25 rätselhafte Herren regieren die Welt


Zur Auflösung …

(Kalligraphie von Trithemius)

Die 25 Buchstaben des Alphabets als Weltenherrscher (I und J sowie gelten noch als ein Buchstabe) – das Rätsel von einem Kalender aus dem 19. Jahrhundert lässt ahnen, welche Ehrfurcht die Alten vor der Macht das Alphabets hatten. Vielen galt Lesen und Schreibern noch als Geheimwissenschaft. Für das Jahr 1770 schätzt der Literaturwissenschaftler Rudolf Schenda den Anteil potentieller Leser auf 15 Prozent, im Jahr 1800 auf 25 Prozent der Bevölkerung Deutschlands, wobei Lesen und Schreiben als Fähigkeiten getrennt gesehen werden müssen, das heißt, wer lesen konnte, musste nicht zwingend auch schreiben können. Bei der Verehrung des Alphabets kam besonders der überlieferten Reihenfolge Bedeutung zu. Aus heutiger Sicht gibt es keine Rechtfertigung für die Alphabetfolge. „Systematisch plausibel wäre beispielsweise die getrennte Aufführung von Vokalen und Konsonanten“, sagt der Linguist Florian Coulmas. Dieser rationalen Einstellung steht die mystische Verehrung gegenüber, wie sie noch beim Romantiker Hölderlin anklingt:

(Linolschnitt Trithemius)

Alle magischen
Vorstellungen, die sich mit der Alphabetreihe verknüpfen, finden sich bereits beim griechischen und noch früher beim hebräischen Alphabet; das heißt, uralte schriftmagische Eigenschaften der älteren Alphabete sind auf das relativ junge lateinische Alphabet übergegangen, auch wenn die zugrunde liegenden Ideen nicht oder nur unzureichend überliefert waren. So erklärt es sich, dass die meisten Aspekte der Alphabetmystik rasch in Vergessenheit geraten konnten und als leere Rituale weiter bestanden oder bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden.

Vom Altertum bis ins 18. Jahrhundert legte man Wert auf eine virtuose Beherrschung der Alphabetfolge, man musste sie vorwärts wie rückwärts aufsagen können. Das Heruntersagen des Alphabets diente verschiedenen Zwecken. Die heute übliche Nutzung als Ordnungsprinzip steht dabei eher im Hintergrund. Über die schwarzmagische Anwendung macht sich Jean Paul im Siebenkäs lustig:

„Ich sehe, dass das Fleck- und Scharlachfieber des Zorns, das man leicht aus dem Phantasieren des Patienten vermerkt, vielleicht ebenso gut, als ob man Amulette umhinge, nachlässet und weicht, wenn man den Teufel anruft; in dessen Ermangelung die Alten, denen der Satan ganz fehlte, bloßes Hersagen des Abc’s anrieten, worin freilich der Name des Teufels mitschwimmt, aber in zu viele Buchstaben verdünnet.“

Die fromme Kehrseite zeigt Moscherosch (1665):

„Wann ich Morgens auffstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinnen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebet drauß machen, wie er will, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser. Vnd wann ich mein abc gesagt hab, so bin ich gewischt vnd getrenckt, vnd denselben Tag so fest wie ein Maur.“ (Hanß Michael Moscherosch, Satyrische Gesichte Philanders vom Sittewalt, IV. Theil, anders Gesicht: Soldaten-Leben)


In gleicher Weise sind auch die vielen Alphabetreihen zu verstehen, die sich in antiken Inschriften finden. Noch bei den Römern suchte und fand man im Alphabet Weisheit und Schutz vor übereilten Handlungen. Richter, die zu strengen Urteilssprüchen neigen, sollen ihren Zorn durch das Alphabet abkühlen, um danach klarer zu sehen, wie gerecht zu urteilen sei. Der Stoiker Athenodoros aus Tarsos gab Kaiser Augustus den Rat, er solle im Zorn immer das Alphabet still für sich hersagen. Selbst die Kirche bediente sich der magischen Kraft des Alphabets. Seit Papst Hadrian (772-795) war ein aufwendiger Alphabetritus bei der Konsekration (Kirchweihe) vorgeschrieben. Dabei wird Asche in Form eines großen Andreaskreuzes auf den Boden der zu weihenden Kirche gestreut. Der Bischof schreitet das Kreuz ab und schreibt mit seinem Stab das griechische und das lateinische Alphabet in je einen Kreuzbalken. Der Ritus ist bis ins 20. Jahrhundert geläufig, so bei der Konsekration der Kathedrale von Westminster, wie eine Reportage der Londoner Times vom 29.6.1910 zeigt, die der polnisch-US-amerikanische Schriftforscher Ignace Gelb übermittelt:


