Dumme Schmähgesänge sind keine Satire

Mit Bedauern beobachte ich den Niedergang des satirischen TV-Formats Extra3. Vom Gründungsjahr 1978 bis August 2014 war es nur beim NDR zu sehen und genoss dort wegen der geringen Verbreitung wohl Narrenfreiheit. Seit 2014 wird Extra3 monatlich ins ARD-Abendprogramm gehoben und hat seither erkennbar an Biss und Orientierung verloren. Das zeigte sich an der dümmlichen Behandlung von Themen wie dem Rüstungsskandal der Bundeswehr und zuletzt beim Thema Bahnstreiks. Hier erklimmt Extra3 mit seinem Claus-Weselsky-Song BILD-Niveau, indem es sich auf den Vorsitzenden der GDL einschießt.

Soweit der Fokus auf streikende GDL-Mitglieder erweitert wird, sind sie keine arbeitenden Menschen, die für ihre Rechte kämpfen, sondern „Plastiktüten“. Es geht im Lied aber hauptsächlich um den „betonköpfigen“ Claus Weselsky, so wie die Mainstreampresse ganz Russland auf die Hassfigur Putin reduziert. Dass auf der anderen Seite, im notorisch überbezahlten Bahnvorstand ebensolche „Betonköpfe“ sitzen, wird nicht thematisiert. Welche Person dort für die kompromisslose Haltung der Bahn verantwortlich ist und ebenso den Druck der genervten Bahnkunden verdient hätte, erfahren wir nicht. Vor allem erfahren wir nichts über den Grund für den anhaltenden Konflikt: Die Bahn verzögert die Verhandlungen in Erwartung des Tarifeinheitsgesetzes, das faktisch das Aus für kleine Gewerkschaften wie die GDL bedeutet. Das Tarifeinheitsgesetz beschneidet die Rechte von Arbeitnehmern und ist ein weiteres Element beim stetigen Umbau unserer Republik in Merkels „marktkonforme Demokratie“. Die Bundesregierung hat natürlich ein Interesse an einer weiteren Eskalation des Streiks, weil er die Akzeptanz der Bevölkerung für das vermutlich verfassungswidrige Tarifeinheitsgesetz erhöht.

Der Extra3-Beitrag verstößt auch gegen den von Extra3-Autor Jesko Friedrich im Blog formulierten Grundsatz, wann eine Satire nicht angemessen sei: Der „angeblicher Feind hat bei genauerem Hinsehen Recht“ „(…) An einem gewählten Feind festzuhalten, obwohl die Fakten ihn vollständig entlasten, wäre nicht Satire, sondern Propaganda.“ Es ist also nicht Aufgabe der Satire, ins gleiche misstönende Horn zu tröten wie die regierungsfreundliche Presse, wissen auch die Kollegen bei Extra3, handeln aber anders. Was die allgemeine mediale Propaganda an Desorientierung anrichtet, zeigt das Video eines von Jugendlichen gefeierter YouTube-Stars, der die streikenden GDL-Mitglieder nach Auschwitz befördern und vergasen will. Er hat dafür laut Spiegel.de schon 35.000 Likes.

Es ist schier unglaublich wie die Öffentlichkeit aus politischer Berechnung getriezt wird und unsere Medien nichts besseres zu tun haben, die Hintergründe des Geschehens zu verschleiern. Irgendwann fliegt uns die Scheiße um die Ohren, und dann kann man bei Extra3 stolz sein, die Scheiße wenigstens am klamaukigsten herbei gesungen zu haben.

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