Klarsicht auf die Handschrift braucht keine Krokodilstränen

Niemand wird für sich persönlich den Wert einer flüssigen und schönen Handschrift bestreiten. Und vermutlich weiß jeder, der schreiben kann, anzugeben, welche Bedeutung die Handschrift noch für ihn hat. Gerne wird das Besondere des handschriftlichen Briefes betont. Mancher hat kalligraphische Meisterleistungen vor Augen, den schönen Brief, die Notiz in einem Moleskinbüchlein oder den kunstvollen Eintrag im Poesiealbum. Doch das Hochwertige, das wir gefühlsmäßig mit der Handschrift verbinden, zeigt sich wesentlich beim Blick zurück in die Vergangenheit, in die Zeit vor Computer und Internet. Und vor allem, es ist privat.

Privat wurde die Handschrift allerdings schon vor über hundert Jahren, als die Schreibmaschine ihre bisherigen Aufgaben übernahm. Bis dahin war sie Speicher- und Kommunikationsmedium der Verwaltungen gewesen und stand in Konkurrenz zum Buchdruck. Diese Konkurrenz hatte auch die uns bekannte Form der Handschrift geprägt. Sie enthält seit dem Barock die Übertreibungen kalligraphischer Elemente wie Schleifen und Girlanden, mit denen sie sich deutlich von den Buchdrucklettern unterscheiden sollte. Vorher hatten die Buchdrucker mit ihren Lettern die Handschrift nachgeahmt, möglichst genau und schön, denn ihre Drucke sollten wie Handschriften aussehen, damit sie akzeptiert wurden.

Der Buchdruck hat
der Handschrift noch mehr aufgeladen. Von handschriftlichen Büchern konnte niemand erwarten, dass sie fehlerfrei wären. Im Gegenteil: Mittelalterliche Texte sind voller Fehler, weil Fehler nur schwer zu korrigieren waren. Man war daran gewöhnt, dass ein abgeschriebenes Buch sich von der Vorlage unterschied. Die Idee des Fehlers im heutigen Sinne, wo sogar ein Schreibfehler im Bewerbungsschreiben zum Scheitern einer Bewerbung führen kann, eine solche Unerbittlichkeit gegenüber dem Schreibfehler kannte man im Mittelalter nicht. Es hat sogar analphabetische Kopisten gegeben, die den gesamten Text der Bücher abmalten, ohne Sinn und Verstand, wodurch sich viele Schreibfehler erklären. Und wenn eine Buchseite gar komplett in Holz geschnitten worden war wie bei den mittelalterlichen Blockbüchern, blieb eine Korrektur naturgemäß aus. Erst der Buchdrucker entwickelte den handwerklichen Ehrgeiz nach Korrektheit der Schriften. Denn er machte es möglich, einen Fehler in der fertigen Buchseite spurlos zu korrigieren, indem er die fraglichen Buchstaben austauschte.

Im Zuge dieser technischen Entwicklung wurde der Handschrift der Anspruch auf orthographische Richtigkeit aufgeladen. Schreibfehler wurden zum Makel, an dem sich später Schulnoten oder persönliche Abwertung orientierten. Darunter leidet auch die Realität der Handschrift in der Gegenwart. Ihre Zukunft ist düster. Diese Kulturtechnik wird sich noch weiter in den privaten Lebensbereich zurückziehen. Schon jetzt geraten handschriftliche Äußerungen kaum noch in die Öffentlichkeit. Ein Kollege kündigte mir einmal an, er werde mir aus dem Urlaub schreiben und fügte hinzu: „Aber nicht mit der Hand. Du bist Graphologe!“

