Volontär Schmocks Trendkompass „Ohne Worte“

„Es ist einfach Wahnsinn.“ (André Schürrle)

Der Mann mit dickem Bauch im sportlichen Outfit, kommt grußlos in den Wartebereich der Physiotherapiepraxis, reißt sich die Regenjacke runter, sinkt schnaufend in einen Sessel, greift nach der Bildzeitung, blättert schnaufend drin rum, entdeckt sich plötzlich als Sozialwesen und schnauft zu mir rüber: „Was ist das heute schwül!“ Ich antworte: nichts, denn was habe ich zu reden mit einem, der beim Eintreten nicht gegrüßt hat? Außerdem finde ich es gar nicht schwül, nur zu nass.

Er knüllt die Bildzeitung zusammen und zieht seine Regenjacke wieder an, weil er die „Bild abwaschen“ will, womit er wohl die Druckerschwärze meint, und sagt im Rausgehen zu mir: „Man darf nichts liegen lassen.“ Ich antworte wieder nicht. Diesmal weiß ich echt nicht, was ich sagen soll. Als ob einer hier im Raum ein Interesse an seiner schmantigen Jacke hätte. Er fragt: „Sprechen Sie kein Deutsch?“ „Doch!“ Eigentlich hätte ich sagen wollen: Nicht Ihr Deutsch. Außerdem rede ich nicht mit einem, der beim Reinkommen vergisst zu grüßen. Zudem ist das Misstrauen wegen der doofen Regenjacke eine Beleidigung.“ Aber wozu die Mühe? „Doch!“ ist schon viel mehr als das „ohne Worte“ seiner Lektüre.

„7:1 Ohne Worte!“ Dass Bild mal beinah die Schnauze hält – wie wunderbar! Obwohl „ohne Worte“ ja eigentlich den harmlosen Bilderwitzchen gehört, die man früher in der Bäckerblume finden konnte. Die übrige Journaille feiert den „worldwide wahnsinn“, der mit 25 Millionen Tweets zum besagten Fußballspiel durch Twitter gerauscht ist. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, gelernter Journalist, sagte im ARD-Interview zum 7:1-Sieg der deutschen gegen die brasilianische Fußballnationalmannschaft:

„Da gehen einem die Adjektive aus. Das ist märchenhaft, wunderbar, schön, einfach nur toll – ich möchte am liebsten einfach nur ausflippen…“

Will sagen, die Grenzen der Sprache verlassen und tanzen, springen, den Hund aus dem Fenster werfen, alten Omas über die Straße helfen, ein Bäuerchen machen – solche verrückten Dinge. Wie kommt es, dass das Ergebnis eines Fußballspiels an die Grenzen der Sprache stößt, wo die Adjektive fehlen und alles nur noch „Wahnsinn“ ist? Das erinnert an das Wahnsinn-Wahnsinn-Gestammel der DDR-Bürger 1989 bei der Maueröffnung, was noch zu verstehen war als Folge jahrzehntelanger Gehirnwäsche mit SED-Sprachfloskeln. Offenbar macht der inflationäre Gebrauch von Superlativen sprachlos.

Das Versagen der brasilianischen Nationalmannschaft hat noch am besten der Humorist Jan Bömermann erklärt. Die Brasilianer seien „dehydriert“ gewesen vom vielen Weinen. Jedenfalls muss eine Gesellschaft ziemlich krank sein, die kollektiv in tiefe Verzweiflung gestürzt wird, wenn ihre Fußballmannschaft ein Spiel verliert.


Literweise Flüssigkeitsverlust – ein Amazonas von Tränen – Aufgefangen von: Trithemius

Gibt es denn gar kein intelligentes Leben mehr auf diesem Planeten? Außerirdische wollen so freundlich sein, die Blogcommunity als Beispiel zu nehmen. Soweit ich das überblicken konnte, bei Blog.de und bei Twoday.net ist da niemand infiziert. In den Blogs zeigt sich quasi eine wertkonservative Abgeklärtheit.

Was das menschliche
Verstehen übersteigt, wird gern mit Floskeln belegt, die eigentlich geistige Verwirrung meinen. Verrückt! In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts begannen progressive Eltern ihr Kind über den grünen Klee zu loben, und wenn es ein Wind gelassen hatte, wurde sogleich gerufen: „Das hast du aber toll gemacht!“ Toll! Toll! Toller Furz!“ Gegen diese verliebte Tollwut wurde leider nie geimpft. Diese Leute waren selbst mit „irre“ aufgewachsen. Erst spätere Generationen verließen den Bereich des Beklopptseins und widmeten ein Wort um, das ältere noch immer nicht in der Öffentlichkeit gebrauchen mögen: „Geil“, Wo „geil“ nicht mehr ausreicht, gibt es „supergeil“ oder affengeil oder die Kombination „superaffengeil“.



So schön kann Schule sein – kranker Scheiß!

Dass dem Wort
„geil“ aber noch immer eine sexuelle Note anhaftet, zeigt dieser YouTube-Viralhit bei 1:33, worin der Lehrer von „super Kurven, supergeil“ schwärmt, die als Graph an der Tafel stehen, aber auch die Schülerin im Hintergrund meinen könnte.

Dieser Beitrag wurde unter Trendkompass abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Kommentare zu Volontär Schmocks Trendkompass „Ohne Worte“

  1. Lo

    Doch.
    Da fällt mir ein, dass die Ostzonenbürger gern und reichlich das Wort „einwandfrei“ gebrauchen.
    Wenn auch nicht immer in einwandfreiem Hochdeutsch.
    Liebe Grüße!

    • trithemius

      „Einwandfrei“ Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Ich hatte aber auch vor der Maueröffnung gar keine Kontakte „drüben“.

