Nachrichten aus meiner inneren Bahnhofshalle – halb redigiert

Der Redaktor ist heute wieder ein gestrenger Herr und lässt nicht zu, dass ich mich echauffiere. Dabei wäre mir danach, mich über das Personal im Fernsehen auszulassen, das mir nach einem unbedachten Druck auf die Fernbedienung einfach so in die Stube springt, mich in meiner eigenen Wohnung willkommen heißt und vor meinen Augen auf das Wildeste telechambriert. (Gibt’s nicht! Das Wort haben Sie erfunden!) Viele dieser Personen finde ich zum Kotzen. (Gossensprache! Besser: informieren und unterhalten mich vortrefflich.) Ich denke: Aus welchem Loch sind die hervorgekrochen? (Besser: Aus welchem guten Hause entstammen denn diese schön frisierten Persönlichkeiten?)

Frag ich dann
in die Runde: “Sacht ma (Mundartl. Besser: Sagt einmal), ich kenne diese berückende Persönlichkeit gar nicht – welch höchst bedauerliche Bildungslücke!”, ja, dann fragt man erstaunt zurück: „Ach, diese maßgebliche Persönlichkeit des medialen Zeitalters kennst du nicht? Das ist doch die und die oder der und der! Hat die Karriere vor einiger Zeit als Ladenschwengel bei RTL begonnen und jetzt eine eigene Sendung – die heißt, ‘Kack am Draht’“ (Ich weigere ich mich, den Artikel weiter zu redigieren. Ist mir zu mühsam. Am Ende bin ich froh, dass Sie keine Namen genannt und uns damit diverse Unterlassungsklagen erspart haben.)

Will sagen, ich bin, was mediale Watschengesichter und Schleimbeutel aus Kack-am-Draht-Sendungen betrifft, einfach nicht up to date. Und ich kenne natürlich auch keine Eintänzer, keine koksnasigen Starfriseure oder Damen- und Herrenschneider, die in irgendeiner Jury sitzen und ekelerregenden verbalen Müll absondern, kenne keine sogenannten Spielerfrauen, deren Geistesblitze in der Dreckspress abgedruckt werden und auch nicht irgendwelche Top-Designer, die mal total angesagt waren und maßgeblich das Design für Klobrillen, Maiskolbenschäler und Schmerzzäpfchen bestimmt haben. Man könnte sagen, ich bin ganz aus der Welt. Warum das so ist, kann ich nur vermuten. Eventuell hat meine Unkenntnis etwas mit Vorsicht zu tun. Denn wer in meinen Kopf will, muss ein Billett haben. Zur Not tut es auch eine Bahnsteigkarte. Sie erlaubt aber nur den kurzzeitigen Aufenthalt.

Selbst beim Ausstellen
der Bahnsteigkarte für meinen Kopf bin ich vorsichtig. Es gibt nämlich Gauner, die sich gut zu tarnen wissen. Von denen weiß ich aus Erfahrung, dass sie ihren Dreck grundsätzlich neben den Mülleimer schmeißen. Da fliegt mir jedes Mal der Draht aus der Dienstmütze. Und dann muss ich wieder den Psychohygiene-Besenmann rumschicken. Eines ist mir jedenfalls klar: Wenn sich 1000 wichtige Persönlichkeiten meiner inneren Bahnhofshalle nähern, begleitet vom Tuten und Blasen ihrer Propagandisten aus Presse, Film, Funk und Fernsehen, wenn sie sich vor meinen Augen auch noch in die Arme fallen, um sich gegenseitig ihrer Wichtigkeit zu versichern, von diesen 1000 muss man nur einen oder zwei durch die Sperre lassen, vorsorglich erst nur mit Bahnsteigkarte. Den anderen kann man sagen: „Geht mal gucken, ob das fuchsrote Huhn schon ein Ei gelegt hat!“

Musiktipp
Jamie xx
Loud Places

Jamie xx – Loud Places (ft Romy) von LoveHoustan-org

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11 Antworten auf Nachrichten aus meiner inneren Bahnhofshalle – halb redigiert

  1. iGing

    “telechambriert” – sollte zum ‘Wort des ersten Halbjahres’ gekürt werden!!!
    Ich geh mal davon aus, dass bis Ende Juni kein besseres kommt! ;-)

    • Dem schließe ich mich an. Mir war das Wort wohl deshalb nicht aufgefallen, weil wir in meiner Jugend ein sog. Fernsehzimmer (telechambre) hatten. Da fand ich es wohl ganz normal, dass jemand telechambriert.