Nichts ist weniger wahr. Weil ich mich intensiv mit Handschrift beschäftigt habe, lehne ich die Graphologie ab, denn sie ist ein missbräuchliches Werkzeug der Schnüffelei. Ich bestreite nicht ihre Nützlichkeit in der forensischen Kriminaltechnik, aber im privaten und beruflichen Alltag hat sie nichts verloren. Populäre Zeitungsartikel oder Buchtitel wie „Handschrift, der Spiegel unserer Seele“ oder „Was Ihre Handschrift über Sie verrät“ faszinieren und erschrecken zugleich. Man fürchtet, von der Graphologie bei einem peinlichen Defizit ertappt zu werden, von dem man selbst noch gar nichts wusste, als würde man arglos in einer hintenrum beschmutzten Unterhose über die Straße laufen, bis jemand einen Spot darauf richtet und einen Spiegel hintenrum hält. Weil jeder Mensch gewisse Abgründe in sich kennt oder ahnt, ist es fatal befürchten zu müssen, dass die eigene Handschrift einen Schlüssel für diesen Keller bereitstellt.

Trotz dieser Gefahr lieben wir an der Handschrift das Persönliche. Im handschriftlichen Brief ist der Schreibende fast körperlich noch anwesend. Wer sich hinsetzt und mit der Hand schreibt, hat mit der aktuellen Form seiner Schrift sogleich auch die eigene Gefühlslage vor Augen. Ähnlich ahnen wir die Gefühlslage dessen, der uns mit der Hand geschrieben hat. Diese Ahnung reicht. Wir lassen einen persönlichen Brief nicht graphologisch untersuchen, wie wir einem geliebten Menschen in der Regel keinen Privatdetektiv hinterher schicken. Im pfleglichen Miteinander gehört es sich auch nicht, die Taschen des anderen zu untersuchen oder ihn zu stalken.

Ausgelöst durch neue didaktische Überlegungen ist die Handschrift in die öffentliche Aufmerksamkeit geraten. Lehrer beklagen, dass Handschriften immer schlechter würden, die aufgescheuchte Presse startet hilflose Versuche, die Bedeutung der Handschrift aufzuwerten, indem sie Zeitungen oder Magazine (Magazin des Kölner Stadtanzeigers vom 18./19.April 2015) in Handschrift erscheinen lässt. Dieses Gewürge zeigt vor allem eines: Die Handschrift lässt sich zwar fototechnisch an moderne Verbreitungsmedien anpassen, aber ist für heutige Lesegewohnheiten zu sperrig. Zudem zeigt die handschriftliche Ausgabe der BILD, dass Bildredakteure passend zum Charakter hässliche Handschriften haben. Um das zu erkennen brauchen wir keine Graphologen, denn wir wissen, welch moralisch verkommenes Pack in der Bildredaktion sitzt. (Titelseite vom 27. Juni 2012, größer: Bitte klicken) Wenn Bild handschriftlich schreit: “Alarm! Handschrift stirbt aus!”, möchte man angesichts der kakographischen Katastrophe fast sagen: “Zum Glück!”

Als Deutschlehrer habe ich einen Heftstapel korrigiert, der höher als mein Haus war, wie ich damals in meinem Arbeitszimmer unterm Dach ausgerechnet habe. Bei den Korrekturen sind mir natürlich tausende Handschriften begegnet. Obwohl ich mich immer um Objektivität bemüht habe, kann ich nicht verhehlen, dass schon der erste Anblick eines Textes mein Urteil zu beeinflussen drohte. Satirisch habe ich diesen Umstand hier versucht zu fassen (Erstveröffentlichung im Jahrbuch meiner Schule). Es gibt schöne und weniger schöne Menschen. Schöne Menschen haben es im Leben leichter. Ebenso gibt es schöne und hässliche Handschriften. Natürlich liest man eine schöne Handschrift lieber und folgt ihren Spuren inhaltlich bereitwilliger. Aber der äußere Eindruck kann täuschen. Und so zwang ich mich, auch hässliche Handschriften aufmerksam zu lesen.