      Schöne Grüße zurück!

      • Das ist korrekt. Als ich noch ziemlich klein war und der Sprache nur durch Hören mächtig geworden, sagte ich immer „einmannfrei“, weil ich es einfach nicht besser verstanden hatte und sowieso nur nachplapperte, was ich so hörte. Niemand störte sich daran, bis ich lesen und schreiben konnte, dann störte es mich. Und weil ich den Dialekt nicht abschalten konnte, der aus dem „einwandfrei“ ein „einmannfrei“ machte, sagte ich dann immer was anderes, so etwas wie „gut“ zum Beispiel.
        Heute sage ich stattdessen auch schon mal „juti“ und denke dabei nicht ohne Hintergedanken an die folgende Generation, die mir so unreflektiert nachplappert;)

        • trithemius

          Danke für den Kurzbericht! „Gut“ finde ich gut. „Juti“ wird sich gewiss verbreiten, weil du ja für genug Nachwuchs gesorgt hast. Als Lehrer kannst du erst recht weitermachen.

  2. Unser Mathelehrer meinte mal, dass Integralzeichen sehe aus wie ein hübsch geschwungenes Frauenhaar. Das ging mir nie aus den Sinn. In der Abi-Zeitung hatte ich den Satz „ohne Worte“ zitiert gehabt.
    Und wenn der Niersbach androht, er wolle ausflippen (oder ähnliches), dann erinnert es mich an die Zeichentrickfigur „Drops“ (oder so ähnlich): jener Hund, der wie eine Schlaftablette im Wilden Westen „aufräumte“, der so langsam war, dass ihn Schnecken überholten und der ein Temperament von zig Tassen Baldrian hatte. Aber wenn er dann mal ausflippte – so umgerechnet zwei Sekunden lang – dann flippte er komplett aus. Für zwei Sekunden. Und dann war er wieder ganz Schlaftablette. Mir schaudert beim Gedanken, dass Niersbach gleiches veranstalten könnte …

    • trithemius

      Mathe kann also eine erotische Komponente haben. Hat sich mir leider nie erschlossen. Was hast du denn in der Abi-Zeitung über über „ohne Worte“ geschrieben? Drops, den Schneckenhund, kenne ich leider nicht, aber ich kanns mir vorstellen. Niersbach, hab ich jetzt zufällig gesehen, ist wie ich in Nettesheim geboren. Mir ist aber nie ein Wolfgang Niersbach begegnet. Vielleicht war er zu langsam?

  3. Wo die Ausrichtung eines Ballbewerbs eine Nation vor allerlei gesellschaftliche Probleme stellt, da erwartet der ballbewerbsinteressierte Teil der Bürger doch wohl zumindest den Sieg der heimischen Mannschaft. Man sollte das wie beim ESC machen – wer gewinnt, richtet aus. Dann vergössen die Brasilianer Freudentränen, wenn sie verlören. 🙂

    • trithemius

      Gute Idee, wird aber nicht gemacht. Dann würden bei der Vergabe keine Bestechungsgelder fließen und die FIFA-Funktionäre bräuchten andere kriminelle Einnahmequellen. Dass bei einem frühzeitigen Ausscheiden der Fußballmannschaft in Brasilien all die gesellschaftlichen Probleme hochkochen würden, konnte man sich ausmalen. Fußball taugt eben nur bedingt als Trostpflaster.

  4. graphodino

    Stimme von unten: „Es gibt auch noch ‚oberaffentittengeil‘!“

    (… das Blöde ist: der Typ hat eigentlich ’ne super Stimme…)

    Angenehmes Hannövrieren wünscht

    Herr Koske

    • trithemius

      Danke für die wichtige Ergänzung, Herr Koske,.
      Der Typ mit der super Raucherstimme heißt passender Weise Herr Sack 😉

      Beste Grüße von nebenan
      Ihr Trittenheim

      • Graph O. Dino

        Im Laufe meines nunmehr Jahrzehnte anhaltenden Studiums der rezenten Homiden glaube ich des Umstands gewahr geworden zu sein (oder so ähnlich), dass kaum etwas derart (auto-)suggestiv wirkt wie der eigene Name, was aber denn auch ungeheurer Antrieb sein kann.

        *hüstel*

        (… ich habe mit Fußball nix am Hut, aber Brasilien hat wohl schon wieder verloren – Glückwunsch zu Bronze, Herr Text-Teppichhaus-Direktor, wenngleich Dich das vermutlich auch kaum tangieren dürfte…)

        Hochachtungsvoll

        Herr Koske

        • Graph O. Dino

          Prof. Freud – an die Couch! „Homiden“! Vortrefflich, das! Ich meinte natürlich „Hominiden“! Man muss wissen, dass ich von meinem Command Center beauftragt worden bin, dies sinistre Soziotop zu explorieren…

        • trithemius

          Da haben Sie etwas Faszinierendes herausgefunden, Herr Koske und gewiss schon der galaktischen Gemeinschaft verraten. Wie interpretieren Sie Ihr werten Nachnamen?
          Er ist übrigens in den USA verbreitet. „ke“ scheint mir eine slawische Verkleinerungsform zu sein, aber wovon?

          Danke für den Glückwunsch. Er betrifft eine trübsinnige Sache, das Spiel um Platz drei, bei dem sich wiederum Brasilien blamiert hat. Ich freue mich für Holland ein bisschen, mein Favorit war aber Belgien.
          Morgen ist die WM gut vorbei, und ich bin froh drum.

          Mit freundlichen Grüßen
          Trittenheim

          Edit: Etwas Unappetitliches steht uns bevor: Gauck und Merkel wanzen sich wieder an die Nationalmannschaft ran, was ich leider bereits bildtechnisch kommentiert habe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*