Abendbummel online – Peinliche Momente am Morgen danach

Viele Leute hassen ihr Morgen-Ich oder können es zumindest überhaupt nicht leiden, also nicht ihr Ich am Morgen, sondern das Ich, das sie am nächsten Tag sein werden. Dem zu gefallen, können sich nur wenige entschließen. Sie sagen sich beispielsweise: „Warum soll ich jetzt dieses hübsche und überaus gesellige Saufgelage verlassen und schon nach Hause gehen, mir brav die Zähne putzen und mich zeitig schlafen legen, nur damit sich der, der ich morgen bin, gut, frisch und ausgeruht fühlt? Was tut das blöde Arschloch denn für mich? Meckert höchstens aus der Zukunft in mein Leben und verdirbt mir die schönste Sauferei.

Anders ein Referendar, den ich einmal ausgebildet habe. Er erzählte mir, dass er sich allabendlich das Gedeck für sein Frühstück bereitstellen würde. Soviel Fürsorge für ein zukünftiges Ich fand ich so verwunderlich, dass ich fast allein das noch von dem Mann weiß, obwohl er gewiss ziemlich fähig gewesen ist. Er ist dann auch gar nicht Lehrer geworden, weil es einen Einstellungsstopp gab. Stattdesssen wurde er persönlicher Referent des Handwerkspräsidenten. Also ich hab ihm den Quatsch nicht beigebracht.

Letztens hat die Saxophonistin Candy Dulfer vor dem hannöverschen Rathaus ein Konzert gegeben. Ich stand anfangs mit vielen anderen auf der Rathaustreppe und besah mir ihren Auftritt durch die Netzstruktur des Bühnenhintergrunds von hinten, denn vorne auf dem Trammplatz standen die Leute so dicht gedrängt, dass da garantiert kein Platz mehr war. Aus relativer Nähe besehen, fand ich, dass Candy Dulfer sich ein bisschen wie Tina Turner bewegte, so gruselig ruckelig, wie wenn alte Frauen zu swingen versuchen, aber nicht alle Körperteile sind noch geschmeidig genug. Candy Dulfer ist aber erst 46 Jahre jung und hatte schon im Jahr 2013 ein weit schlimmeres Alterungsproblem als fehlende Geschmeidigkeit, wie ich im Blog einer niederländischen Klatsch-Bloggerin las.

Beim Saxophonspielen hat Candy Dulfer ihr Gesicht zu oft in Falten gelegt. Und jetzt braucht sie vielleicht Botox, damit sie nicht ständig mit einem faltigen Saxophongesicht rumlaufen muss, dass die Leute denken: In diesem schiefen Maul würde ein Saxophon gut aussehen. Natürlich hat sie die Gefahr schon früh erkennen können, aber nicht vom Saxophon gelassen, weil ihr das Saxophonspielen wichtiger war als das Gesicht ihres Morgen-Ichs. Das wiederum verstehe ich nicht. Ich konnte ganz leicht von ihrem Saxophonspielen lassen. Obwohl sie hervorragend gespielt hat und perfekt von ihrer Band beleitet wurde, bin ich beim bekanntesten Titel „Lily was here“ nach Hause gefahren, weil mir das dem Instrument eigene Gurren und schrille Tirili auf die Ohren schlug. Aber es ist vermutlich ein Unterschied, ob man als Zuhörer von fremden Tönen gepeinigt wird oder die Ohrenpein selbst hervorbringt.

Candy Dulfer wurde übrigens anmoderiert von einem mir unbekannten Saxophonisten, der peinlicherweise von seinen missratenen Kindern glaubte erzählen zu müssen. Er fragte sich nämlich öffentlich, was er bei seinen Kindern falsch gemacht habe, anders als Candy Dulfers Vater, der Saxophonist Hans Dulfer. Obwohl ihm klar sein musste, dass keiner gekommen war, um zu hören, was ein kaum bekannter Musikant in der Erziehung seiner Kinder sich fragte falsch gemacht zu haben, zählte er trotzdem auf, was seine Kinder statt Saxophon alles für Instrumente spielen: „Meine Kinder spielen Klavier, Geige, Trompete, Gitarre und Schlagzeug…“ So viele falsche Instrumente, so viele verkommene Kinder schien er zu haben. Ach, und ich wollte das gar nicht wissen. Am nächsten Morgen wird er seine Saxophonfalten im Spiegel betrachtet und sich gefragt haben: „Musste das Arschloch, das ich gestern war, so saublöd mit meinen Kindern herumstrunxen? Wie peinlich!“

Dave Stewart & Candy Dulfer
Lily Was Here (2008)


Dave Stewart & Candy Dulfer – Lily Was Here – MyVideo

Dieser Beitrag wurde unter Abendbummel abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf Abendbummel online – Peinliche Momente am Morgen danach

