Brasilianischer Hype – Ein Mädchen wird verrückt gemacht

Wenn heute Abend um 22:00 Uhr Belgien gegen Südkorea Fußball spielt, werden die Kameras nicht nur dem Spielverlauf folgen, sondern unter den Fans der belgischen Rode Duivels auf den Rängen die 17-jährige Lateinstudentin Axelle Despiegelaere aus Westflandern suchen. Axelle Despiegelaere war beim Spiel Belgien-Russland den Kameraleuten und Fotografen aufgefallen und wegen ihrer natürlichen Schönheit in die Medien geraten. Fotos von ihr wurden millionenfach auf Twitter, Instagram und Facebook geteilt und sie wurde über Nacht weltberühmt. Die flämische Zeitung Het Laatste Nieuws zitiert das verunsicherte Mädchen:

‚Toen de opwarming begon, ben ik samen met mijn broer naar beneden gelopen om ‘Onze Jongens’ luidkeels aan te moedigen. Enkele fotografen en cameramensen hadden ons opgemerkt. Voor we het wisten, zagen duizenden supporters ons op het grote scherm in het stadion.’

(Als das Aufwärmen begann, bin ich zusammen mit meinem Bruder herunter gelaufen, um ‚unsere Jungs’ lauthals anzufeuern. Einige Fotografen und Kameraleute hatten uns bemerkt. Bevor wir wussten, was los war, sahen tausende Fans uns auf dem großen Bildschirm im Stadion.)

Despiegelaere ist mit Eltern und Bruder in Brasilien, war zum ersten Mal bei einem Fußballspiel der Rode Duivels und ist dabei gleich aus der Anonymität der Zuschauer in die Medienöffentlichkeit gezerrt worden. Het Laatste Nieuws brüstet sich damit, ihren Namen herausgefunden zu haben. Das öffentliche Interesse scheint diesen Eingriff in die Privatsphäre zu legitimieren. Einen ähnlichen Fall von medialer Gewaltanwendung habe ich hier schon mal aufgegriffen.

Vom Medienrummel
überrollt weiß das Mädchen gar nicht, wie ihm geschieht: „Iedereen wil met me trouwen“ (Jeder will mich heiraten), sie sehe überall Fotos von sich, bekomme auch ungezählte Freundschaftsanfragen bei Facebook, hat dort sogar eine eigene Fanseite. Auf die Freundschaftsanfragen gehe sie aber nicht ein, weil sie die Menschen nicht kenne, sagt sie in einem TV-Interview. Derweil sitzt ihr Freund zu Hause und bangt, sie zu verlieren. Doch sie wolle treu bleiben, sagt sie leise. Der Student hatte nicht mitfahren können, weil er fürs Examen lernen musste.


(Quelle: StuBru)

Stijn Vlaeminck, ein Sportreporter von VTM-nieuws, zog sogleich eine Parallele zu Pamela Anderson. Sie sei bei einem Basketballspiel entdeckt worden. Gewiss würden bald die Zeitschriften für ein Fotoshooting anfragen. Ob sie Ambitionen habe. