Charlie Hebdo, Pegida, „Lügenpresse“ und wir – Versuch einer Bestandsaufnahme


Nachdem die
Solidaritätswelle „Ich bin Charlie“ abgeebbt und selbst der Prophet „Charlie“ ist, wie auf der jüngsten Ausgabe von Charlie Hebdo provokant zu sehen und zu lesen ist, will ich versuchen, mein Unbehagen zu formulieren und genauer hinzuschauen.

Jeder, der sich zu den Morden von Paris äußert, vor allem wenn er eine kritische Stimme erheben will, scheint zunächst beteuern zu müssen, dass der Terroranschlag ein abscheuliches Verbrechen und durch nichts zu rechtfertigen ist. Als wäre das nicht selbstverständlich.

Dass man überhaupt seinen Abscheu kundtun und Mitleidsbekundungen hinterherschieben muss, ist wohl aus der Einsicht geboren, dass wir Folter, Mord und Terror sehr oft einfach nur zur Kenntnis nehmen, ohne betroffen zu sein und ohne dass unsere politische Elite händchenhaltend in der ersten Reihe von potemkinschen Trauerumzügen trippelt und sich in der medialen Aufmerksamkeit sonnt.

Wenn eine US-amerikanische Rakete in Afghanistan im so genannten „Krieg gegen den Terror“ versehentlich eine Hochzeitgesellschaft trifft und einen Freudentag zum Gräuel von zerfetzten Leibern verkehrt, dann durchziehen unsere Gesellschaft keine Wellen des Mitleids und der Solidarität. Wenn solch verheerende „Kollateralschäden“ sogar die handwerkliche Fehlleistung eines Bundeswehrobersten ist, sind wir allenfalls ein bisschen beschämt. Unsere Solidarität, unser Mitgefühl beschränkt sich auf die Forderung nach „Aufklärung“. Hier geben unsere Leitmedien den Takt vor. Sie unterscheiden zwischen den Toten in zu betrauern oder zu bedauern, stehen neben den einen Toten wie Rotz und Wasser heulende Kinder, neben den anderen mit dem Schulterzucken von „Shit happens“.

Erst wenn die Medien die Trommeln rühren, entstehen reflexhaft Wellen der Betroffenheit und Solidarität. Dann will plötzlich jeder „Charlie“ sein. Das klingt ja auch so hübsch, dass Eltern ihre Kinder mit „Je-suis-Charlie-Schildern ausgestattet und mit zur Anti-Pegida-Demo genommen haben, wie in Hannover zu sehen, obwohl die Karikaturisten weiß Gott keine Kinderbücher gezeichnet haben. Aber es passt. Die Masse verhält sich wie ein unmündiges Kind, das glaubt, tierlieb zu sein, weil es ein Kaninchen streichelt und hernach bedenkenlos ein Wurstbrot verzehrt. Es ist halt irregeleitet, weil auf der Scheibe Wurst ein lachendes Gesicht zu sehen ist. Offenbar sind weite Teile der Bevölkerung im Denken und Fühlen nicht über das kindliche Vermögen hinaus gekommen. Ihre Bewertungen und Urteile sind überwiegend Bauchentscheidungen. („Aber die Gesichtswurst schmeckt doch so gut!“)

Das scheint vor allem für die Anhänger von Pegida zu gelten. Wie sonst ist zu erklären, dass sie Weihnachtslieder absingen und sich gleichzeitig ganz brutal dem christlichen Gebot der Nächstenliebe verschließen. Sie erkennen nicht, dass es peinlich und heuchlerisch ist, einen Trauerflor spazieren zu tragen, und den Mord an den Charlie-Hebdo-Zeichnern zu instrumentalisieren. Werden sie auf den Widerspruch hingewiesen, verstärkt das sogar ihre Meinung, richtig zu handeln und einzig und allein auf der Seite des Guten zu stehen. Folglich bekam auch Oliver Köhr vom ARD-Studio Berlin heftigen Gegenwind, als er der Pegida-Bewegung in einem Kommentar zurief: „Nein ihr seid nicht Charlie!“