Der heutige, zweilen desolate Zustand unserer Handschriften hängt eng mit den erlernten Ausgangsschriften zusammen. Wenn diese Erstschriften mit ihren verzerrten Formen also geeignet sind, regelrechte Sauklauen hervorzubringen, sollten wir die Erstschriften ersetzen durch ein klares Alphabet. Trotzdem wird sich die kalligraphische Frage nicht erledigen, denn wenn unsere Gesellschaft schöne Handschriften will, muss sie dafür sorgen, dass im Unterricht viel Zeit darauf verwandt wird. Wie mir jüngst Marion Wolff von der Deutschen Welle schrieb: „Ansonsten ist es mit dem Schönschreiben wohl genauso wie mit dem Klavierspielen – Fingerfertigkeit erreicht man vor allem durch üben, üben, üben.“

Musiktipp (ausnahmsweise wegen des thematisch passenden Videos)
Tegan and Sara
“Now I’m All Messed Up”

NOW I'M ALL MESSED UP – Tegan & Sara from Travis Hopkins on Vimeo.

Weil sich die Unterichtsinhalte unserer Schulen aber immer an den Erfordernissen der Wirtschaft orientieren, werden wir den Niedergang der Handschrift nicht verhindern können. Das öffentliche Gejammer ist scheinheilig. Ästhetische Werte sind wohlfeil. Wir erleben ja gerade eine kulturelle Revolution, ausgelöst durch die digitalen Medien. Handwerkliche Fähigkeiten werden in der Massenproduktion von Kulturgütern nicht mehr gebraucht. So ist es logisch, dass die Handschrift ihre Bedeutung verliert und letztlich nur in elitären Nischen weiter bestehen wird.

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9 Antworten auf Klarsicht auf die Handschrift braucht keine Krokodilstränen

  1. Fahrenheit 451 war gestern. Niemand sieht mehr einen Sinn darin, Bücher zu verbrennen. Alles ist bereits digitalisiert, in Clouds aufgestiegen und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Was kommen könnte, wäre das handschriftliche Schreibverbot, auch das Verbot von Schreibmaschinen und von nicht ans Internet angeschlossenen Computern. Was geschrieben wird, hat in digitaler Form geschrieben zu werden und darf dem Zugriff der Schreibbehörde nicht entzogen werden. Ich sehe uns schon unsere heimlich von Hand beschriebenen Zettel in toten Briefkästen deponieren. Und wenn die Hausdurchsuchung droht, fangen wir hastig an, alles zu scannen – uns schriftehrlich zu machen.

    • trithemius

      Glückwunsch! Du entwirfst hier den Plot für eine neue Dystopie.

      Allerdings bezweifele ich zweierlei, dass schon alles digitalisiert ist, und dass das Digitalisierte in Clouds sicher aufbewahrt wird und nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.

      • “1984″ lässt grüßen … als 1984 1984 war, herrschte Panik vor den Zuständen von heute. Heute erscheint uns “1984″ als seltsam irreal real. Und dort ging es auch um einen Zettel, der unkontrolliert beschrieben worden war … (sollte mich meine Erinnerung nicht trügen)

        • trithemius

          Meinst du den Zettel, den Julia dem Protagonisten Winston zusteckt, auf dem steht: “Ich liebe dich”?

          Durch den Roman 1984 waren die Leute sensibilisiert, was Datenschnüffelei betrifft, ich erinnere nur an die massiven Proteste gegen die geplante Volkszählung 1981, aber nachdem 1984 vergangen war, ließ die Vorsicht seltsam genug rapide nach.

          • Ja, es muss jener Zettel gewesen sein. Ich erinnere mich zumindest, dass es um eine unkontrollierte Information ging und womit Winston sein Verhängnis begann.
            Ich wüßte gerne, wie diese Bewegung 81 startete. Warum war die Volkszählung der Auslöser? Gab es zuvor bereits Anfänge? Die Notstandsgesetzgebung, ja, die Einschränkung der Bürgerrechte aufgrund der RAF-Terroraktionen. Aber war da noch was anderes? Ich erinnere mich kaum noch so richtig dran, außer dass der Zensus die Nation spaltete und “1984″ die Dystopie-Begleitmusik dazu war. Und sie war ja nicht nur national, sondern auch international (s.a. der Film “Brazil” von Terry Gilliam oder das Lied von Tina Turner auf “Private Dancer” oder das von David Bowie).
            Ja. 84 kam und ging und alle atmeten durch. Und interessierten sich dafür nicht mehr so dafür. Die Grünen waren deren spezielle Vertreter. Yep. Aber inzwischen wollen die ja Wissen, warum die G36 von Heckler&Koch nicht funktioniert statt Freudenfeste deswegen zu organisieren … damals …

            • trithemius

              Ich erinnere mich kaum noch. Das ist über 30 Jahre her. Aber hier fand ich etwas dazu.