„Auf dem Fußboden des geräumigen Kirchenschiffes waren vom Haupteingang bis zum Sanktuarium zwei breite weiße Wege aufgemalt, die die gegenüberliegenden Ecken des Raumes diagonal verbanden und sich in der Mitte des Kirchenschiffes in Gestalt eines riesigen X, eines Andreaskreuzes, schnitten. Wo die Streifen sich trafen, war ein Bischofsstuhl aufgestellt; hier kniete der Erzbischof im Gebet, noch in Chorrock und Mitra, während der Chor das antike Klagelied des „Sarum Antiphoner“ sang. Diener streuten währenddessen Asche in das Kirchenschiff. Sie legten kleine Aschenhäufchen in einer Entfernung von fast zwei Meter entlang den Linien des Andreaskreuzes. Neben jedem Aschenhäufchen lag ein Stückchen Karton, auf dem ein Buchstabe des Alphabets stand – der griechische auf der einen und der lateinische Buchstabe auf der anderen Linie. Der Erzbischof ging dann zum Haupteingang, begleitet von Diakon und Subdiakon; vor ihm wurde der Kruzifixus zwischen angezündeten Kerzen getragen. Von der Ecke ausgehend schritt Dr. Bourne den einen Strich des Andreaskreuzes entlang und berührte dabei mit dem Ende seines Hirtenstabes die Buchstaben des griechischen Alphabets auf den Aschenhäufchen; wieder zum Haupteingang zurückgehend, wiederholte diesen Vorgang auf der anderen Linie und berührte jetzt die Aschenhäufchen mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets. Diese merkwürdige Szene wird verschieden interpretiert, als Symbol der Vereinigung der Ost- und Westkirche oder als die Lehre von den Anfängen der Christenheit oder als ein Überbleibsel der Gewohnheiten römischer Auguren, den Grundriß für den Bau eines Tempels festzulegen, oder als Verfahren eines römischen Vermessers, Land für fiskalische Zwecke abzumessen.“

Die katholische Kirche schaffte den Alphabetritus erst beim 2. vatikanischen Konzil im Jahre 1965 ab. Ebenso eng mit der Alphabetmystik verknüpft ist das Essen von Schrift. Ein erster Beleg findet sich im Alten Testament, im Bericht des Ezechiel von seiner Berufung als Prophet. Gott Jehova erscheint ihm und spricht: „Mach deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe!“ Ich schaute auf und sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die eine Buchrolle hielt. (…) Die Stimme fuhr fort: „Du Mensch, iß diese Buchrolle auf! Fülle deinen Magen damit!“ Da aß ich die Rolle; sie war süß wie Honig.“ (Ezechiel, Kapitel 2 u. 3). Der Hl. Columba, der Apostel der Iren, lernte der Überlieferung nach Lesen und Schreiben, indem er einen Alphabetkuchen aß.

Spuren der Alphabetmystik findet man in Literatur und Kunst, zum Beispiel bei Kurt Schwitters im „Alphabet von hinten“ (1922) und in seiner „Ursonate“ (1923):
Zätt üpsiilon iks
We fau Uu
Tee äss ärr kuu
Pee Oo ann ämm
Ell kaa Ii haa
Gee äff Ee dee zee bee Aaaaa

oder bei Louis Aragon: Alphabet „A,B,C,D,E…“ in „Feu de joie“ (1920).

Abgesunkene Formen der Alphabetmystik sind noch in Sprachspielen und Kinderliedern gegenwärtig: Beliebt sind Sätze, die alle Buchstaben des Alphabets enthalten:
ZWEI BOXKÄMPFER JAGEN EVA QUER DURCH SYLT (36).
JAKOB SCHWEIGT VOR QUAL UND ZUPFT AM XYLOPHON (38).

Der Satz THE QUICK BROWN FOX JUMPS OVER THE LAZY DOG (35) wurde früher vom britischen Militär benutzt, um die korrekte Übertragung aller Buchstaben per Fernschreiber zu testen *). Kürzer ist: I PACK MY BOX WITH FIVE DOZEN LIQUOR JUGS (33). Dass es sich um eine überflüssige Alphabetspielerei handelt, beweist die nüchterne Praxis der deutschen Fernmelder. Sie sendeten als Funktionstest die Buchstaben R und Y, da sie die gesamte Lochstreifenmatrix abdecken; wenn also R und Y korrekt übertragen werden, gilt das auch für die anderen Buchstaben des Alphabets.

In der Vorschulserie „Sesamstraße“ (ARD, Original: Childrens workshop-television) wird nicht nur das ABC-Lied gesungen, es gibt auch einen Sketch, in der die Jim-Henson-Puppe Grobi gefragt wird, ob sie ein Geheimnis bewahren könne. Nachdem Grobi dies bejaht, wird ihm das Alphabet mitgeteilt.

Sehr verdächtig ist das ABC-Pflaster gegen rheumathische Beschwerden. Der Beipackzettel weist das ABC als Akronym aus. Es kennzeichne die Extrakte aus Arnica, Belladonna und Capsicum. Der Menge nach sortiert müsste es aber BAC-Pflaster heißen. Die Anspielung auf die ABC-Magie der Volksmedizin verrät sich auch darin, dass im Pflaster die Luftlöcher in ABC-Form angeordnet sind. Egal, egal, wenn’s nur hilft!

*) In der Kriminalerzählung „Anyone for Murder“ von Jack Ritchie, 1991, (deutsch: „Geschäft: Mord“, in: „Einzelhaft“, Geschichten aus dem Amerikanischen, Diogenes 1995) bietet sich ein Psychologieprofessor zu Testzwecken per Zeitungsinserat als Gattenmörder an. Er bekommt einen Antwortbrief, der den Rückschluss zulässt, dass er von seiner eigenen Ehefrau stammt. Heimlich testet er die Schreibmaschine seiner Frau, indem er schreibt: „Der flinke rote Fuchs springt über den faulen Hund.“

Im Original wird hier der Fernmeldersatz THE QUICK BROWN FOX… stehen. Der Psychologieprofessor schreibt also alle Buchstaben des Alphabets, um die Schreibmaschinentypen auf Besonderheiten untersuchen zu können. Da der Autor den Vorgang unerklärt lässt, muss er davon ausgehen, dass der Satz amerikanischen Durchschnittslesern bekannt ist. Der deutsche Übersetzer kannte ihn offenbar nicht. Die Funktion des Satzes wird bei seiner wörtlichen Übersetzung natürlich nicht deutlich, weil „DER FLINKE ROTE FUCHS…“ eben nicht alle Buchstaben des Alphabets enthält.

Teil 2: Die Vokalreihe

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