Büchsenbier & Dosenpfand – Synonyme und Sprachvarietäten

Dass Deutsch nicht gleich Deutsch ist, mussten die DDR-Bürger nach der Wende zuerst lernen. Das Germanistische Institut der Universität Halle unterhielt noch in den 1990er Jahren einen Deutsch-Deutschen Übersetzerdienst für die in Westdeutschland gebräuchlichen Synonyme (sinnverwandten Wörter) für gängige ostdeutsche Wörter. Da konnte der irritierte Ostdeutsche anrufen und erfuhr, dass die Kaufhalle jetzt Supermarkt heißt und Bier nicht aus der Büchse getrunken wird, sondern aus der Dose. Der Übersetzerdienst übersetzte den Ostdeutschen laut Bericht in der SZ vom April 1994 die Kleidung mit Outfit und Arbeitstelle mit Job.

Einige der Synonyme decken sich nur zum Teil, schon allein weil deutsche Wörter durch englisch klingende Fremdwörter ersetzt wurden, also völlig andere Konnotationen (Gefühlswerte) haben. Die „Kaufhalle“ war im Westen eine von der Kaufhof AG gegründete Billigpreiswarenhauskette, bedeutete also etwas ganz anderes als die Kaufhalle im Osten. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass Bier aus einer Dose nicht besser schmeckt als aus der Büchse.

Auch zwischen anderen deutschsprachigen Regionen gibt es derlei Unterschiede. Die nord- und mitteldeutschen Brötchen (eigentlich kleines Brot) heißen in Süddeutschland und Österreich anders, allein schon, weil die Verkleinerungssilbe „chen“ im Süden kaum verwendet wird, sondern dort eher die Diminutivsilben „lein“, „le“, „li“, „el“ vorkommen (vergl. Mädchen zu Mädle, Mädli, Madel). So heißen Brötchen im südlichen Sprachraum Semmeln, Wecken, Weckerl, Weckle, Weggle, Weggla, Weggli. Eine starke regionale sprachliche Varietät gibt es auch bei der Berufsbezeichnung Fleischer.

Auf eine besondere Sprachvarietät machte mich Kollege Nömix unlängst in einem Kommentar aufmerksam. Ich hatte in einem Text das Wort “Schiffschaukelbremser” verwandt, Nömix schrieb mir, dass der in Österreich “Hutschenschleuderer” heißt. Hier enthalten die Synonyme unterschiedliche Sichtweisen auf die gleiche Tätigkeit. Während das österreichische Wort das heftige Anschieben (schleudern) der Schaukel (Hutsche) betont, richtet der Teutonismus „Schiffschaukelbremser“ den Blick auf das Anhalten. Hier lustvolle Betonung des Schaukelns, dort Betonung der Sicherheit durch Bremsen. Da spiegeln die Synonyme einen unterschiedlichen Blick auf die Welt, mithin Mentalitätsunterschiede. Der Deutsche braucht, um sich dem Schaukeln hingeben zu können, das Bewusstsein, dass da ein Bremser am Hebel bereitsteht, der jedwelchen Überschwang zu verhindern weiß, während der Österreicher kein Schleudertrauma fürchtet. Man hat da ja auch kein Dosenpfand.

Tagebucheintrag Trithemius, April 1994
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