Begraben unter muffigen Perücken: Handschrift braucht Luft

Wie sieht die Zukunft der Handschrift aus? Die Frage wird diskutiert, nachdem vom finnischen Bildungsministerium verbreitet wurde, man wolle nur noch Druckschrift lehren und möglichst früh den Gebrauch der Tastatur trainieren. „Schneller SMS verschicken und Texte auf dem Tabletcomputer bearbeiten zu können, das gehöre jetzt zu den neuen Bildungszielen. Einzelne Buchstaben auf Papier mit der Hand zu verbinden“, zitiert die FAZ, „sei für viele Kinder derart mühsam, dass es zu Schreibblockaden führe. Der Computer löse das Problem und erlaube es den Schülern, sich stärker auf den Inhalt des Geschriebenen zu konzentrieren.“

Normalerweise interessieren wir uns nicht für das putzige Land im hohen Norden, in dem ein fast halbes Jahr die Sonne nicht scheint, und Meisterschaften im Melkschemelwerfen und Frauentragen veranstaltet werden, aber weil Finnland bei den fragwürdigen PISA-Tests der OSZE hervorragende Ergebnisse hatte und deshalb zum Synonym für vorbildliche Schulleistungen geworden ist, meldete der pisabesoffene Chor der deutschen Presse aufgeregt: „Finnland schafft die Handschrift ab!“

Das ist zwar spektakulär, aber falsch. Die Handschrift soll nicht abgeschafft werden, was ja auch gar nicht geht, sondern man will keine verbundene Handschrift mehr lehren. Diese Tendenz gibt es ebenso in anderen europäischen Ländern. Der deutsche Grundschulverband schlägt bereits seit 2010 vor, statt der „Lateinischen Ausgangsschrift“ oder ihres modernen Bastards „Vereinfachte Ausgangsschrift“ die unverbundene „Grundschrift“ zu lehren. In der Schweiz heißt die verbundene Handschrift „Schnürlischrift“. Die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz empfahl im Herbst 2014 die Schnürlischrift aufzugeben und stattdessen die „Basisschrift“ zu lehren, eine 2006 vom Schweizer Typografen Hans Eduard Meier entworfene serifenlose Linear-Antiqua. Die schwedische Ausgangsschrift ist sogar schon länger als 20 Jahre unverbunden.

Zum besseren Verständnis hier ein wenig Geschichte der Handschrift. (Wer mehr wissen will, dem empfehle ich meine „Kleine Kulturgeschichte der Handschrift“) Vor der Erfindung des Buchdrucks (um 1440) war alle Schrift Handschrift. Gutenberg und die Frühdrucker hatten den Ehrgeiz, auch ihre Drucke wie Handschriften aussehen zu lassen. Gutenberg hatte beispielsweise schon früh den Peter Schöffer als Gesellen in seine zunächst geheim gehaltene Erfindung eingeweiht, der zuvor als Kalligraph in Paris gearbeitet hatte und ihm vermutlich die Vorlagen für die ersten Lettern schrieb. (Mehr über Gutenberg und Peter Schöffer und ihre unselige Verbindung in: Sonntagstour durch das Museum der Schwarzen Kunst)

Die sich im ausgehenden 15. Jahrhundert rasch verbreitende Druckkunst löste große soziale Verwerfungen aus. Viele Berufsschreiber und Kalligraphen wurden arbeitslos und hungerten. Um sich abzugrenzen, begannen sie damit, ihre Buchstaben mit Schleifen und Girlanden zu verbinden, weil das mit den klobigen Bleilettern nicht nachgeahmt werden konnte. Mit ihren neuen Alphabeten, deren Vorlagen und Lehrbücher im Kupferstichverfahren gedruckt wurden, trafen sie den Zeitgeschmack und retteten einen ganzen Berufsstand. Es war die Zeit des Barocks mit der Liebe zu Formenüberschwang und Verschnörkelung.

Aus dieser Zeit stammen die Formen der Lateinischen Ausgangschriften wie der ähnlichen Schnürlischrift, mit ihren üblen Verzerrungen, besonders der Großbuchstaben, die jeder von uns in der Schule hat lernen müssen. Man erinnere sich an das große H. Seine disfunktionalen Formübertreibungen gehen als erstes über Bord, wenn sich die Erwachsenenhandschrift entwickelt. Und weil wir auch nicht mehr mit gepuderten Allongeperücken herumlaufen, ist es nur konsequent, dass wir die barocken Zöpfe abschneiden und wieder zu den klaren Grundformen unserer Schrift zurückkehren, damit die Schülerinnen und Schüler nur noch eine und nicht wie bisher zwei Schriften (Lateinschrift und Druckschrift) lernen müssen. Die Handschrift wird also nicht abgeschafft. Sie wird nur gelüftet und in ihrer Bedeutung für den Unterricht zurückgestuft, weil es andere, inzwischen wichtigere Möglichkeiten des Schreibens gibt, die auch unterrichtet werden müssen. Alles andere wäre Realitätsverweigerung.