  1. Ich spüle zum Beispiel abends das Geschirr – und sei es nur ein Teller und ein Besteck, damit mein Morgen-Morgen-Ich beim Aufsetzen des Kaffeewassers keine abgrundtiefe Verachtung für sein Gestern-Abend-Ich empfindet. Ansonsten scheint mir die Vernachlässigung des Morgen-Ichs in einem seltsamen Widerspruch zu stehen zu der Sorge um das In-zehn-Jahren-Ich, als würden zwischen heute und heute in zehn Jahren nicht 3650 Morgen-Ichs liebevoll zu bedenken sein. Dein Ex-Referendar tat also gut daran, sein Morgen-Ich mit einem gedeckten Frühstücktisch freudig zu überraschen. So weit würde ich selbst zwar nicht gehen, aber ich könnte mir überlegen, das abends abgewaschene Geschirr auf der Abtropffläche neben der Spüle stehen zu lassen. Ich müsste mein Morgen-Ich nur davon überzeugen, dass es sich dabei um keine Nachlässigkeit handelt, sondern um das griffbereite Frühstücksgedeck.

    Von Hintertreppengedanken hatte ich schon des Öfteren gehört. Hinterbühnengedanken darf man da durchaus als Zusatzprogramm begrüßen. Und überhaupt ist es erhellend, die Dinge mal von der anderen Seite zu betrachten.

  2. trithemius

    Siehste, sofort das jüngst benutzte Geschirr abzuwaschen, dazu kann ich mich kaum überreden, so dass innerhalb kürzester Zeit das Geschirr sich türmt. Als ich noch eine Fernbeziehung hatte zu einer Frau mit dem ähnlichen Problem, haben wir uns jeweils telefonisch verabredet, jetzt abzuwaschen, und wer zuerst fertig war, läutete beim anderen an und hatte gewonnen. Derzeit muss ich mich leider selbstständig motivieren.
    Tatsächlich bin ich meinem fernen Zukunfts-Ich stets gewogener gewesen. Beispielsweise habe ich gelernt, um Prüfungen zu bestehen, aber immer alles auf den letzten Drücker. Nie kann ich etwas frühzeitig machen, nie ohne Zwang solche Vorsorge treffen wie mein Ex-Referendar. Allerdings habe ich gelernt, seit ich allein lebe, schon viel vorsorglicher zu sein. Dass ich nicht beizeiten aufgehört habe zu rauchen, obwohl ich wusste, meinem Zukunfts-Ich zu schaden, dafür habe ich ja zweimal die Quittung bekommen.

    “Hinterbühnengedanken” – ein hübsches Wort!

    • Renate

      Ach, verehrter Herr Trithemius,

      ich fand Candy Dulfers Auftritt einfach nur großartig, zumal ich der Chris Barber-Fraktion ganz und gar nicht angehöre. Ob letzterer allerdings auch in einem Zusammenhang mit Botox genannt werden könnte (ja, der mir kaum verständliche niederländische Blog scheint aufzugreifen, was die Welt umtreibt), kann ich nicht im mindesten beurteilen. Denn mittlerweile brauche ich nicht nur eine Lesebrille, sondern sehe auch das Geschehen auf der Bühne mit 60 – nun ja, es ist nicht ganz das richtige Wort – abgemildert (: Ob Tina ruckelig rockt oder auch Mick, ist mir übrigens schnurzegal. Hauptsache, sie tun’s!

      Mit leicht zerknittertem Gruße

      Renate

      • trithemius

        Geachte vrouw Renate,

        was Candy Dulfers Auftritt betrifft, stimme ich Ihnen zu. Chris Barber habe ich mir nicht angetan, bin nicht mal auf die Idee gekommen, dass ich seine Musi etwa hören wollte. Dagegen habe ich mir das Blog der niederländischen Klatschbloggerin nochmals in Ruhe angeschaut. Wie es scheint, widmet sich die Frau ausschließlich den “rimpels” (nl. Falten), wie schon der Blogname “furrow” (engl. Rille, Furche) sagt. Hier ist wohl eine Frau der anderen Frauen Feind, und ich bedauere beinah, dass ich ihr Thema aufgegriffen habe. Indem ich in Hannover fast nur junge Leute kenne, von denen einer mich in der Silvesternacht schon als “Alterspräsident” begrüßt hat, habe ich im Gegenteil sehr genossen, mal nicht der Gesichtsälteste zu sein, sondern sah im Publikum sehr viele höchst attraktive Frauen im leicht vorgerückten Alter.
        Tina Turner oder Mick Jagger können meinetwegen rocken. Ich halte das aber nicht für eine altersgemäße Tätigkeit. Da gefällt mit die stoische Gelassenheit eines Keith Richards besser.

        Beste Grüße
        Trithemius

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>