Entschuldigen Sie bitte, dass meine Schrift so zittert – Über Wörterbücher und Lemmata (2)

Wörterbücher bilden nicht nur den Wortschatz ab, sie vermitteln auch kulturelle Normen. Zunächst ist das erkennbar an der Lemmalücke, wenn also ein Wort aus dem Alltagsgebrauch lexikalisch nicht erfasst ist, weil es einem Tabubereich angehört. Dass sich die Tabubereiche verändern, zeigt der ‚Schülerduden – Die richtige Wortwahl‘, bearb. von Wolfgang Müller, bereits in seiner Auflage von 1977. Unter dem Stichwort ‚onanieren‘ lernt der Schüler die Synonyme der verschiedenen Stilebenen, nämlich neben dem bildungssprachlichen ‚masturbieren‘ auch fünf saloppe Bezeichnungen, offenbar für den Fall, dass der arme Junge mal in Bezeichnungsnot gerät:

Aufschlussreich ist der Lexikoneintrag zum Lemma ‚Liebesspiel‘. Hier vermittelt der Schülerduden nicht nur die „Richtige Wortwahl“ , sondern vorsorglich auch
ein wenig Sexualaufklärung:

Lakonisch und irgendwie freudlos wirkt der Eintrag zu ‚Cunnilingus‘.
Ein Orgasmus ist vom Schülerduden nicht vorgesehen. Es ist schließlich kein Schülerinnenduden:

Für einen Wörterbucheintrag ungewöhnlich schwärmerisch sind dagegen die Ausführungen zu ‚Fellatio‘. Das hat gewiss ein Mann verfasst:

Fehlt eigentlich nur der Zusatz: „Entschuldigen Sie bitte, dass meine Schrift so zittert!“ (alle Zitate aus: Wolfgang Müller (Bearb.): Schülerduden – Die richtige Wortwahl, Mannheim 1977)

Musiktipp
Blur
Lonesome Street

Blur – Lonesome Street (Official Audio) by GAS2014

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17 Kommentare zu Entschuldigen Sie bitte, dass meine Schrift so zittert – Über Wörterbücher und Lemmata (2)

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