Ich selbst habe mich als Kind mit der lateinischen Ausgangschrift herumgequält, konnte die Formen nicht perfekt nachvollziehen und war darüber so unglücklich, dass ich schon früh eine Art „Druckschrift“ entwickelt habe. Als ich später Lehrer war, erschreckte ich immer wieder vor meinen Tafelanschrieben. Sie waren einfach potthässlich. Deshalb beschloss ich, die Schrift neu zu lernen, übte zunächst die Vereinfachte Ausgangschrift, schrieb sie auch eine Weile, war aber nicht zufrieden. Dann begann ich zu forschen, wie es überhaupt zur Form unserer Lateinschrift gekommen war, fand Alternativen und übte die viel schöneren Ausgangschriften des englischen Kalligrafen Fairbank und des Isländers C.S.Briem. Bis zu meinem Schlaganfall war ich recht zufrieden mit der Handschrift, die sich daraus entwickelte. Sie sah etwa so aus wie im Tagebuchausschnitt, worin die Eingangsidee wieder auftaucht. Ich bin glücklich, diese handschriftlichen Notizen zu haben, denn sie sind mir oft eine Anregung (größer: Klicken).

Zum allgemeinen Zustand
unserer Handschrift: Betrachtet man ausgeschriebene Handschriften, sind die meisten von der Lateinschrift abgerückt, wie hier am Ergebnis einer Übung an der Bauhausuniversität zu Weimar zu sehen, die ich 2014 durchgeführt habe. So etwa sehen heutige Handschriften aus:

Beispiele ausgeschriebener Handschriften von Studierenden der Bauhausuniversität Weimar aus dem Jahr 2014 (Größer: Klicken) – Jeder Seminarteilnehmer beschriftete ein Blatt mit seiner Handschrift und gab es an den Nachbarn rechts von ihm weiter. Auf diese Weise entstanden 19 Blätter mit Handschriftproben, und jede/jeder konnte eines an sich nehmen.

Auffallend ist, dass die meisten Handschriften sich weit von der gelernten Ausgangsschrift entfernt und eine eigene ästhetische Qualität haben, landläufig „Druckschriften“ sind. Das heißt, nicht die Schule hat die verbundene Schreibweise abgeschafft, sondern die meisten erwachsenen Schreiber schaffen sie ab. Wenn Buchstaben verbunden sind, dann auf eigenwillige Weise, auffällig der Anschluss des großen ‚D‘ an das folgende kleine ‚a‘ bei Schrift 7. Schrift 2, 11, 15 und 18 lassen noch Reste der LA erkennen. Schrift 3 ist offenbar mit dem Kugelschreiber verfasst und für dieses ungeignete Schreibgerät erstaunlich sicher durchgestaltet. Schrift 10 hat nur Großbuchstaben, Schrift 17 erinnert stark an die US-amerikanische Ausgangsschrift von Palmer, die nach der Taktmethode gelehrt wurde. Lediglich Schrift 15 ist schwer lesbar. Der Schreiber hat sich noch nicht völlig von der verderbten Ausgangsschrift (vermutlich LA oder die ähnliche DDR-Lateinschrift) gelöst. Schrift 1 ist meine. Seit dem Schlaganfall ist sie ein wenig verkommen. Zugrunde liegt die isländische Ausgangsschrift von C.S.Briem. Eine chinesischer Gaststudentin hat Zeile 13 geschrieben.

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31 Kommentare zu Begraben unter muffigen Perücken: Handschrift braucht Luft

  1. Lo

    Wenn man sich die finnische Sprache anschaut, kann die Aussage, daß das Schreiben von Hand „für Kinder derart mühsam (ist), dass es zu Schreibblockaden führe“ und „der Computer das Problem löse und es den Schülern erlaube, sich stärker auf den Inhalt des Geschriebenen zu konzentrieren…“ für Kinder dieses Landes durchaus zutreffen 😉

    Ich schreibe leidenschaftlich gern mit der Hand.
    Und ich mag Stifte, die mich meine Handschrift schwungvoll aufs Papier bringen lassen. Oder dick schreibende Füllfederhalter.
    Kindern das Schreiben von Hand nicht mehr vermitteln zu wollen….?
    Dafür finde ich keine Worte. Weder handschriftlich, noch mit dem „Problemlöser“ Computer.
    Es wird auch nicht dazu kommen, dass nicht mehr von Hand geschrieben wird. Das ist in etwa so, wie mit dem viel gepriesenen „papierlosen Büro“.
    An das glaube ich auch erst, wenn es das papierlose Klo gibt.

