Konnotationen² und Akzeptanz der Orthographie

„Ich weis schier nicht, was daraus werden will zu letzt, ich zu meinem theyl wais schier nicht, wie ich meine Schulers leren sol, der vrsachen halben, das yetzunder, wo ynser drey oder vier Deutsche schreibers zusamen koment, hat yeder ein sonderlichen gebrauch. Der ein schreibt ch, der andere c, der dritte k, wollte Gott, dass es darhyn komen möchte, das die Kunst des schreibens einmal wieder in rechten prauch komen möchte“,

schreibt der Schreibmeister Hans Fabritius im Jahr 1531 in seinem Büchlein: etlicher gleichstymender worther, aber ungleichs Verstandes

Aus diesem Stoßseufzer ist der Wunsch nach einer einheitlichen Orthographie ablesbar. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Orthographie noch in den Händen der Schreibmeister lag, das heißt, das Formen der Buchstaben (Kalligraphie) und die Orthographie waren noch eins. Ähnliches galt für die Drucker und Schriftsetzer. Sie entschieden, wie ein Druckwerk auszusehen hatte (Typographie) und wie die Ordnung innerhalb der Schriftsprache zu sein hatte (Orthographie). Mehr zum Thema: Die Orthographie ist nicht vom Himmel gefallen

Es ist also in den Anfängen unserer Schriftsprache recht wüst zugegangen. Selbst innerhalb eines Textes konnte ein Wort mal so, mal so geschrieben werden. Abschreiber oder Schriftsetzer, die ja beide auf Geschwindigkeit aus waren, konnten wohl kaum unter solchen Bedingungen System in ihre Orthographie bringen. Die Rückkehr zu einem „rechten Gebrauch“ wie Fabritius sie von Gott erbittet, war nämlich unmöglich, da es diesen rechten Gebrauch zuvor nie gegeben hat. Es ist geradezu ein Wunder, dass sich überhaupt etwas wie eine systematische Orthographie hat entwickeln lassen. Konrad Duden kommt das Verdienst zu, diese Herkulesaufgabe bewältigt zu haben und Ordnung in diesen Wust an Willkür von Schreibweisen, zu bringen, in die „wertlosen Einfälle von Schreiberknechten“, wie der dänische Linguist Otto Jespersen schreibt, aber auch zu wählen aus der Fülle der Varianten in den Hausorthographien der Kontore, Druckereien, Schulen und Universitäten. Natürlich hat es vor Duden schon ausgearbeitete Orthographien gegeben, beginnend mit der Verbreitung des Buchdrucks. Beispielsweise (unvollständige Auswahl aus: Nerius, Dieter, Hrsg.: Deutsche Orthographie (1987):

Johann Rudolf Sattler (1617): Teutsche Orthographey und Phraesologey;
Justus Georg Schottel (1663): Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haubt Sprache;
Johann Christoph Gottsched (1748): Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst;
Friedrich Gottlieb Klopstock (1778: Über deutsche Rechtschreibung;
Johann Christoph Adelung (1788): Vollständige Anweisung zur deutschen Orthographie;
Johann Christian August Heyse (1814): Ausführliches Lehrbuch der deutschen Sprache;
Rudolf v. Raumer (1855): Ueber deutsche Rechtschreibung.

Das Problem waren nicht die vielen Vorläufer unserer Orthographie, sondern es war die „Buntscheckigkeit“ (Konrad Duden), bedingt durch eine fehlende Allgemeingültigkeit.

Dass es einen „rechen Gebrauch“ der Schreibkunst in der Vergangenheit nicht gegeben und auch Gott sich nicht um unsere Orthographie bemüht hat, ist gewiss für manchen eine Ernüchterung, geradezu eine Entzauberung der Orthographie. Die Idee von einer einzig richtigen Wortgestalt hat sprachmagische Wurzeln. Vermutlich liegt hier eine Übertragung vom Ur-Hebräischen auf die Alphabetschrift vor. In der hebräischen Mythologie gibt es die Vorstellung von den wahren Bezeichnungen für die Dinge, deren Form durch Laut und Schrift bestimmt ist. Da dort die Buchstaben gleichzeitig Zahlzeichen sind und diese Zahlzeichen die wahren Verhältnisse und Proportionen der Schöpfung bezeichnen, darf an der Form der Wörter natürlich nichts geändert werden.
Dieses magische Verhältnis schwingt mit bei der Idee einer „richtigen“, naturgegebenen Schreibweise und drückt sich auch aus in dem Wort „Rechtschreibung“, wie eben recht und richtig geschrieben wird. Demgemäß ist die Fixierung auf Orthographie primitiver Wortaberglaube.

Überdies kommt es durch die Vertrautheit mit Wortbildern zu einer Gleichsetzung von Form und Inhalt, die bildhafte Vorstellung wird quasi übermächtig und prägt Konnotationen². So behauptete einmal ein Leserbriefschreiber in der FAZ, das Wort Meer dürfe man nicht seines Doppelvokals berauben. Ohne das Dehnungszeichen „ee“ würde „Meer“ den Eindruck der Weite nicht mehr vermitteln.

Man kann diese Behauptung leicht widerlegen. In Wahrheit geht es hier um Gewöhnung an ein Wortbild. Beim Wort „Wal“ fehlt beispielsweise ein Dehnungszeichen. Trotzdem denkt man beim Lesen von „Wal“ an ein ziemlich großes Säugetier. Nach der Theorie des Leserbriefschreibers müssten wir „Waal“ schreiben. Auch kann ein Tal sehr tief und weit sein. Wäre Taal in Angleichung an den ähnlichen Laut in „Saal“ wirklich passender?

Das Festhalten an einer bestimmten Schreibweise ist völlig legitim. Der einfache Schriftbenutzer unterwirft sich einem vertrauten Wortbild. Er wird jede Veränderung, auch eine objektive Verbesserung subjektiv zunächst als Verschlechterung erleben, weil sie seine Vorstellungen zerstört und ihm die Schrift entfremdet.

Vertiefen: Dies ist keine Pfeife.

Musiktipp
Damon Albarn
Mr Tembo

Wer ist Mr Tembo? Ein kleiner Elefant.“Tembo“ bedeutet „Elefant“ auf Suaheli.

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