Im Forum sucht User ‚keinrichtigimfalsch’ den Schulterschluss und fragt: „bürger ,wollt ihr es zulassen, dass in ts und heute zehntausende mitbürger so ohne weiteres einfach „islamfeindlich“ kategorisiert und diskreditiert werden?“ Dieses Heischen um Zustimmung klingt nach Pausenhofzusammenrottung. Was genau will User ‚keinrichtigimfalsch’? Was sollen die aufgerufenen und beleidigten Bürger tun? Etwa als Mob das Tagesschaustudio stürmen? Wir können übrigens unbesehen sagen: User ‚keinrichtigimfalsch’ ist NICHT Adorno. O Mann, es geht hier alles durcheinander. Warum nennt sich der Mensch nach einer berühmten Adorno-Aussage? Er kann dies tun, weil inzwischen alles, auch die Frage nach richtig und falsch, banalisiert wurde. Wo Sprache zur Phrase geworden ist, kann sie auch nicht mehr als Instrument der kritischen Unterscheidung dienen. Diese sprachliche Verlotterung ist ein Zeichen der moralischen Verkommenheit unserer Gesellschaft. Mag sein, dass die Pegida-Leute mangels sprachlichem Differenzierungsvermögen ihren Unmut am falschen Thema festmachen, aber unbehaglich fühlen sie sich zu Recht.

Es ist einiges faul in dieser Gesellschaft. Die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die gesellschaftliche Stigmatisierung von Arbeitslosigkeit und Armut, der Ausverkauf von Volksvermögen durch Privatisierung, die Aufweichung demokratischer Grundrechte durch gewählte Politiker stinken zum Himmel. In der Abschottung der reichen und mächtigen Oberklasse vom ständig in allen Lebensverhältnissen bedrohten Rest haben wir nämlich die eigentliche Parallelgesellschaft, an der unser Sozialwesen krankt. Man erwarte nicht, dass ich all die Fehlentwicklungen aufzähle, die Metastasen des Übels, die unsere Gesellschaft durchziehen, denn das hier ist ein Blogeintrag und folgt dem Gebot der Knappheit. Außerdem fehlen mir die Ressourcen einer großen Redaktion, die den ganzen Dreck zusammentragen könnte.

Womit wir bei der Rolle unserer Medien sind. „Lügenpresse“ skandiert Pegida. Zu Unrecht, finden unsere Medien und konstatieren zufrieden, dass „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres gekürt wurde. (Ich finde es übrigens immer noch kurios, dass hierzulande Wörter gekürt werden wie Frankfurter Würste. Das Unwort ist freilich der Negativpreis wie für das schmuddeligste Bushofklo.) Die herausragenden Vertreter der so gescholtenen Presse waren sich auch nicht zu schade, die Morde an Mitarbeitern von Charlie Hebdo zu instrumentalisieren und umzudeuten zu Anschlägen auf die Pressefreiheit. Die Methode ist kannibalistisch. Da liegen Menschen in ihrem Blut, und jeder will davon abhaben.

Natürlich ist die Pressefreiheit ein hohes demokratisches Gut, das unabhängig von Charlie Hebdos brutalem Witz besteht. Und natürlich können die Leitmedien sich nicht mit dem Blut der Ermordeten reinwaschen. Die Kritik am Zustand unserer Presse besteht in großen Teilen zu Recht. Abgesehen von handwerklichen Defiziten stimmt mehr denn je, was der Journalist Paul Sethe bereits 1965 im Leserbrief an den Spiegel geschrieben hat: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Wie können die Lohnschreiber erwarten, dass man ihnen noch vertraut, wenn die Kumpanei mit den Eliten immer unverhohlener ausgelebt wird. Offenbar haben sie die Pressefreiheit nicht im ausreichenden Maß zur Aufklärung genutzt, sondern allzu oft zur Propaganda und Desinformation. Wäre es anders, müssten wir eine kluge Gesellschaft haben, aus deren Mitte keine Pegidabewegung, keine AfD, keine NPD entstehen könnte.