    Liebe Grüße!
    Lo

    • trithemius

      Na na, wir wollen doch die Angehörigen kleiner Sprachgruppen nicht diffamieren. 😉 Das Schreiben mit der Hand soll ja auch in Finnland weiterhin vermittelt werden, nur eben nicht am Beispiel der verbundenen Ausgangsschrift“.
      Die Handschrift lässt sich nicht abschaffen, solange es Schreiber gibt. Ich glaube sogar, dass ihr Ansehen steigt, je weniger mit der Hand geschrieben wird. Was an den Schulen tatsächlich fehlt, ist eine ausformulierte Handschriftdidaktik. Es gibt nach dem Erstschriftunterricht der ersten Schuljahren keine Weiterbildung in Handschrift, keine Linkshänderbegleitung, nichts. Schüler sind mit der Entwicklung ihrer Persönlichkeitsschrift völlig alleingelassen, ja, Lehrkräfte kennen das Konzept der Ausgangsschriften nicht einmal, wie mir ein Schulrektor des Grundschulverbands anvertraute.

      Beste Grüße!

      • Lo

        Und dat is der Beweis, datt dat mit der Konzentration auffen Text mittem Computer nich klappt: zumindest beim Lesen, denn sonst hätte ich ja nicht überlesen, dass man nur noch Druckschrift lehren will.
        Zumindest ist es etwas beruhigend, dass das Schreiben von Hand nicht komplett abhanden kommt. Wird es auch nie.

        Mir hilft das Aufschreiben von Aufgaben und kurzen Gedanken ganz besonders bei meiner täglichen Arbeit, die oft mit Unterbrechnungen zu kämpfen hat.
        Das Aufgeschriebene ist nicht flüchtig wie der kurze Gedanke. Ich glaube auch, dass sich meine von Hand aufgeschriebenen Notizen und Aufgaben tiefer und verbindklicher einprägen, als das in die Tastatur Getippte. Beim Lesen erinnert mich mein Schriftbild auch an den Augenblick, an die Stimmung während des Hinschreibens.
        Vielleicht bin ich aber auch nur altmodisch.
        😉

        • trithemius

          Ich war schon ganz verzweifelt und dachte, wenn selbst Kollege Lo meiner Argumentation nicht folgt, sondern liest, was da nicht steht, dann brauche ich mich erst gar nicht zu bemühen. Aber jezz is wieder alls gut 😉
          Sie benennen eine Qualität der Handschrift, die vielen noch ein Begriff ist. Das ist gar nicht altmodisch! Selbst die jungen Menschen von meinem Handschriftbeispiel konnten solche Qualitäten benennen und fanden Handschreiben noch wichtig.
          Man kann auch Eindruck schinden, wenn man mit Schreibstift und Block in Meetings auftaucht und nur scheinbar Notizen macht. Mir ist es oft in Sprechstunden so ergangen, dass dynamische Eltern auftauchten und ostentativ mitschrieben, was ich ihnen sagte, nicht nur, um später anhand der Notizen den abwesend gewesenen Partner zu informieren, sondern auch um mich zu zwingen, nur ja keinen Unsinn zu verzapfen. Ich hab mich aber nicht einschüchtern lassen, hehe.

      • Erna Nicht

        Lieber Trithemius,
        ausformulierte Handschriftdidaktik – ja, wozu das denn? Als sonst gute Schülerin habe ich schon im 1. Schuljahr unter der 4 in „Schrift“ gelitten (guter alter Jahrgang der 50er), mich später trotz der Proteste meiner langjährigen Kollegen aber damit ausgesöhnt und mag meine – nach wie vor häufigen – Krakeleien heute. Glattgebügelt Handgeschriebenes hingegen gar nicht. Da spricht aus Dir zum Teil der Schriftsetzer, oder?
        Ansonsten: Kompliment zum blog, von mir spät entdeckt. Geliebtes Linden, manchmal vermisse ich es immer noch…

        LG

        Erna

        • trithemius

          Liebe Erna,
          nach welchen Kriterien wurde deine Schrift mit 4 benotet? Als Deutschlehrer am Gymnasium in NRW habe ich noch bis Mitte der 80er Jahre die Handschriftnote vergeben müssen. Es gab keinerlei Kriterien, weder ich noch meine Deutschkollegen hatten im Studium je etwas über das Konzept der Ausgangsschrift erfahren. (Viele Grundschullehrer kennen das Konzept der Ausgangsschrift auch nicht, wie mir ein Schulrektor mitgeteilt hat). So urteilten die meisten eben nach Duktustreue. Dieses dumme Schätzurteil war die ungerechteste Note, die man sich denken kann, denn vor allem wurde etwas benotet, was in der weiterführenden Schule überhaupt nicht gelehrt wurde.

