Charlie Hebdo, Mopo und Pegida

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn ich sehe, wer plötzlich alles „Charlie“ ist. Dabei können wir getrost davon ausgehen, dass die meisten Bekenntnisse von Leuten kommen, die Charlie Hebdo niemals zuvor gelesen haben. Ich kenne die Karikaturen einiger der ermordeten Zeichner aus den 70er Jahren, den Zeiten des Vorgängerblattes: „Hara-Kiri“. Mir hat der brachiale Zeichenstil nie zugesagt, und deren Witz ist mir oft zu platt gewesen. Wenn ich jetzt die Beispiele von Charlie Hebdo mir ansehe, geht’s mir ähnlich. Eine deutsche Ausgabe von Charlie Hebdo würde am Zeitschriftenmarkt nicht bestehen, vor allem wäre sie andauernd indiziert.

Die großmauligen Solidaritätsbekundungen aus Gesellschaft, Medien und Politik dürfen uns nicht darüber hinweg täuschen, dass hierzulande Satire eben nicht „alles“ darf, vor allem nicht, wenn die religiösen Gefühle von Christen verletzt werden. Zu erinnern wäre an die Skandale um kirchenkritische Titanictitel:


Man schaue sich nur das Zensur-Archiv bei Wikipedia an.

Bei den Morden von Paris ging es angeblich um verletzte religiöse Gefühle von Muslimen. Das jedenfalls wird schlankweg behauptet. Die Täter kann man ja nicht mehr befragen. Sie sind passender Weise tot. Obwohl alles klar zu sein scheint, ist bei nüchterner Betrachtung eben nicht geklärt, was beispielsweise die Hamburger Morgenpost auf ihrem Titel behauptet:



Am gestrigen
Sonntag meldete der NDR: ‚Brandanschlag auf die ‚Hamburger Morgenpost’ „In der Nacht zum Sonntag waren kurz vor 2.30 Uhr von einem Hinterhof aus Steine und ein Brandsatz in das Archiv der Zeitung geworfen worden. Einige Akten verbrannten, verletzt wurde niemand. Zwei Männer im Alter von 35 und 39 Jahren wurden kurz nach dem Anschlag in einer S-Bahn festgenommen. Sie waren zuvor im Bahnhof Bahrenfeld – wenige Hundert Meter vom „Mopo“-Gebäude entfernt – vor Polizisten davongelaufen. „Wir haben aber noch keine konkreteren Hinweise, ob die Männer überhaupt im Zusammenhang mit der Tat stehen“, sagte Streiber weiter. Der Staatsschutz ermittelt; die Verdächtigen werden vernommen.“ (NDR)

Nichts Genaues weiß
man nicht. Zu blöd, dass die Täter ihre Personalausweise nicht am Tatort verloren haben. Wenn man die Frage stellt, wer ein Interesse daran hätte, dass die Dinge eskalieren, ist der mögliche Täterkreis unwägbar groß. Im Forum von ARD.de war dagegen schon am Sonntag für User „astra1“ alles klar: „Morgen müßte in jeder Zeitung eine islamkritische Karikatur sein . oder wollen wir uns vor dem Ilamistischen Mordgesellen beugen!!!!!!“ (Rechtschreibung im Original)

Mich gruseln Wortwahl, das vergessene „s“ und die sechs Ausrufezeichen hinter „Ilamitischen Mordgesellen“ Hier hat das Denken ausgesetzt, und es regieren Gefühle, die ich lieber nicht haben möchte. In dieser Stimmung mag sich der Mob zusammenrotten und mal eben einen zufällig vorbei kommenden Moslem lynchen. Der Mob hat ja einen Namen, PEGIDA, und entblödet sich nicht, die Morde an den französischen Karikaturisten zu instrumentalisieren. Naja, Empathie kann man von diesen Leuten nicht erwarten, es traf ja nur Ausländer. Heute wehren sich französische Karikaturisten gegen die schmuddelige Vereinnahmung, wie Tagesschau.de meldet.

Angesichts der vielen
Trittbrettfahrer in der Politik, die jetzt im Trüben fischen oder die Chance sehen, weitere Grundrechte einzuschränken, wieder von Vorratsdatenspeicherung“ schwadronieren, angesichts der Schützenhilfe durch unsere Presse, die wie die Bildzeitung jetzt tönt, dass die flächendeckende Überwachung der Bevölkerung durch die NSA doch ganz gut ist, um unsere Sicherheit zu gewährleisten, sollten wir unseren Verstand eingeschaltet lassen und bedenken, dass jeder Terrorakt diesen Leuten in die Hände spielt, so dass wir uns fragen müssen, wer eigentlich hinter allem steckt.

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12 Kommentare zu Charlie Hebdo, Mopo und Pegida

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