Doch allzuschlecht ist es nicht bestellt, angesichts der vielen kritisch denkenden Menschen, die in Demonstrationen Position beziehen, sich in klugen Leserbriefen und im Internet zu Wort melden wie hier und hier. Die Herrenreiter in unseren Leitmedien sollten das nicht beleidigt beklagen, sondern erfreut verzeichnen, dass die Leute so kritsch sind, nicht wegen der Presse, sondern trotzdem.

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7 Kommentare zu Charlie Hebdo, Pegida, „Lügenpresse“ und wir – Versuch einer Bestandsaufnahme

  1. Chapeau! Du hast nicht zu viel versprochen. Vielen Dank für die treffende Analyse, die mir einmal mehr mit ein hilflosen Gefühl beschert. Ab hier will ich gerne weiterdenken und nach Lösungen suchen, wobei gewiss ist, dass spätestens dann die Hilflosigkeit zurück kommen wird. Denn Lösungen sind genauso wenig gefragt, wie konstruktive Kritik, weil generell alles stört, was am Bestehenden rüttelt.

    Weil Du den Journalist Paul Sethe mit einem Zitat aus dem Jahr 1965 anführst… Kennst Du John Swinton?

    John Swinton (12.12.1829 – 15.12.1901) war ein in Schottland geborener US-amerikanischer Journalist, Zeitungspublizist und Redner. Als jemand 1880 auf einem Bankett, welches die Führer der Zeitungszunft für John Swinton höchstselbst ausrichteten, ehrende Worte über die unabhängige Presse sprach, entgegnete ihm John Swinton folgendes:

    “So etwas gibt es bis zum heutigen Tage nicht in der Weltgeschichte, auch nicht in Amerika: eine unabhängige Presse. Sie wissen das, und ich weiß das. Es gibt hier nicht einen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. Und wenn er es täte, wüsste er vorher bereits, dass sie niemals im Druck erschiene. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, dass ich meine ehrliche Meinung aus dem Blatt, mit dem ich verbunden bin, heraushalte. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Bezahlung für ähnliche Dinge, und wenn Sie so verrückt wären, Ihre ehrliche Meinung zu schreiben, würden Sie umgehend auf der Straße landen, um sich einen neuen Job zu suchen. Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, schlankweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs. Sie wissen das, und ich weiß das, also was soll das verrückte Lobreden auf eine freie Presse? Wir sind Werkzeuge und Vasallen von reichen Männern hinter der Szene. Wir sind Marionetten. Sie ziehen die Strippen, und wir tanzen an den Strippen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben stehen allesamt im Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.”

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/John_Swinton#Journalistische_Karriere

    • trithemius

      Hallo Olaf,

      Hilflosigkeit will ich keinesfalls verbreiten. Ein Schritt voran ist schon, wenn wir uns in der Analyse einig sind. Allerdings finde ich auch: wie die negativen Entwicklungen sich beschleunigen, ist schon atemberaubend. Das Swinton-Zitat ist grandios. Vielen Dank, dass du es fürs Teppichhaus rausgesucht hast. Mir fällt dazu die bissige Bemerkung von Ambrose Bierce ein:
      Erfrischend, adj. – Einen Menschen treffen, der alles glaubt, was in den Zeitungen steht.“ Ambrose Bierce; Des Teufels Wörterbuch

      Bedauerlicher Weise traut sich ja keine der heutigen „Edelfedern“ das von Swinton und Sethe angesprochene Problem aufzugreifen. Man sitzt einfach zu bequem auf Ressortleiter- oder Chefredakteursposten. Wer keinen festen Job hat als „freier“ Journalist, darf erst recht nichts sagen, was ihm die Türen für immer verschließen würde.

  2. iGing

    Nach der Lektüre dieses Beitrags: Erleichtertes Aufatmen! Man kann also doch noch mit vorurteilsfreier Distanz auftreten oder sich wenigstens darum bemühen. Das sticht sehr wohltuend von dem übrigen Solidarisierungsgequake ab und es freut mich, dass noch jemand bei seinen eigenen Empfindungen und somit normal geblieben ist.

  3. Pingback: Lieblinks (2) | Wortmischer

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