Editorial – Terug van weggeweest


Liebe Leserin, lieber Leser!
Das niederländische Adverb „terug“ bedeutet wie man sich denken kann „zurück“, aber auch „rückwärts“, weshalb die Rückkehr von einer Reise den Zusatz „van weggeweest“ bekommt. Gut drei Wochen bin ich weg gewesen, gehe nach meiner Rückkehr ein paar Schritte zurück und belebe das Teppichhaus wieder. Drei Wochen war ich quasi ohne Internet, habe in dieser Zeit viel mit der Hand geschrieben, und jetzt drängt es mich, aus den ungezählten Notizen etwas zu machen, bevor ich mich, wie im November angekündigt, neuen Projekten widme.

Frozen shoulder (1)
Mehrfach tauchte der Physiotherapeut Herr Obermeier auf meinem Anwendungsplan auf. Aber immer wieder wurde er vertreten. Ich stellte mir einen kernigen Bayern unter dem Namen vor, hielt nach einem solchen Mann Ausschau, aber Herr Obermeier machte sich so rar wie der Weiße Hirsch. Währenddessen sah ich den einzigen Mann, der Heinrich Heines böser Bemerkung über den typischen Aachener beinah vollkommen entsprach:

„Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengrade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt.“
(Heinrich Heine: Deutschland.
Ein Wintermärchen)

Groß war mein Erstaunen, als dieser Stockfisch mir tatsächlich näher begegnete. Der Mann war Herr Obermeier, und seine Eltern waren nach Aachen zugezogene Bayern. So kann man sich vertun. Der typische Aachener ist ein Bayer. Da Heine nur nach dem Augenschein gegangen ist, dürfen wir vermuten, dass seine satirischen Bemerkungen auf falschen Annahmen beruhen. Sein Prototyp des Aacheners kam vermutlich aus Düsseldorf, hehe. Der Satiriker kann sich nicht an solchen Feinheiten aufhalten, sagt schon der russische Schriftsteller Michail Sostschenko:

” Der Beruf des Satirikers ist eigentlich ziemlich grob,
schreierisch und unsympathisch. Dauernd muss man seiner
Umwelt spöttische Bemerkungen machen, muss derbe Wörter
gebrauchen wie ‘Dummbart’, ‘Taugenichts’, ‘Speichellecker’,
‘zerfleischen’ und so weiter.
Wirklich, dieser Beruf ist manchesmal geeignet, die Zeitgenossen
regelrecht zu vergrätzen. Manche denken sich: Was soll das?
Darf der denn das? Muss das eigentlich sein?”
(Michail Sostschenko, Das Himmelblaubuch)


Fotos und Gestaltung: Trithemius (Größer: Klicken)

Manche schleichen auf leisen Sohlen durch die Kurklinik, so ein Krankenpfleger, der beim Gehen spreizfüßig auf seinen Ballen tanzt. Ich gehe ins Zimmer der Stationsschwester. Heute hat die Dame Dienst, die mit bayerischer Zunge spricht. Sie bremst mich aus mit: “MOMENT!” Und weil ich nicht gleich zurückpralle, blafft sie in ihrer liebenswürdigen Art: „Was wollen Sie?“ „Ich möchte, dass Sie mich für die ‘Gruppengymnastik Schulter-Arm’ bei Herrn Obermeier entschuldigen, weil ich mich nicht gut fühle“, sagt der Faulpelz in mir und hält ihr den Anwendungsplan des Tages hin. Sie mustert ihn stirnrunzelnd und sagt dann zu mir herüber:
„Was soll ich denn hier schreiben?“
„Das weiß ich nicht. SIE sind doch hier Krankenschwester.“
„SIE habe ich nicht gefragt!“, giftet sie.
Der Ballentänzer tritt plötzlich ins Bild und sagt: „Ich schreibe dann: „Patient fühlt sich nicht gut. Und mache mein Kürzel dahinter.“ Offenbar hat er hinter mir gestanden. Konnte ich nicht wissen, wenn er sich so anschleicht. Da muss die blöde Ziege nicht grundlos so unfreundlich sein. Praemenstruelles Syndrom, vermutlich.

