Die Faszination der Zwänge – Tunk nie ein Knie ein, Knut!

Das war der Stand der Dinge am Abend: Ein Text wollte nicht rund werden. Ich hörte Musik, trank eine halbe Flasche Wein und ging früh zu Bett. Manchmal hilft das gegen unrunde Texte. Nicht selten und unrunde Texte sind morgens nach ein paar Handgriffen rund wie Apfelringe. Am nächsten Morgen erwachte ich, als es gerade erst dämmerte und was war? Reimzwang! Ungezählte Reime gingen mir durch den Kopf, aber ich war noch nicht wach genug, sie mir zu merken, sondern musste immer wieder von vorne anfangen, kam dabei auf neue Ideen, und so ging alles hübsch durcheinander. Immerhin diese zwei Verse konnte ich nach dem Aufstehen rekonstruieren.

Sönnchen zeigt sich, Vöglein singt,
Dieser Tag beginnt beschwingt.

Leider bin ich noch mal eingeschlafen. Als ich erwachte, war das:

Vöglein schweigt und Regen prasselt,
Dieser Tag ist schon vermasselt.

Naja, wenns sowieso regnet, kann ich mich besser aufs Schreiben einlassen. Der Reimzwang war zum Glück weg. Es gab eine Zeit, ich war noch jung, da litt ich wochenlang an einer anderen Form zwanghaften Verhaltens. Ich suchte unablässig Palindromwörter, denn ich wollte in der Programmiersprache Atari-Basic ein Computerprogramm schreiben, das aus einer Liste von Palindromwörtern ohne Unterlass Satzpalindrome generiert. Die Palindromsuche wurde zur Manie. Ich musste alle Wörter, die mir im Alltag begegneten, rückwärts lesen. Ich konnte nicht mal in Ruhe in der Badewanne liegen. Jedes Fläschlein, jedes Tübchen in greifbarer Nähe, mussten gegriffen und ihre Aufschriften rückwärts gelesen werden.

In einem Text über Palindrome im Magazin der FAZ vom 9. Mai 1986 schreibt der Autor: „Im Mittelalter sollen Mönche bei der Palindromsuche den Verstand verloren haben.“ Obwohl ich für diese Behauptung nirgendwo einen Beleg gefunden habe, mochte ich das glauben, denn der Drehwurm schob sich vor alle meiner Gedanken. Wenn es nicht stimmt, ist es gut erfunden, dachte ich, zumindest aus heutiger Sicht. Die Kunstform des Palindroms ist nämlich ein Opfer unserer rigiden Orthographie, denn indem wir die Identität eines Wortes an der exakt der Dudennorm entsprechenden Schreibweise festmachen, sind die Schranken so eng, dass sinnreiche Palindrome kaum noch zu entwickeln sind. Oder ist „RETSINAKANISTER“ (gefunden von Palindromdichter Herbert Pfeiffer) etwa ein sinnvolles Wort? Was aber Tante FAZ überhaupt nicht bedacht hat: Mittelalterliche Mönche schrieben Latein und verwendeten zahlreiche Abkürzungen. Wenn sie also gaga geworden sind, dann wohl eher aus religiösem Wahn. Das und weil Latein sich viel besser für Palindrome eignet als Deutsch, beruhigte mich ein bisschen. Trotzdem: Aus Sorge um meinen Verstand schrieb ich ein kleines Programm in GW-Basic, mit dem sich Wörter umdrehen ließen:

Das Programm und mein hartnäckiger Rückwärtslesezwang brachte mir eine Sammlung von gut einhundert Palindromwörtern ein. Ich ordnete sie nach Wortart, Flexionsform und programmierte drei Satzbaupläne für einen Zufallmodus. Dann konnte mein Blechtrottel quasi unendlich viele Palindromsätze generieren. Allerdings waren nur wenige Palindromsätze auch rückwärts grammatisch korrekt. Den ellenlangen Output des Programms finde ich leider nicht, habe auch keinen Computer mehr, auf dem mein Programm laufen würde, aber zwei brauchbare Sätze sind mir noch in Erinnerung:
LEO LIEH HEILOEL.
LEG RENTNER NIE NEBEN EIN RENTNERGEL.

Im Internet sammelt ein Ulf Hinze auf Gnudung.de Palindrome. Die alphabetisch geordnete Liste ist inzwischen unüberschaubar lang. Ähnlich viel Material findet der Palindromsüchtige auf Trauerfreuart.de, Witziges bei Kamelopedia und ebenso total Verjuxtes bei Uncyclopedia. Indem das Palindrom seinen magischen Charakter verloren hat und uns heute fast nur noch als sprachspielerische Form entgegentritt, gleicht es sich der Akrobatik an, und es würde mich nicht wundern, wenn die beteiligten Sprachartisten nebenher noch ein bisschen jonglieren, Feuerschlucken oder Einrad fahren würden. Hier gilt zweifellos die Aussage des Theologen Gottfried Holtz, dass “die technisch-mechanischen Komponenten allen Aberglaubens sich irgendwann zum Spiel verselbstständigen.”