          Bei der Diskussion um die Grundschrift wird derzeit von Kritikern angezweifelt, das Schülerinnen/Schüler aus der Grundschrift überhaupt eine flüssige Persönlichkeitsschrift entwickeln können. Die Sorge ist in gewisser Hinsicht berechtigt, denn wenn man möchte, dass sich schöne, lesbare und flüssige Handschriften entwickeln, muss man auch Zeit investieren. Darum meine Forderung nach einer Handschriftdidaktik.

          Das Ziel kann ja nicht eine krakelige Handschrift sein, sondern in erster Linie muss sie lesbar sein. Ist ja schön, wenn du dich inzwischen mit deinen „Krakeleien“ arrangiert hast. Den meisten Leuten mit sogenannter „Sauklaue“ geht das nicht so.
          Vielen ist ihre schlechte Handschrift peinlich und sie schreiben deshalb nicht gerne mit der Hand.
          Zudem: Hab gerade den saumäßig mit der Hand geschriebenen Entlassungsbericht einer Ärztin von meiner Kur vor Augen. Er vermittelt den Eindruck der absoluten Wurschtigkeit und ist eine Frechheit gegenüber mir als Patienten.Wenn da was Wichtiges vermerkt ist, hab ich Pech gehabt, man kann und will es nicht lesen.

          Ansonsten:
          Dankeschön für deine lobenden Worte.
          Beste Grüße,
          Trithemius

          • Erna Nicht

            Lieber Trithemius,

            nein, erkennbare Kriterien gab es in der Grundschule zur Beurteilung meiner Handschrift nicht. Wahrscheinlich baute ich zu viele schroffe Berggrate und Zacken ein. In den ersten Jahren auf dem Gymnasium bedauerte ich dann Mitschüler, die von ihren Eltern zu stundenlangen Schriftübungen zwecks Erlangung besserer Noten verdonnert wurden, das blieb mir zum Glück erspart. Und später wuchs ohnehin mein Widerstand gegen die – in meinen Augen übermäßige – Betonung der äußeren Form (: Aber in einem stimme ich Dir zu: Lesbar sollte Geschriebenes schon sein: Deshalb gebe ich mir gegenüber Fremden, die mit meiner Handschrift nicht vertraut sind, durchaus Mühe. Darum ist mir das Leben mit einer Sauklaue auch nicht peinlich, wo ich sie doch so sozialverträglich handhabe. Was Deiner Ärztin in der Tat „wurscht“ zu sein scheint.

            Mehr treibt mich allerdings eine Verarmung des Wortschatzes und mangelnde Beherrschung der Grammatik um, wo immer ich sie bemerke. Und doch greift auch diese Sichtweise vermutlich zu kurz: Als ich vor ein paar Jahren in der HAZ einen Leserbrief eines meiner früheren Schüler entdeckte – bis zum Nahezu-Einstellungsstopp Anfang der 80er Jahre war ich noch auf dem Weg zur Förderschullehrerin – , berührte mich das sehr. Denn letztlich geht es doch genau darum, seine Interessen vertreten und sich artikulieren zu können. Auch ohne sprachliche Finessen.

            In dem Sinne,

            nichtErna

  2. Keilschrift! Ich fange mal mit etwas Lustigem an. Das entspannt mich. Als ich letztes Jahr einen Termin mit meiner Bankberaterin hatte, um meine Rente ein bisschen aufzuhübschen, sagte sie, während wir beide darauf warteten, dass der Drucker den Vertrag ausdruckte: „Sie kommen ja auch jederzeit an das Geld ran, wenn Sie das möchten. Schließlich sind diese Verträge nicht in Stein gehauen. Sofort stellte ich mir vor, im Großraumbüro der Bank säße an jedem Schreibtisch jemand, damit beschäftigt Verträge in Stein zu meißeln. Der Lärm! Der Staub! Die ganze Bankfiliale ein Steinbruch. Ich stellte es mir nicht nur vor, ich sagte es auch. Wir haben sehr gelacht, und die gute Frau meinte, sie würde von nun an in Momenten des Zweifels immer daran denken, wie viel unangenehmer ihr Job sein könnte. – Ach, ich weiß nicht. So ein bisschen Rumgehämmere und Rumgestaube befreit vielleicht auch.

    Jetzt wird es ernst: Nee, nee, nee … Da wird ganz eindeutig der Computer gegen die Schreibschrift ins Feld geführt, nicht die handgeschriebene Druckschrift/Normschrift, welche die Schüler zwar noch lernen werden, aber das wird zu vernachlässigen sein, und es wird vernachlässigt werden.

