Über Zentrifugalbrummball und Kirmesadel

Welcher Teufel hat mich da geritten? Ich ließ mich verlocken, das hannöversche Frühlingsfest zu besuchen. „Frühlingsfest“ klingt nach erblühender und sprießender Natur, nach aufspringenden Knospen, nach einer mild wärmenden Sonne, nach dem betörenden Geruch von Regen, wenn er die bereitwillige Erde begießt. Schon wieder April, April! Es ist Etikettenschwindel. Das hannöversche „Frühlingsfest“ hat nichts davon, sondern nur den Trug von Kirmesbuden und wunderlichen Fahrgeschäften, aus deren Lautsprecherboxen schlechte Musik wummert, die sich mit der jämmerlichen Musik benachbarter Fahrgeschäfte, dem Rattern von Achterbahnkarren und den Hupen, die den Start einer weiteren Irrsinnsfahrt verkünden, zu einer infernalischen Kakophonie vermantscht. Schreiende Farben, blitzende Lichter, bizarre Gestalten, die dein ästhetisches Empfinden beleidigen, und das sind nur die Abbilder auf den schlecht gepinselten Werbetafeln. Durch die Gassen dieses Wahnwitzes schieben sich noch groteskere Figuren.

Um tiefer Schwermut
zu entgehen, darfst du keinen Blick werfen auf die Mienen der Elendsgestalten, die in den Kassenhäuschen hocken, hinter Theken warten, darfst nicht anschauen die vom Leben gebeutelten Schiffschaukelbremser, Losverkäufer und bis an den Hals tätowierten Jungmänner, die ihre letzte Rettung im „Mitreisen“ gefunden haben und nun ihr Leben im heillosen Durcheinander von ungewaschener Kleidung und Essensresten in Kirmeswohnwagen fristen. Es ist etwas kosmisch Freudloses an diesen Menschen, als wären sie nicht von dieser Welt, sondern von einem klammen Elendsplaneten weitab aller Sonnen hierher verschlagen worden.

Sie werden natürlich nicht so geboren, sondern sind auch mal hoffnungsfrohe Kindlein gewesen, bevor das Leben sie niedergebogen hat. Ich freite mal in meiner Jugend ein Mädchen von der Schießbude. Nein, ich hatte es mir nicht geschossen, sondern von der Schießbude weg in das Kirmeszelt zum Tanz entführt, wo die besoffenen Schützenbrüder große Augen machten, weil sie vorher ja nicht wissen konnten, dass die auch Beine hat, denn sie hat ja immer hinter der Theke der Schießbude gestanden und Gewehre geladen. Die Dorfschönheiten guckten neidisch, weil sie nämlich alle an Schönheit übertraf, die Dorfgemeinschaft schüttelte aber über mich den Kopf, denn ein Mädchen von der Schießbude freit man nicht. Ich bin ihr noch einige Wochen von Dorfkirmes zu Dorfkirmes hinterher gereist, aber sie fuhr mit ihrer Schießbudenfamilie immer weiter, bis sie für mich unerreichbar wurde.

Mitreisender – Foto: Trithemius (größer: Klicken)

Nachdem ich dem Kirmestrubel einst das Beste entlockt hatte, was er zu bieten hat, bin ich gegen seinen Sog gefeit. Ebenso gegen den Sog von Menschenmassen, meide sie sogar, aber weil ich nach einer sonnigen Radtour noch nicht nach Hause wollte, sondern weiter unter freiem Himmel sein, mich zudem die Gucklust trieb, stieg ich wider besseres Wissen am Schützenplatz ab, schloss mein Fahrrad an einen Laternenmast und trat durch das Herrenhäuser Tor in den Trubel ein. Nach wenigen Metern bereute ich meinen Vorwitz. Hat man sich nämlich einmal in den Menschenstrom eingereiht, gibt es kein zurück. Ich wagte gar nicht, stehen zu bleiben oder mich gar umzudrehen und mich den vorwärts strebenden Massen entgegen zu stellen, in diese öden Gesichter zu schauen oder gar selbst von ihnen angeschaut zu werden. So zwang ich mich, ihren langsamen Trott aufzunehmen, der geprägt ist vom Schwermut der oft Enttäuschten. Die Masse weiß, es wird niemals besser werden, doch das kakophone Konsumblitzeklingeling, dieser orwellsche Zentrifugalbrummball zündet Hoffnungsfunken und treibt sie schwerfällig vorwärts.

Meine Glieder sind nicht dafür gemacht. Im Nu schmerzen mich Krämpfe in den Hüften. Meine Muskulatur streikt. Schon muss ich mir Lücken suchen, um schneller voran zu kommen, muss vergnügungssüchtige Sippen umrunden, die einander anmaulend zu Gehen vergessen haben oder gaffend vor dem taumelnden Wahnwitz eines Fahrgeschäfts herumstehen. Mir scheint, hier ist das gesamte Prekariat Hannovers auf den Beinen. Die besser Gestellten vergnügen sich klugerweise woanders. Möglicherweise gilt aber auch hier das gestaltpsychologische Prinzip: „Paarung wirkt auf die Partner“. Das absolut verlogene Kirmesgeschehen taucht selbst den diplomierten Bauingenieur mit Eigenheim und Zweitwagen in billige Schminke, und wie er seiner Frau die Hand gereicht, unterscheidet sie sich kaum von der Blondine, die an der Hand eines mit Goldketten behängten Zuhälters baumelt. Ich wage kaum zu mutmaßen, wie diese leichtsinnig eingegangene Paarung sich auswirkt auf mich. Vermutlich sehe ich auch aus wie ein vergnügungssüchtiger, rachitischer Penner.

Zu Hause erreicht mich der Newsletter eines Medien-Branchendienstes zum Osterwochende. Es geht überwiegend um TV-Angebote. Wie ich die Liste durchmustere, taucht vor mir das Bild der deprimierenden Unterschichtskirmes auf, der ich gerade entronnen bin. Es ist eins wie das andere. Freilich gegen die wahnwitzigen Formate und ekeligen Stars des Proletenfernsehens sind die erbärmlichsten Fahrgeschäfte, die schmuddeligsten Fressbuden und die jämmerlichsten Kirmesleute allemal von Adel.

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