Über blutende Nasen, Gegenwart und plötzlichen Frühling

Im Jahr 2115 steht hier kein Baum mehr. Im Jahr 2115 gibt es vermutlich nicht mal ein Jahr 2115, jedenfalls niemanden mehr, der die Jahre auf diese Weise zählt. Heute steht vor meiner Nase ein Baum. Er ist freilich gewachsen, bevor ich meine Nase hinbewegt habe, hat quasi ältere Rechte als meine Nase. Was nicht heißen will, dass meine Nase rechtlos ist. Sie ist sogar über mich krankenversichert. Als sie einmal hemmungslos geblutet hat und einfach nicht aufhören wollte, so dass das Waschbecken in meinem Bad aussah, als hätte ich ein Huhn drin geschlachtet, da zahlte die Krankenkasse die Behandlung.

Dabei wollte ich ein Huhn nicht mal anfassen wegen der Milben in seinem Gefieder. Ich hätte Angst, dass das Huhn sich sträubt und sich auf diese Weise mit einer feinen Staubwolke umgeben würde. Die solcherart aus dem Gefieder austretenden Milben drängen in meine Atemluft ein, so dass ich sie beim nächsten Atemzug inhaliere, ungezählte Milben. Es sprächen also Millionen Milben dagegen, ein Huhn im Waschbecken zu schlachten. Jedenfalls hat mich meine heftig blutende Nase damals total beunruhigt, in erster Linie wegen des Kontrastes. Wäre mein Waschbecken rot gewesen, so nasenblutenrot, hätte ich mich sicher nicht so aufgeregt und meine Nase hätte vielleicht aufgehört zu bluten. Ich möchte nicht wissen, wie viele Nasen schon in dieses weiße Becken geblutet haben, nur weil der jeweilige Nasenbesitzer sich aufregte. Das Haus, in dem ich lebe, wurde vor einhundert Jahren gebaut. Damals stand auch der Baum noch nicht dort. Möglicherweise hat meine Nase aber bislang als einzige in dieses Becken geblutet. Sie hörte jedenfalls damit auf, als die Männer von der Feuerwehr mit dem Rettungswagen kamen, mit ihren Sicherheits-Stiefeln beruhigend die Treppe hoch polterten und mich mitnahmen zum Krankenhaus, wo mir eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin zwei fingergroße Tampons in die Nase rammte, wobei sie beschwichtigend sagte: „Da passen acht Stück von diesen Dingern rein. Man glaubt gar nicht, wie groß die Nase ist.“

Eigentlich ist es irreführend zu sagen vor meiner Nase stünde ein Baum und anschließend von ihrem Bluten zu berichten, als hätte ich mir die Nase am Baum gestoßen. Man sagt es aber so: Dem einen wurde ein schnöseliger Vorgesetzter vor die Nase gesetzt, die andere beschwert sich, direkt vor ihrer Nase habe ein Strolch sich entblößt oder ihr was weggeschnappt. Mir ist nicht ganz klar, was die Metapher meint, ich muss nachschlagen. „Ganz dicht vor einem“, schreibt Lutz Röhrich im ‚Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten’ unmittelbar einleuchtend. Bei näherer Betrachtung ist die Nase das am weitesten hervorragende Körperteil des Menschen, zumindest des Mannes, weshalb ja auch scherzhaft vom Gesichtserker gesprochen wird. Das Gegenteil, quasi der rückwärtige Erker ist der Arsch, was eigentlich wie ‚Erker‘, das Herausragende meint. Am Menschen sind also Nase und Arsch das Hervorragende.

Dass das Wort Arsch heute als derb empfunden wird, liegt daran, dass Euphemismen (Hüllwörter) in ihrer Bedeutung absinken können, dann plötzlich nichts mehr verhüllen, sondern selbst anrüchig sind. Womit wir wieder bei der Nase wären. Erst war die blutig, jetzt ist sie verächtlich gerümpft und erschnüffelt das Anrüchige. Letztens machte der Kabarettist Christoph Sieber den Scherz, es gäbe schon eine App, die vor Laternenmasten warnt. Vor der Nase des Unaufmerksamen kann tatsächlich plötzlich ein Mast oder ein Baum auftauchen, so dass er dagegen rennt. Plötzlich steht der Baum da. Einmal habe ich in Abständen von Wochen meinen Küchenbaum gefilmt, also den, der vor meiner Nase steht. Inzwischen ist er so groß, dass er gar nicht mehr in den Kameraausschnitt passen würde. Vergleiche ich den Beginn des Videos und heute, steht der Baum tatsächlich „plötzlich“ groß da wie auch der Frühling im Film plötzlich kommt, vergleichbar dem Frühling 2015, so dass die blöde Bildzeitung schon vom Turbo-Frühling schreibt. Mir ist ein plötzlicher Frühling lieber. Das Wort „plötzlich“ ist beinahe onomatopoetisch, weil es den Mund quasi gleich einer Explosion verlässt. Genauer: Plötzlich ploppt heraus aus dem Mund.