    Nun ist die Diskussion ja keineswegs neu. Lag das nicht vor zwei Jahren schon mal auf dem Tisch? War das nur in Berlin akut? Wurde was umgesetzt oder nicht? – Ehrlich, gesagt, ich weiß es nicht, aber ich erinnere mich gut, dass zu der Zeit auch Expertisen abgegeben wurden, welche Nachteile diese „Vereinfachung“ des Schülerdaseins hätte. Es gibt da wohl so etwas wie eine Interaktion zwischen Hand und Hirn. Denkprozesse laufen beim Schreiben mit der Hand anders als beim Tippen. Außerdem wird die Feinmotorik nicht trainiert, und …

    Wusste ich es doch, dass diese Notfalltropfen nichts bringen!

    • trithemius

      Danke für den hübschen Kurzbericht vom Bankbesuch! Die Keilschrift ist nicht zu verachten. Bislang hat es noch keine andere Schreibmethode gegeben, die Jahrtausende überdauert. Wieviel vergänglicher ist ein Buch, und die Datensicherheit auf Diskette, CD oder Festplatte ist gleich null. Ich habe noch unzählige Disketten mit Texten, aber keinen Rechner mehr, auf dem sie zu lesen sind. Handschrift ist da doch beständiger.
      Mal abgesehen vom finnischen Beispiel, die Diskussion um die Abschaffung der verbundenen Ausgangsschrift läuft in Deutschland, seitdem der Grundschulverband (2010) die Grundschrift vorgeschlagen hat. Zu den Gegenargumenten im Wikipediaartikel:

      Manche sind schlicht falsch und gehen an der Realität vorbei. Die dort aufgeführten Kritiker sind leider von keiner Sachkenntnis angefächelt. Beispielsweise die Aussage der Schriftstellerin Cornelia Funke: „Eine fließende Handschrift dagegen fördert den Fluss der Gedanken.“ Das ist 1. schlankweg behauptet, was den Gedankenfluss betrifft. Die meisten Wissenschaftler der Renaissance, auf deren Gedankenfluss sich unsere abendländische Kultur gründet, haben eine unverbundene Handschrift geschrieben, sich zumindest nicht mit dem barocken Unsinn der Kupferstichalphabete abgemüht. 2. setzt Funke fälschlich voraus, dass eine unverbundene Handschrift nicht fließen kann. Im Raum sind schließlich alle Buchstaben durch den Schreibgestus verbunden. 3. Wieso verzichten dann die meisten erwachsenen Schreiber auf die von LA oder VA vorgegeben Buchstabenverbindungen? Hier wird ein (fragwürdiges) Ideal bemüht, das seine reale Entsprechung nur noch in den mühsamen Zirkelübungen von Grundschülern hat. Und dass sich ein Reaktionär wie Thomas Paulwitz zum Retter der Lateinschrift aufschwingt, wundert mich gar nicht. Schließlich verdanken wir ihre Einführung den Nationalsozialisten, die 1941 die deutsche Kurrent verboten haben.

      Indem ich dir diese Antwort geschrieben habe, sind meine Gedanken geflossen, und ich habe nicht mal mit der Hand geschrieben, sondern in die Tastatur gehackt. Gegen die Grundschrift kann ich nur einwenden: Sie ist einfach nicht schön, wie schon die VA von künstlerischen Laien gestaltet. Aber sie ist allemal besser als LA oder VA.

      Zu deinem Argument Training der Feinmotorik: Es spricht doch nichts gegen feinmotorische Übungen. Man kann sie in den Kunstunterricht einbetten, aber sollte das Schreibenlernen nicht unnötig damit belasten..

      (Jetzt brauche ich ein Kölsch (meine Notfalltropfen))

      • trithemius

        Mir ist letztens ein Kompromiss eingefallen: Man kann die verbundene Schreibschrift im 2. Schritt ( nach dem Erstschriftunterricht) als freiwillige Übung anbieten, beispielsweise im KU. Der KU müsste sowieso viel stärker in die Handschriftthematik einbezogen werden, denn auch die prozesshafte Entwicklung der Persönlichkeitsschrift braucht sachkundige Unterstützung.

        • Heute werden viele Kinder ja schon mit feinmotorischen Defiziten eingeschult, haben noch nie einen Bleistift in der Hand gehabt, können sich die Schuhe nicht zubinden, … Das Arge ist, dass der Kunstunterricht auch immer öfter im Lehrplan hinten runter fällt. Ich gebe zu, eine unverbundene Schrift kann auch sehr schön sein. Nur, wie gesagt, die Rede war davon, dass vor allem getippt werden soll. Und das finde ich für Grundschüler und vielleicht sogar für sie Sekundarstufe verfehlt. Die Kids schreiben so viele SMS, die müssen das Tippen nicht noch in der Schule üben.