Vergleichen wir mit dem gleichsam feierlichen Palindrom des Steins von Kylver, womit der virtuose Ritzer der Inschrift dreimal ein Pferd gebannt hat, dann verblassen alberne Spielereien wie “Tunk nie ein Knie ein, Knut.” Warum sollte Knut ein Knie eintunken wollen und worein? Und dürfen alle, die nicht Knut heißen, ihr Knie tunken, Knut aber nicht? Ein Fall für den Gleichstellungsbeauftragten. Gerechter wäre immerhin: “Tunk nie ein Knie, Knut”, denn das besagt zumindest von hinten eine Knut-tunk-Knie-Erlaubnis. Ein bisschen unheimlich und in Resten gewiss sprachmagisch gemeint ist dagegen das Palindrom NATO – OTAN. Natürlich weiß ich auch, dass OTAN die französische, italienische, portugiesische, rumänische und spanische Abkürzung für die NATO ist, aber man müsste es nicht mit NATO (englisch North Atlantic Treaty Organization) zum Palindrom spiegeln. Die AWACS-Flotte ist ja ein in der Luft kreisendes Radarsystem. Da schadet es nicht, die Maschinen mit einem kreisförmigen Palindrom abzusichern. Überhaupt hat das Militär einen Hang zur Sprachmagie. Darüber später mal mehr. Hier erst mal zur Abrundung der …

Musiktipp
Action Bronson
Baby Blue

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18 Antworten auf Die Faszination der Zwänge – Tunk nie ein Knie ein, Knut!

  1. Ich finde Retsinakanister ist durchaus ein sinnvolles Wort. Ich habe mal bei einem Griechen in der Küche gearbeitet und es gab dort immer eine Menge zu trinken. Vom Retsina habe ich aber nach dem ersten Abend bereits die Finger gelassen, weil er so schlecht schmeckte. Und nun zum Kanister: Der Kanister wiederum ist kein übliches Gefäß für Wein, man tut lieber Benzin hinein. Und denke ich nun zum Retsina hin, dann schmeckte der wirlich wie Waschbenzin.
    Tut mir leid, das mit dem Reim, dein Reimzwang ist ähnlich produktiv wie ein gepfiffener Ohrwurm, er überträgt sich beim Hören.

    • trithemius

      Ähnlich wie der Endreim stiftet natürlich auch ein Palindrom manchmal erst den Sinn, hier deine Assoziation Retsina – Waschbenzin, die ich nicht nachvollziehen kann, weil ich noch nie am Waschbenzin genippt habe und sowieso meistens Bier trinke. Trinke ich mal Wein, erwache ich morgens mit einem Reimzwang.

      Bei Zwängen habe ich erlebt, dass man sie los wird, indem man sie anderen mitteilt.

      • Sagt der eine zum andern:
        „Ich habe Reimzwang heute
        Das ist schlecht, denn es vergrault die Leute.“
        Sagt der Andere zum einen:
        „Damit Zwänge wandern,
        darf man sie nicht beweinen,
        die wird man nur wieder los,
        wenn man sie einem erzählt
        das Problem dabei ist bloß,
        dann wird der andere damit gequält.“
        Sagt der eine zum andern:
        „Ich bin jetzt geheilt,
        ich danke dir.“
        „Nicht dafür!“

  2. In guter Form bin ich immer dann, wenn ich mich eigentlich um wichtiges zu kümmern habe, wie zum Beispiel einen Titel für meine Masterarbeit.

  3. Wie gewinnt man Rentergel? Durch pressen? Kein Wunder, daß man als Rentner eher die Flucht ergreifen sollte als sich daneben legen zu lassen.

    Im Ernst: Wie immer sehr interessant, Deine Artikel über Sprache, Handschrift usw. Wahrscheinlich hat die Aachener Volkszeitung auch in diesem Zusammenhan ein Bild von Dir veröffentlicht? Oder weshalb?

    • trithemius

      Du hast Recht, “Rentnergel” klingt beinah wie Leichenfett. Aber es ist der herzlose Blechtrottel gewesen, der dieses völlig verrohte Kompositum gebildet hat. Das passiert, wenn man Computer gewähren lässt.

      Es freut mich sehr, wenn meine Texte in der Rubrik “Sprache, Schrift, Medien” Anklang finden. Es ist halt ein Themenkomplex, der mich seit meiner Jugend begeistert, und ich bin froh, etwas davon mitteilen zu können.

      Zu deiner Frage: Damals habe ich mit einer 10. Klasse im Fach Deutsch am Projekt “Zeitung in der Schule” teilgenommen. Zum Auftakt wurde ich von der beteiligten Aachener Volkszeitung (heute: Aachener Zeitung) zu meinen Erwartungen ans Projekt interviewt.