              Tatsächlich scheint mit dem Wandel der Grünen zu einer grün angestrichenen FDP auch die Protestbewegung gegen Schnüffeleien enthauptet. Von den Piraten ist in der HInsicht nichts mehr zu erwarten. DEr Mediendienst DWDL meldet heute: “Ex-Pirat Christopher Lauer heuert bei Springer an. Christopher Lauer, eine Zeit lang einer der bekanntesten Köpfe der Piratenpartei und Angehöriger des Berliner Abgeordnetenhauses, hat den Posten des Leiters Strategische Innovationen bei Axel Springer übernommen.”

              Wenn ich jetzt sehe, wie Leute sich beim Sport mittels Datenarmband vermessen lassen und nichts dagegen haben, dass ihre Körperdaten im Netz zugänglich sind, gruselts mich. Man muss das nur weiter denken und langt schnell bei Brazil an.

  2. ALLES wird wohl noch nicht digitalisiert sein – aber mehr als Google uns lesen lässt. (Ich frage mich oft, nach welchen Kriterien von den bei Google einsehbaren Werken nur Abschnitte einzelner Seiten oder ganze Kapitel aus Büchern als “Leseprobe” angeboten werden.) Ich erinnere mich dunkel an die beeindruckenden Zahlen, die damals vermeldet wurden, als fleißige Helfer sich für Google daran machten, die Bibliotheken der Welt online zugänglich zu machen. Und in der einzelnen Cloud – auch darin stimme ich dir zu – werden Daten nicht unbedingt sicher sein. Das führt dazu, dass ich einerseits nicht glaube, auf meine Dateien jederzeit sicher zugreifen zu können, wenn ich sie in einer Cloud gespeichert habe, doch ebenso wenig glaube ich, dass sie wirklich gelöscht sind, wenn ich sie dort lösche. Jedenfalls stehe ich nicht allein mit der Meinung, das alles, was seinen Weg ins Internet gefunden hat, für immer in diesem Netzt hängt – ob nun geklaut oder gesichert.

    • trithemius

      Generell besteht das Problem der dauerhaften Datensicherung. An gut 5000 Jahre wie bei der babylonischen Keilschrift ist bislang nicht annähernd zu denken.

      Was die Digitalisierung betrifft: Da ist ja der immense Bereich der privaten Aufzeichnungen (Guckst du beispielsweise hier meine Kartei zum Thema Schrift), die du in deinem Dystopie-Plot ansprichst, und natürlich die sogenannte Graue Literatur. Sie wird derzeit nur (vermutlich lückenhaft) von der Deutschen Nationalbibliothek gesammelt und nur unzureichend digitalisiert. Was das Archivieren betrifft, empfehle ich dir das Blog des Aachener Universitäts-Bibliothekars Klaus Graf, der zwar im Ton unhöflich, aber ungemein kompetent ist und eine riesige Bandbreite abdeckt.
      http://archiv.twoday.net/

  3. Eine wirklich sehr beeindruckende Kartei.
    Gerne wäre ich an Ort und Stelle mein Problem losgeworden, dass mein Vater mir jeden Sonntag unsere neun Planeten erklärt, die Reihenfolge dann aber am Satzbau scheitert und ich nun nicht sicher bin, ob mir die acht uzenden Omas lieber sind als der einfallslose Vater.

    Bei Klaus Graf bin ich hin und wieder “zufällig” gelandet, und habe ihn mir jetzt endlich abgespeichert, um da regelmäßiger reinzuschauen. Danke.

    Wenn ich manchmal mit Verzögerung auf Kommentare antworte, dann auch deswegen, weil ich einen Teil meiner Zeit darauf verwende, kein Archiv zu hinterlassen.

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