    • trithemius

      Innerhalb von vier Wochen kann aber in der Wortbildung noch viel passieren. ;) “telechambrieren” auf dem Prüfstand:
      Wenn antichambrieren (ante= vor, chambre= Kammer) bedeutet, dass man im Vorzimmer höher gestellter Persönlichkeiten rumscharwenzelt, um deren Gunst zu erringen, dann bedeutet telechambrieren (tele=fern), dass TV-Schaffende vor der Kamera scharwenzeln, um den Zuschauer aus der Ferne für sich einzunehmen.

  2. Nun musste ich mich doch tatsächlich im Internet umtun, um herauszufinden, ob es so etwas wie Bahnsteigkarten außerhalb Deines Kopfes überhaupt noch gibt. Ich erinnere mich, dass man sie in meiner Kindheit am Bahnhof Zoo brauchte, und dass meine Mutter, als ich in die Ferien verschickt wurde, zu sparsam war, sich eine zu kaufen, und mich in der großen Eingangshalle verabschiedete. Meine Suche hat aber ein nettes Nebenergebnis gezeitigt.

    Lenin wird der Ausspruch zugeschrieben: „Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst eine Bahnsteigkarte!“ – Das galt natürlich nicht für Fernsehfritzen und Fernsehtussen.

    • trithemius

      Die Bahnsteigkarte wird sicher bald aus dem kollektiven Bewusstsein verschwinden. Ich erinnere mich noch gut an die sogenannte “Sperre”, in der ein livrierter Eisenbahnbeamter saß und Löcher in die Fahrkarten oder Bahnsteigkarten knipste, was einer Entwertung entsprach. Dann erst durfte man passieren.
      Sperren gibt es noch an U-Bahnstationen.

  3. Man hatte ja nicht viel Auswahl, wen man aus dem Fernsehen zu sich einlädt. Die westdeutschen Sender teilten sich anfangs einen einzigen Kanal, und der Löwenanteil von 24 Stunden gehörte dem weißen Rauschen. Dafür aber machte es einen Unterschied, wen man zum Fernsehen einlud. Zur Tagesschau versammelte sich in unserem Fernsehzimmer manchmal das halbe Haus, und es mussten Stühle aus allen Räumen herbeigeschafft werden.

    • trithemius

      Von welcher Zeit sprichst du? Ich kannte zumindest zwei Kanäle und fand gut, wenn das Programm gegen 24 Uhr mit Testbild endete und anschließend nur noch kam, was im Rheinland Gegrieselts heißt. Und zum Umschalten musste noch einer aufstehen. Die Fernbedienung hat die Sehgewohnheiten verändert.

      • Bist halt im Vergleich zu mir noch ein Jungspund. Ich rede von Zeiten, als es zwar ein Regionalprogramm gab, das in der Stunde vor dem Abendprogramm lief, aber auf demselben Kanal. Umschalten musste man nur, um das Fernsehen der DDR zu gucken. DAS Zweite kam erst später. Sich aus dem Sessel erheben musste man trotzdem des Öfteren, weil das Bild “kippte”, und um mit diesem Problem klarzukommen, gab es ein Rädchen unterhalb des Bildschirms, an dem man geduldig und mit viel Feingefühl drehen musste. Ansonsten muss ich mich korrigieren. Das “weiße Rauschen” war damals gar nicht weiß, sondern so eine Art Funkengestöber vor schwarzem Hintergrund.

  4. Man sagt ja als Berufsbezeichnung für hauptberufliche Spielerfrauen nimmer »Spielerfrauen«. Politisch korrekt ist mittlerweile »Schmuckdesignerin«.

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