          • trithemius

            Dass vor allem getippt werden soll, ist die finnische Position. In Deutschland wird noch nicht so radikal nach vorne gedacht. Die Entwicklung des Digitalen fordert aber von uns ein Umdenken, auch wenns schwer fällt. Es ist schon absurd, da verteidigen welche mit Zähnen und Klauen die barocken Schleifen der Handschrift, aber die realen Probleme liegen ganz woanders.

            • Uh, das wird hier immer enger!

              Also, ich verteidige nicht barocke Schleifen mit Klauen und Zähnen. Und natürlich stimmt es, dass die eigentliche Probleme andere sind. Zum Beispiel, dass viele Achtklässler noch immer erhebliche Schwierigkeiten mit dem Lesen haben. Das Entziffern der Worte macht ihnen solche Mühe, dass an Textverständnis überhaupt nicht zu denken ist. Wenn diesem Problem mit konsequentem Tippen abgeholfen werden kann, dann: Nur zu!

              Übrigens ist mir heute Nacht … Ich fasse es nicht, dass dieses Thema mich noch nachts um drei beschäftigt! Also, mir ist letzte Nacht die Max Frisch-Ausstellung anlässlich seines 100. Geburtstags wieder eingefallen. Da hörte man als Endlosschleife sein Getippe vom Band. Unglaublich langsam! Die Schreibmaschine konnte man natürlich auch andächtig bestaunen. Meine Wertschätzung der Elaborate stieg immens. Das grenzte schon an „in Stein gehauen“.

  3. iGing

    Als Kinder studierten meine Geschwister und ich ausgiebig die Handschriften der Oma und Tanten in deren Briefen, auch unserer Eltern, die alle eine ausgeprägte, schöne, gut lesbare, aber auch individuelle Schrift hatten. Mit der Hand zu schreiben machte uns großen Spaß und wir verbrachten viel Zeit damit. Und ich bin heute noch der Überzeugung, dass ohne meinen geerbten Füller mit der verbogenen Feder, mit der ich einfach wunderbar flüssig schreiben konnte, meine Schulaufsätze niemals so gut geworden wären. Denn wie soll jemand denken, wenn er sich dabei noch mit so einem Krakelfüller abmühen muss, wie die anderen ihn hatten!

    Die Idee, eine Art Schreib-Erziehung in den Kunstunterricht einzubetten, gefällt mir sehr gut … zwei Stunden in der Woche, in denen nur mit der Hand geschrieben wird, um des Schreibens willen!

    Allerdings halte ich das Konzept zwar für fantastisch, aber überholt — nichts wird eben wieder, wie es war. Unsere Kinder tippen wie die Weltmeister, obwohl sie nie ein Zehnfingersystem gelernt haben, und deren Kinder … keine Ahnung, was daraus werden soll. Am ehesten sehe ich eine Zukunft als Teil eines interkulturellen Unterrichts in Verbindung mit anderen Schriften wie Griechisch, Kyrillisch, Hebräisch, Arabisch, indische Schriften …

    • trithemius

      Ja, auch ich schaue mir immer gern schöne Handschriften an. Als Lehrer war ich aber auch oft abgeschreckt von hässlichen. Wenn man viele Aufsätze zu korrigieren hat und ist schon müde, dann mag man sich auf manche Schriften gar nicht mehr einlassen und dringt zum Inhalt kaum noch durch. Hab das hier mal ironisiert: http://trithemius.de/2011/08/18/entbehrungsreiche-expedition-in-sprachliche-wusteneien/

      Sie haben Recht. Die Zeiten haben sich schon zu sehr verändert. Darum ist die Diskussion um die Beibehaltung der verbundenen Ausgangsschrift auch so gespenstisch, weil hier ein „Bildungsideal“ beschworen wird, dass wir längst aufgegeben haben. Cornelia Funkes: “Fluss der Gedanken” wurde links und rechts von anderen Gedankenflüssen überholt. Interkultureller Unterricht gefällt mir auch, aber das erfordert eine schriftwissenschaftliche Bildung der Lehrkräfte, die es nicht gibt, weil es keine interdisziplinäre Schriftwissenschaft gibt.

  4. de Jinian

    eine Handschrift ist die Sprache der Seele. Man kann den Charakter des
    Schreibenden gut deuten und erkennen.
    Es sollte als Wahlfach dabeibleiben.
    Denn Sexualunterricht soll es ersetzen – wäre besser. Die Kinder bilden sich
    heutzutage selber im Internet aus.

