ließ sich von fern erspähn.

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