Einladung in die Schreibstube

Die Schreibstube
Eine wissenschaftliche Erzählung in wer weiß wie viel Folgen

Früher war mein Arbeitsplatz schmal. Aber nachdem ich in der Hierarchie der Schreiber ein ganz klein wenig aufgestiegen bin, und das auch nur, weil der Vorsteher des Schreibkontors den Beller entlassen hat, ist mein Schreibplatz viel zu groß. Weil soviel Platz ist, stapeln sich links und rechts meiner grünen Halda-Schreibmaschine die Dinge, Unterlagen für Arbeiten, die noch zu erledigen sind, Relikte abgeschlossener Arbeiten, aber auch diverse Sachen, die irgendwann einmal für einen Zweck vorgesehen waren, jetzt aber zu nichts nutze sind und einfach nur daliegen. So ein Arbeitstisch ist ja ein Medium. Und alle Medien neigen dazu, sich quasi selbstständig mit Inhalten zu füllen.

Es ist jetzt eine Weile vergangen, seit mir Bellers Platz zugewiesen wurde. Ich bin froh, dass der Vorsteher den Beller gefeuert hat, nicht weil ich den Platz unbedingt haben wollte, sondern weil das Gebell kaum noch zu ertragen war. Eigentlich war der Beller ein fleißiger und, wie ihm alle seine bisherigen Vorgesetzten bescheinigt hatten, fähiger Mitarbeiter, ein schmaler Mann mit dünnen, stark behaarten Armen und eckigen Schultern. Doch gelegentlich unterliefen ihm ganz unvermittelt kleine dumme Fehler. Ihn darauf hinzuweisen und eine Korrektur zu erwarten, war gewagt. Denn jeder Anflug eines Tadels versetzte den Beller in höchsten Aufruhr, und bei seinen wortreichen Entschuldigungen verlor er die Kontrolle über seine Stimme. Sie wurde immer höher und lauter und begann sich bald vor Aufregung zu überschlagen, um am Ende ganz zu brechen, so dass die heraus gestoßenen Silben und Wörter einem heiseren Bellen glichen. Keine Ermahnung, kein beruhigendes Wort erreichten ihn jetzt noch. Er war nicht zurückzuhalten, sondern musste laut und anhaltend bellen. Es klang so unheimlich und gleichsam jämmerlich, dass es alle Mitarbeiter verstörte. Namentlich die Frauen wollten weglaufen. Wenn er bellte, war er überdies schrecklich anzusehen, die blasse Haut wurde von hektischen rosaroten Flecken überzogen. Das kläffende Gesicht war zur Grimasse verzerrt. Die schwarzen pisseligen Haare klebten ihm auf der blanken Stirn, und plötzlich war die Luft vom sauren Gestank seines Angstschweißes erfüllt. Jetzt ist er glücklich weg. Wir werden seinen Namen nicht mehr erfahren.

Obwohl sein Geruch hartnäckig im Kontor hängen geblieben war, hat er sich jetzt auch an seinem alten Arbeitsplatz verloren. Unter dem Tisch, der eigentlich nur aus einem aufgebockten festen Brett besteht, führt ein dickes Heizungsrohr vorbei, woran ich mir gelegentlich die Fußsohlen wärme, denn jetzt im Herbst plätschert anheimelnd heißes Wasser hindurch. Wenn ich zur Wand hoch schaue, habe ich ein Fenster mit Milchglas vor mir, das von innen mit einem Stückwerk aus hellbrauner Pappe zugemacht ist. Dahinter hat der Betreiber des angrenzenden Kerzenladens sein Büro. Manchmal höre ich ihn laut telefonieren. Meistens zankt er mit seinen Lieferanten. Offenbar steht er kurz vor dem Ruin. Ich verstehe das nicht. Sein schmaler Laden ist immer voll. Besonders zur dunklen Jahreszeit drücken sich immer ein paar Nonnen in der Kerzenabteilung rum. Und Priester sieht man andächtig die Devotionalien betrachten, aber auch normale Kunden stehen zahlreich an der Ladentheke an.

Plötzlich ruft drüben eine Frauenstimme: „Gutten Taag!“ Ich weiß, die Stimme gehört der Putzfrau Senta, einer drallen Spanierin. Da, ein Klatschen. Senta schreit auf und ruft: „Alte Sau!“ Die alte Sau lacht meckernd und ruft lüstern: „Komm her, Sentalein, du geiler Brummer! Komm auf meinen Schoß, damit ich dich mal so richtig abgreifen kann!“ „Nein! Lass mich! Ich sage alles meine Mann!“

Wie soll ich mich da auf meine Arbeit konzentrieren? Ich bin ja noch ein Jüngling und in diesen Dingen unerfahren. Aber ich weiß von einem Missverhältnis. Im Laden unten liebkosen fromme Nonnen dicke Kerzen, Priester betasten mit ihren warmen Fingerkuppen ganz behutsam gläserne Marienfiguren, derweil vor mir im Hinterzimmer die pure Notzucht! Einmal in der Woche wischt Senta auch unser Kontor feucht durch. Deshalb haben wir nicht viel Staub bei uns. Nein, kaum Staub.

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