    Meine Schrift war stets ein 1 – bis familiäre Probleme auftauchten , dann wurde es schnell zu einer „Sauklaue“ sprich einem 4+.
    Bis ich bei meiner Tante wohnten durfte, dann wurde es wieder eine 1.
    Später dann als 6 die Bestnote war. halt mal 5 mal 6 – jenachdem.

    Aber wir sollten dafür auf „die Barrikaden gehen“
    FvF Ma

    • trithemius

      Gerade die Charakterdeutung mittels Graphologie ist ein Problem, weil Graphologie 1. ein missbräuliches Instrument ist und 2. zu Recht von vielen Leuten gefürchtet wird. Dass sich seelische Vorgänge in der Handschrift spiegeln, macht den schreibenden Menschen verletzlich. Zu meiner Kritik der Graphologie: Einiges über Handschrift und Graphologie:

      Gegen Sexualkunde habe ich nichts, zumindest wollte ich sie nicht gegen die Handschrift ausspielen.

      Für die Erhaltung des Friedens in Europa sollten wir eher auf die Barrikaden gehen,oder?

  5. trithemius

    @ cuentacuentos
    Dich hatte ich gar nicht gemeint, obwohl du dir offenbar mehr Gedanken machst, als die bei Wikipedia aufgeführten Kritiker, die rationale Argumenten nicht zugänglich sind, Unsinniges behaupten, aber in unserer Presse ein Forum bekommen. Deren Haltung ist elitär und reaktionär. Sie interessieren sich nicht für die schulische Realität, sondern stemmen sich gegen jede vernünftige Veränderung. Ich habe das dem Grundschulverband schon 2010 vorausgesagt . Die selbsternannten Sprachpfleger wie Paulwitz und Konsorten sehen in jeder Veränderung sogleich einen Anschlag auf die Schriftkultur oder gar auf die Sprache selbst, und es steht vermutlich ein ähnliches Gezerre bevor, wie wir es bei der leider verhunzten Orthographiereform erlebt haben.

    Wenn in ganz Europa die Tendenzen auftauchen, den barocken Ballast abzuwerfen, sehen wir hier eine Änderung des Zeitgeistes. Es gibt diesen Veränderungsdruck durch die Entwicklung der digitalen Kommunikation. Und es erscheint mir müßig, sich dagegen zu stemmen. Letztlich geht es doch darum, allen Kindern den Zugang zur Schrift, gut lesbaren und auch ansehnlichen Persönlichkeitsschriften zu ermöglichen und nicht die Fehler der Vergangenheit zu zementieren.

    Dein Hinweis auf die Tippgeschwindigkeit von Max Frisch bestätigt meine Behauptung, dass Gedanken unabhängig von der Schreibtechnik fließen können. Sie fließen freilich anders, wenn Langsamkeit im Spiel ist.

    • iGing

      Ob Max Frisch seine Gedanken sofort in die Maschine getippt hat? Oder hat er ihn vorher, zumindest als Entwurf, mit Bleistift oder gar – wie schnöde! – mit Kugelschreiber zu Papier gebracht?

      • trithemius

        Wer etwas mitzuteilen hat, dem ist jedes Schreibgerät recht. Zur Not tut es auch der Kartoffeldruck. 😉

      • @iGing

        Ich bin ziemlich sicher, dass Frisch sowohl direkt in die Maschine als auch handschriftlich Texte verfasst hat. Die Tagebücher sind wohl zu einem guten Teil Handschriften. Ob Frisch dann handschriftlich verfasste Texte selbst abgetippt hat, weiß ich leider nicht. Ich bin kein sehr visueller Mensch. In den Schaukästen der Ausstellung lagen natürlich auch Original-Manuskripte. Waren das mehr Handschriften, mehr maschinenbeschriebene Seiten, mit vielen/wenigen handschriftlichen Korrekturen…?
        Das hier hilft auch nur wenig: http://www.cicero.de/bilder/100-jahre-max-frisch-eine-ausstellung?image=9

        Ich persönlich habe damit keine guten Erfahrungen und habe mir abgewöhnt, Texte ausführlich per Hand zu schreiben. Ich begnüge mich mit Notizen als Gedankenstütze, denn beim Abtippen ausgearbeiteter Texte schreibe ich dermaßen viel um, dass ich mir die erste Niederschrift glatt hätte sparen können.

        • trithemius

          Man stelle sich vor, die großen Autoren der Vergangenheit hätten die heutige Technik zur Verfügung gehabt, durch die unsere Schrift so plastisch und beliebig verformbar geworden ist. Kein Text wäre noch so wie wir in kennen.

          • Über die (auch inhaltliche und stilistische) Veränderung des Schreibens dank oder undank der modernen Technik gab es große Diskussionen unter den Mitgliedern der Sektion Literatur der Akademie der Künste. Ich glaube, Computer benutzen sie aber inzwischen (fast) alle.

