Bachblüten, Stiftehandel und Zukunft der Handschrift

Angenommen, der Begründer der Bachblütentherapie habe nicht Edward Bach, sondern Edward Runkel geheißen und hätte sein alternatives Behandlungsverfahren eigensinnig Runkelrübentherapie genannt, dann wäre ihm vermutlich kein Erfolg beschieden gewesen. Denn das Wort ‚Runkelrübe’ ist kaum geeignet auch nur annähernd so schöne Bilder in den Kopf zu zaubern wie ‚Bachblüte’. Als ich erstmals von der Bachblütentherapie hörte, dachte ich nicht an einen britischen Arzt mit leerem Gesicht und Stirnglatze, der gerade mal 50 Jahre alt geworden ist, sondern hatte sogleich ein anheimelndes Bild vor Augen:

Ich sah ein dahinsprudelndes Bächlein, eng von mannigfaltigen Kräutlein gesäumt, deren Blüten sich artig verneigen, wenn sie ab und an von einem aufspringenden glasklaren Tröpflein benetzt werden. Und diese Perlen werden von feengleichen Jungfrauen in weißen Gewändern abgestreift und in putzige Fläschelileinchen abgefüllt. Schon das Bild ist geeignet, einen gesunden zu lassen, zumindest öffnet es das Törchen hinter dem der Weg der Heilung wartet.

Es geht um die zauberhafte Wirkung gut gewählter Begriffe. Ein solch wirkmächtiger Begriff ist auch ‚Schreibmotorikforschung’. Es ist schwer herauszufinden, was das überhaupt ist, aber man vermutet sogleich, dass es sich um eine höchst nützliche Wissenschaft handeln muss. Natürlich hat die Schreibmotorikforschung kein Interesse daran, wie getippt wird, sondern untersucht die kompliziertere Motorik des Schreibens mit der Hand. Bis vor kurzem war die Schreibmotorikforschung weitgehend unbekannt, eine richtige Wissenschaft ist’s auch nicht, sondern eine Erfindung des Nürnberger Schreibgeräteherstellers Schwan-Stabilo. Das Traditionsunternehmen finanziert auch das 2012 gegründete „unabhängige Schreibmotorik Institut“. Was wird da so gemacht?

„Das Schreibmotorik Institut erforscht, welche Faktoren für das Schreiben mit der Hand und das Schreibenlernen hemmend und fördernd sind“, steht so auf der Homepage. Die Schreibweise des Instituts ist ein orthographisches Unglück, nämlich ein Anglizismus (Komposita werden im Deutschen zusammengeschrieben), und verweist darauf, dass hier Marketingexperten ihre Finger drin haben, so das Ergebnis meiner rein intuitiven Motorik- und Motivforschung. Ich habe lange nach den „unabhängigen“ Befunden des forschenden Instituts gesucht, aber nichts Gehaltvolles gefunden. Das hindert unsere Medien aber nicht daran, Mitarbeiter des Instituts als Experten in Radiosendungen zu laden oder deren Allgemeinplätze in Zeitungsartikeln zu zitieren.

Vor einiger Zeit fragte
ein Redakteur von Deutschlandradio Kultur bei mir an und wollte mich als Handschriftexperten live in eine etwa einstündige Sendung zum Thema Handschrift laden. Ich zögerte mit einer Zusage, weil ich seit meinem Schlaganfall trotz Logopädie noch immer nicht zu meiner alten Stimmkraft zurückgefunden habe und leise, eher zögerlich und, wenn ich müde bin, verwaschen spreche. Ich vermute, dass der Redakteur zurückgezuckt ist, als er meine Stimme am Telefon hörte, jedenfalls sagte er mir ab und verkündete stolz, er habe jetzt einen Schreibmotorikforscher. Ich konnte förmlich hören, wie er sich beim Wort die Finger ableckte, als hätte er köstliche Bachblütenessenzen dran. Ich war erleichtert, dass der Kelch an mir vorbeigegangen war, denn ich muss mich solchem Stress nicht aussetzen. Schwan-Stabilo bezahlt mir ja nichts. Aber ich wollte wohl gern wissen, was denn die Schreibmotorikforschung herausgefunden hat, abgesehen vom Allgemeinplatz, dass die kindliche Motorik früh gefördert und trainiert werden soll. Mehr weiß ich aber immer noch nicht. (Eventuell sind die Befunde Betriebsgeheimnis von Schwan-Stabilo, hehe.)

Warum aber das plötzliche Interesse an Handschrift? Darüber nächstens mehr. Ich bin jetzt müde.

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