Begraben unter muffigen Perücken: Handschrift braucht Luft

Wie sieht die Zukunft der Handschrift aus? Die Frage wird diskutiert, nachdem vom finnischen Bildungsministerium verbreitet wurde, man wolle nur noch Druckschrift lehren und möglichst früh den Gebrauch der Tastatur trainieren. „Schneller SMS verschicken und Texte auf dem Tabletcomputer bearbeiten zu können, das gehöre jetzt zu den neuen Bildungszielen. Einzelne Buchstaben auf Papier mit der Hand zu verbinden“, zitiert die FAZ, „sei für viele Kinder derart mühsam, dass es zu Schreibblockaden führe. Der Computer löse das Problem und erlaube es den Schülern, sich stärker auf den Inhalt des Geschriebenen zu konzentrieren.“

Normalerweise interessieren wir uns nicht für das putzige Land im hohen Norden, in dem ein fast halbes Jahr die Sonne nicht scheint, und Meisterschaften im Melkschemelwerfen und Frauentragen veranstaltet werden, aber weil Finnland bei den fragwürdigen PISA-Tests der OSZE hervorragende Ergebnisse hatte und deshalb zum Synonym für vorbildliche Schulleistungen geworden ist, meldete der pisabesoffene Chor der deutschen Presse aufgeregt: „Finnland schafft die Handschrift ab!“

Das ist zwar spektakulär, aber falsch. Die Handschrift soll nicht abgeschafft werden, was ja auch gar nicht geht, sondern man will keine verbundene Handschrift mehr lehren. Diese Tendenz gibt es ebenso in anderen europäischen Ländern. Der deutsche Grundschulverband schlägt bereits seit 2010 vor, statt der „Lateinischen Ausgangsschrift“ oder ihres modernen Bastards „Vereinfachte Ausgangsschrift“ die unverbundene „Grundschrift“ zu lehren. In der Schweiz heißt die verbundene Handschrift „Schnürlischrift“. Die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz empfahl im Herbst 2014 die Schnürlischrift aufzugeben und stattdessen die „Basisschrift“ zu lehren, eine 2006 vom Schweizer Typografen Hans Eduard Meier entworfene serifenlose Linear-Antiqua. Die schwedische Ausgangsschrift ist sogar schon länger als 20 Jahre unverbunden.

Zum besseren Verständnis hier ein wenig Geschichte der Handschrift. (Wer mehr wissen will, dem empfehle ich meine „Kleine Kulturgeschichte der Handschrift“) Vor der Erfindung des Buchdrucks (um 1440) war alle Schrift Handschrift. Gutenberg und die Frühdrucker hatten den Ehrgeiz, auch ihre Drucke wie Handschriften aussehen zu lassen. Gutenberg hatte beispielsweise schon früh den Peter Schöffer als Gesellen in seine zunächst geheim gehaltene Erfindung eingeweiht, der zuvor als Kalligraph in Paris gearbeitet hatte und ihm vermutlich die Vorlagen für die ersten Lettern schrieb. (Mehr über Gutenberg und Peter Schöffer und ihre unselige Verbindung in: Sonntagstour durch das Museum der Schwarzen Kunst)

Die sich im ausgehenden 15. Jahrhundert rasch verbreitende Druckkunst löste große soziale Verwerfungen aus. Viele Berufsschreiber und Kalligraphen wurden arbeitslos und hungerten. Um sich abzugrenzen, begannen sie damit, ihre Buchstaben mit Schleifen und Girlanden zu verbinden, weil das mit den klobigen Bleilettern nicht nachgeahmt werden konnte. Mit ihren neuen Alphabeten, deren Vorlagen und Lehrbücher im Kupferstichverfahren gedruckt wurden, trafen sie den Zeitgeschmack und retteten einen ganzen Berufsstand. Es war die Zeit des Barocks mit der Liebe zu Formenüberschwang und Verschnörkelung.