    • Alles, was der Freude am Lesen und Schreiben dient, soll mir recht sein. Her mit den Reformen! Entscheidend ist, dass Sprache im Spiel ist, denn sie hilft, die Gedanken zu strukturieren, was durch Bilder kaum gelingt.

      • trithemius

        Trotzdem passiert, was der Medienphilosoph Vilém Flusser schon 1991 vorausgesehen hat: Die Schrift wird vom Bild verdrängt. Wir können ihre Entwertung nicht verhindern, nur die Front begradigen.

  6. Ich bin ja schon froh, wenn ich hier im Kopfrechnen nicht überfordert werde. Möge es sich Vilém Flusser in seiner Tonne bequem machen. Ein bisschen muss ich mich noch in die Schlacht werfen. Schließlich habe ich Kinder, Enkel und Urenkel.

    • trithemius

      Flusser ist 1991 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ihn zeichnet aus, die Auswirkungen des Internets auf die Buchkultur vorausgesagt zu haben, als allenfalls dessen Vorformen bekannt waren. Flusser sah eine „telematische Gesellschaft“ heraufdämmern,
      bei der Dialoge überwiegen, „welche ständig Informationen erzeugen. Bedingt durch die so entstehende Informationsflut zerbrechen die alten Diskurse. Dementsprechend gibt es in der telematischen Gesellschaft keine Autoritäten. Sie ist, aufgrund ihrer vernetzten Struktur, völlig undurchsichtig und lenkt sich selbst kybernetisch.“ (Wikipedia) Auch glaubte er, die Schrift werde von Bild und Zahl in die Zange genommen und an Bedeutung verlieren, was ein ganz neues Denken hervorbringen werde. Denn unser logisches Denken ist von den folgerichtig aufgebauten schriftlich-linearen Texten abhängig. Wir leben mitten in diesem Wandel, stehen mit einem Bein noch in der Buchkultur und tasten mit dem anderen in die Nulldimensionalität des Internets. Unsere Enkel und Urenkel werden erleben wie es ist, das zweite Bein nachzuziehen.
      Im Gedenken an Flusser habe ich im Twoday-Teppichhaus die Rubrik „Schriftwelt im Abendrot“ eingerichtet. Sie heißt hier weniger wertend „Sprache – Schrift – Medien“.

  7. Bravo! Über Struktur durch geschriebene Sprache schwadronierend, habe ich mich ganz famos als unstrukturierter Mensch geoutet. Ich hoffe, Vilém Flusser rotiert jetzt nicht in seiner Tonne.

    Man kann sich ja oft nur wundern und auch bewundern, wie vorausschauend manche Denker aber auch Phantasten waren, die selbst vielleicht weit weniger an ihre Prognosen und Visionen geglaubt haben als Flusser. Womit keiner wirklich gerechnet zu haben scheint, ist die Grenzenlosigkeit der Habgier, die jeden Segen des Fortschritts in einen Fluch verwandelt, jede Befreiung in eine noch größere Abhängigkeit. Und doch ist es mit der Entwicklung der Menschheit wie mit der des einzelnen Menschen. Es führt kein Weg zurück zu kindlicher Unschuld. Die „Erlösung“ darf nur voranschreitend gesucht werden.

    [Und wenn ich mir meinen Salm so durchlese, stelle ich fest, ich sollte schnellstens ins Bett und mich (zum dritten Mal) von der Mozart-Biographie auf CD einschläfern lassen.]

    • trithemius

      Wünsche, wohl geruht zu haben.
      Für diesen Kommentar bin ich dir dankbar. Indem ich gerade Vilém Flusser letztes Buch „Die Schrift“ mit Gewinn erneut lese, habe ich mich gefragt, was mich an seinen Überlegungen stört. Dein Hinweis auf die „Grenzenlosigkeit der Habgier“hat einen Gedanken hervorgebracht, der nur leise schlummerte: Flusser ignoriert beinah vollständig die ökonomischen Zusammenhänge. Dabei beginnt schon die vom Buchdruck ausgelöste kulturelle Revolution mit einem Wirtschaftsverbrechen. Und immer haben ökonomische Gründe die kulturellen Veränderungen angestoßen.

      • Schwere Rechenaufgabe heute – und das, wo ich schon wieder so müde bin. Mozart lebt auch noch (bei mir). Ich schaffe es einfach nicht.

        Lässt sich ein Zusammenhang zwischen den hier stattfindenden Überlegungen und dem Benjamin-Zitat am Ende meines Türken-Eintrags herstellen: ‚historischer Materialismus‘? Gegen Ökonomie ist ja nichts einzuwenden, gegen ungebremsten Kapitalismus schon.

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