  4. Die allermeisten Palindrom-Konstruktionen auf der Gnudung-Seite sind halt willkürlich gekünstelte Phantasieprodukte und finden im realen Sprachgebrauch nirgendwo praktische Verwendung, bis auf wenige Ausnahmen. Eine Liste echter Palindrome, die in der Alltagssprache tatsächlich existieren und ausgesprochen werden, wäre wesentlich kürzer: eines etwa steht ganz am Anfang, als bairische Antwort auf die Frage, was für ein Auto das sei? – »A Toyota.« (ein Toyota)
    Kollegin Etosha berichtete einmal in einem Kommentar über ein ebenfalls bairisches Palindrom, das sie in reellem umgangssprachlichen Dialog vernommen hatte: als Feststellung, dass ein anderer das gleiche vorhabe wie man selber – »Aesea.« (Ah, eh Sie auch.)

    • trithemius

      Ja, das Übermaß an gekünstelten Palindromen auf Gnudung.de usw. ermüdet. Ich liebte mal eine Gudrun. Da fand ich das Palindrom “NUR DU, GUDRUN!” angemessen.
      Von einem DDR-Autor las ich die Aufforderung “SPART RAPS!” Das erschien mir für die arme DDR ganz passend. Dankeschön für die mundartlichen Beispiele. Ein Exkollege kam aus Erkelenz, einem Ort nah der Benrather Linie, wo man ein skurriles Idiom spricht. Von ihm hörte ich mal ein Palindrom auf Satzebene:
      “Isch sach, Detelev, sach isch…”

      Wörter des Alltagsgebrauchs wie RENTNER und NEFFEN enthüllen sich nicht auf Anhieb als Palindrome, weil sie nur geschrieben funktionieren, in der gesprochenen Sprache unterscheiden sich ja jeweils die beiden Vokale “e”.

      • So geht es ja mit den meisten Palindromen, dass sie zwar als Buchstabenfolge gespiegelt sind, aber sich eben nur in geschriebener Form als solche präsentieren – wie etwa »Spart Raps!«, oder »Leo lieh Heiloel.« Darum sind Palindrome auf Satzebene, wie Sie oben eins anführen, meist wesentlich origineller. Insbesondere, wenn sich die einzelnen Silben auch phonetisch spiegeln, also in gesprochener Form als Palindrom funktionieren, wie etwa in der (wiederum bairisch umgangssprachlichen) Textzeile der Musiker Haindling: »Du Depp, du!«, und »Du deppata Depp, du!«
        (Bestimmt gibts noch mehr solche Beispiele zu entdecken.) (Jetzt hat mich selber auch noch der Palindromsuchzwang befallen, na toll. Und Sie sind schuld dran.)

        • trithemius

          Dazu passt, was Johannes Friedrich in seiner “Geschichte der Schrift” ausführt: Das Schriftempfinden des Japaners sei silbisch. Fordere man ihn auf, das Wort “shima” (Insel) von rückwärts zu sprechen, so sage er nicht “amish”, sondern “mashi”. Ähnlich auf der Silbenebene funktioniert die französische Spielsprache Verlan, nach der Maestro zu Stromae wird.

          Bei allem dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass das Palindrom als magisches Werkzeug eine Erscheinung der Schrift ist und zwar aus einer Zeit stammt, in der die Beherrschung der Schrift nur einem kleinen Kreis Schriftkundiger vorbehalten war. An der rücksichtslosen Weise, in der das Palindrom mit den Wortgrenzen verfährt, zeigt sich, dass die Form entstanden sein muss, lange bevor Wortgrenzen als bedeutungstragende Nullstellen aufkamen (bei der Alphabetschrift etwa 700 n.Chr.)
          Aus der Frühzeit des Schreibens stammt auch seine Faszination. Dieser Faszination war auch Ihr Salzburger Landsmann Mozart erlegen, als er einen Brief vom October 1777 “rebotco 7771″ datierte.

          Übrigens tut mir gar nicht leid, Sie infiziert zu haben, weil nur so die Gelegenheit für einen anregenden Gedankenaustausch besteht.

          (erdacht zu einer Uhrzeit, die digital angezeigt, eine absolut achsenspiegelige Form hat, nämlich

  5. iGing

    Steht da SPART RAPS und ich lese SPART STRAPS … ein Palindrom aus dem Palindrom geboren.

    • trithemius

      Gibt es eigentlich Freudsche Verleser, Frau iGing? Falls ja, dann ließe Ihr hübsches Palindrom tief ;) blicken.

  6. Sven tychon

    Unter a- palindrom.npage. de gibt es sogar ganze Sätze, die sich rückwärts genauso anhören wie vorwärts. (= Palindrome?)

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