Mein Küchenbaum, Winter bis Frühling 2009.

Wer schon lange
ein- und ausgeht in den verschiedenen Teppichhäusern Trithemius, wundert sich vielleicht darüber, dass man hier nichts Neues liest von Jeremias Coster, dem Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Technischen Hochschule Aachen. Die Wahrheit ist: Der Mann hat sich völlig unvermittelt, also plötzlich erschossen, seine Asche haben wir im letzten Mai auf Hollands höchstem Berg, dem Drielandenpunt, rund um den Stamm einer aufstrebenden Eiche verstreut. Übrig ist jetzt nur noch ein bisschen Asche in einem schwarzen Filmdöschen auf meiner Kommode. Genau! Das habe ich auch gedacht: Das geht doch nicht. Coster kann sich doch nicht so einfach seinen literarischen Pflichten entziehen.

Ich liebe den Zustand des Dämmerns, bevor ich einschlafe. Dann gehen mir völlig selbstständig mich selbst überraschende Gedanken durch den Kopf. Plötzlich sehe ich Jeremias Coster in meinem Bürostuhl sitzen, wie immer liebenswürdig lächelnd. Obwohl mein Bürostuhl noch neu ist, gelingt es Coster, ihm quietschende Geräusche zu entlocken, indem er hin- und herwippt.
Ich mahne: „Das ist kein Schaukelstuhl!“
„Habe ich auch nicht behauptet“, sagt Coster und fährt fort: „Ich hätte Lust, dir etwas mitzuteilen oder mit dir zu besprechen, was ich herausgefunden habe.“ „Da bin ich gespannt.“

„Also pass mal auf! Wir wissen, dass der Mensch sich die Wirklichkeit mit Hilfe der Sprache konstruiert, dass überhaupt jede Weltwahrnehmung, wenn sie bewusst werden soll, zuerst in Sprache gegossen werden muss. Die Versprachlichung einer Wahrnehmung ist quasi eine Form der Selbstmitteilung, eine Übersetzung und Reduktion von geschätzt sekündlich etwa 10.000 Sinneseindrücken sowie einer Unzahl neuronaler Prozesse auf eine fassbare Form. Es versteht sich von selbst, dass diese Abstraktion von Weltwahrnehmung ein höchst subjektiver Akt ist, der objektives Denken so gut wie unmöglich macht. Es gibt offenbar Abstraktionsmechanismen, die von den Absichten (beispielsweise bedingt durch Guten Willen oder Böswilligkeit) und der persönlichen Struktur des Menschen abhängen, (etwa Farbenblindheit oder Schwerhörigkeit, Synästhesie oder absolutes Gehör) und solche, die durch die Struktur einer Sprache bedingt sind, indem sie für einen Sachverhalt fein differenziertes Wortmaterial oder nur grob unterscheidendes zur Verfügung stellt. Der Mensch ist sich seiner Abstraktionsmechanismen kaum bis gar nicht bewusst, so dass er sich bei der Versprachlichung der Illusion hingeben kann, objektiv über seine Welt zu urteilen. Dieser geheime Ordnungs- und Selektionsprozess, lässt uns glauben, die Realität objektiv erleben zu können.“

Coster quietschte wieder ausgiebig mit dem Bürostuhl und fuhr in seinen Ausführungen fort: „Der größte Betrug der Sprache an unserer Weltwahrnehmung ist was?
„Äh, dass wir zu wenige Wörter für Schnee haben?“
„Quatsch! Es ist die Zeitform Präsens. Sie suggeriert, dass es zwischen Vergangenem und Zukünftigem so etwas wie Gegenwart gibt. Dabei ist Gegenwart immer nur plötzlich und dauert nicht länger als die Aussprache von plötzlich. Sobald uns nämlich was bewusst wird, ist es auch schon Vergangenheit.“

Interessant! Aber leider muss ich ganz plötzlich eingeschlafen sein. Und dieser Wachtraum ist jetzt auch schon wieder fünf Wochen alt, obwohl er hier im Blog ganz gegenwärtig erscheint.

Musiktipp
Wankelmut & Emma Louise
My Head is a Jungle

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17 Kommentare zu Über blutende Nasen, Gegenwart und plötzlichen Frühling

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