Aus dieser Zeit stammen die Formen der Lateinischen Ausgangschriften wie der ähnlichen Schnürlischrift, mit ihren üblen Verzerrungen, besonders der Großbuchstaben, die jeder von uns in der Schule hat lernen müssen. Man erinnere sich an das große H. Seine disfunktionalen Formübertreibungen gehen als erstes über Bord, wenn sich die Erwachsenenhandschrift entwickelt. Und weil wir auch nicht mehr mit gepuderten Allongeperücken herumlaufen, ist es nur konsequent, dass wir die barocken Zöpfe abschneiden und wieder zu den klaren Grundformen unserer Schrift zurückkehren, damit die Schülerinnen und Schüler nur noch eine und nicht wie bisher zwei Schriften (Lateinschrift und Druckschrift) lernen müssen. Die Handschrift wird also nicht abgeschafft. Sie wird nur gelüftet und in ihrer Bedeutung für den Unterricht zurückgestuft, weil es andere, inzwischen wichtigere Möglichkeiten des Schreibens gibt, die auch unterrichtet werden müssen. Alles andere wäre Realitätsverweigerung.

Ich selbst habe mich als Kind mit der lateinischen Ausgangschrift herumgequält, konnte die Formen nicht perfekt nachvollziehen und war darüber so unglücklich, dass ich schon früh eine Art „Druckschrift“ entwickelt habe. Als ich später Lehrer war, erschreckte ich immer wieder vor meinen Tafelanschrieben. Sie waren einfach potthässlich. Deshalb beschloss ich, die Schrift neu zu lernen, übte zunächst die Vereinfachte Ausgangschrift, schrieb sie auch eine Weile, war aber nicht zufrieden. Dann begann ich zu forschen, wie es überhaupt zur Form unserer Lateinschrift gekommen war, fand Alternativen und übte die viel schöneren Ausgangschriften des englischen Kalligrafen Fairbank und des Isländers C.S.Briem. Bis zu meinem Schlaganfall war ich recht zufrieden mit der Handschrift, die sich daraus entwickelte. Sie sah etwa so aus wie im Tagebuchausschnitt, worin die Eingangsidee wieder auftaucht. Ich bin glücklich, diese handschriftlichen Notizen zu haben, denn sie sind mir oft eine Anregung (größer: Klicken).

Zum allgemeinen Zustand
unserer Handschrift: Betrachtet man ausgeschriebene Handschriften, sind die meisten von der Lateinschrift abgerückt, wie hier am Ergebnis einer Übung an der Bauhausuniversität zu Weimar zu sehen, die ich 2014 durchgeführt habe. So etwa sehen heutige Handschriften aus:

Beispiele ausgeschriebener Handschriften von Studierenden der Bauhausuniversität Weimar aus dem Jahr 2014 (Größer: Klicken) – Jeder Seminarteilnehmer beschriftete ein Blatt mit seiner Handschrift und gab es an den Nachbarn rechts von ihm weiter. Auf diese Weise entstanden 19 Blätter mit Handschriftproben, und jede/jeder konnte eines an sich nehmen.

Auffallend ist, dass die meisten Handschriften sich weit von der gelernten Ausgangsschrift entfernt und eine eigene ästhetische Qualität haben, landläufig „Druckschriften“ sind. Das heißt, nicht die Schule hat die verbundene Schreibweise abgeschafft, sondern die meisten erwachsenen Schreiber schaffen sie ab. Wenn Buchstaben verbunden sind, dann auf eigenwillige Weise, auffällig der Anschluss des großen ‚D‘ an das folgende kleine ‚a‘ bei Schrift 7. Schrift 2, 11, 15 und 18 lassen noch Reste der LA erkennen. Schrift 3 ist offenbar mit dem Kugelschreiber verfasst und für dieses ungeignete Schreibgerät erstaunlich sicher durchgestaltet. Schrift 10 hat nur Großbuchstaben, Schrift 17 erinnert stark an die US-amerikanische Ausgangsschrift von Palmer, die nach der Taktmethode gelehrt wurde. Lediglich Schrift 15 ist schwer lesbar. Der Schreiber hat sich noch nicht völlig von der verderbten Ausgangsschrift (vermutlich LA oder die ähnliche DDR-Lateinschrift) gelöst. Schrift 1 ist meine. Seit dem Schlaganfall ist sie ein wenig verkommen. Zugrunde liegt die isländische Ausgangsschrift von C.S.Briem. Eine chinesischer Gaststudentin hat Zeile 13 geschrieben.

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