Musiktipp
Arcade Fire
Intervention

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14 Antworten auf Editorial – Terug van weggeweest

  1. Ich glaube nicht, dass die Krankenschwester an einem praemenstruellen Syndrom litt. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste in Aachen als Krankenschwester arbeiten, bekomme ich auch miese Laune. Nicht wegen des Berufs. Aber wegen Aachen.

    • trithemius

      Heuwägelschen! Aachen war 25 Jahre meine Heimatstadt, und auch in den letzten drei Wochen habe ich mich dort wohl gefühlt. Die Stadt bietet wenig Grund für schlechte Laune.

      • Bitte verzeih, lieber Trithemius, aber für einen Gag, und sei er noch so schlecht, würde ich meine Großmutter verkaufen. Man hätte auch Gotha, Bielefeld und sogar Hamburg oder München sagen können. Ich hätte diesen miesen Kalauer trotzdem gebracht. Höchstselbst war ich bisher nur ein Mal in Aachen – genau wie Heine auf der Durchreise. Vielleicht erklärt das meine boshafte Respektlosigkeit.

        • trithemius

          Die arme Großmutter. Oben habe ich protestiert, falls Aachener mitlesen. Und deine Oma muss ich bedauern, lieber Olaf, falls Kinder mitlesen.

  2. Überhaupt äußerte sich Heine über Aachen recht abschätzig – ich weiß nicht worin seine Aversion gegen die schöne Stadt wurzelte? Er möchte, so schrieb er, »in diesem langweil’gen Nest« nicht begraben sein, und:

    »Zu Aachen langweilen sich auf der Straß
    Die Hunde, sie flehn untertänig:
    “Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird
    Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.”«

    Da Sie doch lange in Aachen ansässig waren, wissen Sie etwa eine Erklärung für Heines boshafte Zeilen?

    • trithemius

      Heine war ja nur auf der Durchreise. Zudem wird Aachen Mitte des 19.Jahrhunderts recht provinziell gewesen sein, vor allem wegen seiner Grenzlage. Bei den heute offenen Grenzen hat Aachen viele internationale Besucher und wirkt bunt und lebendig. Auch wissen die Menschen des 20.Jahrhunderts die vielerorts zu Tage tretenden historischen Wurzeln Aachens zu schätzen, die Reste römischer Siedlung und karolingischer Herrschaft. Ich habe in meiner Kur viel im Thermalwasser gebadet, das schon die Römer und später die gekrönten Häupter Europas zu schätzen wussten. Hunde sieht man dort eher selten.

  3. Oh! Der Teppich wird wieder weiter geknüpft? Fein, fein …!

    Bayern in Aachen? Ist schon seltsam, daß seit gut zwei Jahren ein niederländisches Fachgeschäft für bayrische Trachtenkleidung in der Aachener Innenstadt erfolgreich am expandieren ist und das ein angesehener bayrisch-stämmiger Zahnarzt plant in 2016 einen bayrischen Biergarten in er Bachstraße zu eröffnen.

    Mit den besten Grüßen und Wünschen

    Peer v.D.

  4. graphodino

    Großer Gott! Bei so was wie “Anwendungsplan” würde ich ja noch Extra-Symptome kriegen! Gute Besserung, Herr Trittenheimer! – Oder Erholung. Oder Rehabilitation. Oder wie auch immer…

    • trithemius

      Man muss darauf gefasst sein, dass man in der Reha so eine Sorte Stundenplan bekommt, den es täglich abzuarbeiten gilt. Aber letztlich ist es nicht schlimm, wenn einem einmal der Tag strukturiert wird. Der Heilungserfolg ist die Belohnung.
      Danke für die guten Wünsche, Herr Koske. Mir hat die Kur geholfen.

      • graphodino

        … somit steht Trittenheim vor der Erhebung ins Kurfürstentum…

        (… ich weiß, was das ist… – das ist für mich “Unterdrückung” – ich packe das nicht mit der Selbststrukturierung… ach, ach… aber das nur wieder am Rande…)

        • trithemius

          Ich weiß, was du meinst. So ein fremdbestimmter Stundenplan reizt auch mich zu einer schwer zu überwindenden Protesthaltung.

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