Trendkompass April – Schnürlidenker, Schuhe und Putins Trolle

„Dem Hinterweltler schrumpft die Welt ein. Er findet in allem und jedem Ding nur noch die Bestätigung seiner eigenen Meinung.“ (Carl Christian Bry, Verkappte Religionen – Kritik des kollektiven Wahns, 1924)

„Traue keinem über 30“ war ein beliebter Slogan in der 68er-Bewegung, den eine ganze Generation verinnerlicht hatte. Im US-Film The big fix (Der große Trick) von 1978 wird ein ehemaliger studentischer Aktivist namens Howard Eppis als Erfinder des Slogans angegeben, der nun als Werbetexter arbeitet. Vorher hatte ich nie darüber nachgedacht, dass der Spruch von irgendwem erfunden sein musste, sondern hielt ihn für einen Ausdruck des kollektiven Bewusstseins. Aber das kollektive Bewusstsein ist ein gedankliches Konstrukt, eine Idee, und erfindet keine Worte. Irgendwer muss eine allgemein vorherrschende Gefühlslage auf eine griffige Formel bringen. Wenn sie einmal da ist, scheint sie simpel zu sein, aber sie zu formulieren, ist schwerer als es scheint. Da ist die Idee nicht abwegig, dass der Erfinder einer derart eingängigen Formel später als Werbetexter arbeitet.

Wer wie Howard Eppis politische Begriffe prägt, um die öffentliche Wahrnehmung zu lenken, heißt im Fachjargon Spin-Doctor. Ein Spin-Doctor erfindet im Auftrag von Interessengruppen, Parteien oder Lobby-Verbänden. Szenarien, Slogans oder einfache Zusammensetzungen (Komposita), die ein Scheinargument enthalten, sich beliebig in jeden Satz einflechten lassen und sogleich die Macht über jede Aussage übernehmen. Wir wollen solche Scheinargumente nach Howard Eppis „Eppis-Argumente“ nennen. Ein solches Eppis-Argument ist „Verschwörungstheoretiker“. Wer einmal mit dem Attribut belegt ist, verliert sofort seine Glaubwürdigkeit. Weitere Eppis-Argumente sind „Wutbürger“, „Lügenpresse“ und „Putinversteher“.

Aktuell ist das seit 1918 belegte Wort „Lügenpresse“ als Kampfbegriff der hinterweltlerischen Pegida-Bewegung bekannt geworden, wobei „Presse“ auch öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen meint. Man hat zu DDR-Zeiten ja nur absolut glaubwürdige Medien gekannt, die stets eine Wahrheit (Prawda) verbreitet haben, und wünscht sich die heile Welt zurück. Mit der öffentlichen Kritik an der Ukraine-Berichterstattung unserer Leitmedien drohte sich das Eppis-Argument „Lügenpresse“ zu verselbstständigen. Dem haben zur Erleichterung der Betroffenen die geistigen Kleingärtner der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ einen Riegel vorgeschoben und „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres 2014 erklärt.

Ist die seriöse Kritik an den Leitmedien bereits ausgeräumt, indem „Lügenpresse zum Pfui-Wort erklärt wurde? Journalisten sind aus der Zeit des Buchdrucks und des Dampfradios daran gewöhnt, als Meinungsmacher und Meinungsführer die Welt zu erklären und mithin die Deutungshoheit zu besitzen. Diesen Anspruch haben sie ins Internetzeitalter mitgebracht. Hier sind sie plötzlich in Userforen mit den Kommentaren kritischer Leser und Rezipienten konfrontiert und unfähig, damit umzugehen, weil das ihr gesamtes Weltbild in Frage stellt. Anlässlich der massiven Kritik an der einseitigen und manipulativen Ukraine-Berichterstattung reagierten die Platzhirsche in den Redaktionen beleidigt. Flugs tauchte das Eppis-Argument „Putinversteher“ auf, unterstützt von der Behauptung, die vielen kritischen Kommentare in den Meinungsforen wären von Russland gesteuert. Das derart beschimpfte Publikum rieb sich verdutzt die Augen, weil so mancher von seiner Fremdsteuerung nichts gewusst hat. Jetzt hat aber die ARD in einer investigativen Meisterleistung die ganze Wahrheit enthüllt. Die kritischen User-Kommentare werden nicht von heimischen Putinverstehern geschrieben, sondern, April! April! vom gemeinen Putin-Troll!

Erinnerungen an die Steinlaus: Der Putin-Troll – Bildmaterial: Tagesschau.de, Screenshots, Textmontage und Gif-Animation: Trithemius

Nachweislicher Schnürlidenker
Oberstudiendirektor Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Philologenverbandes ruft zur Rettung der Handschrift auf. „Das ist eine Kulturtechnik, die wir nicht aufgeben dürfen“, sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung(NOZ). Dabei wendet er sich gegen die unverbundene Grundschrift für Erstklässler und setzt sich für den Erhalt der verbundenen Erstschrift ein. ” Sie fördere “nachgewiesenermaßen den Gedankenfluss“, lässt er sich zitieren. Hier versäumte die Journalistin der Neuen Osnabrücker Zeitung nachzuhaken, wer diesen Nachweis denn wie erbracht habe. Dann wäre der Herr Oberstudiendirekter nämlich mit seinem Latein schon am Ende gewesen. Den Nachweis gibt es nicht. Es ist ein von Meidinger flott und ohne abzusetzen aus dem Hirn gespulter Gedankenwurm – natürlich in Schnürlischrift.


Können die weg oder ist das schon Kunst? – Ausgesetzte Straßenschuhe – Fotos: Trithemius

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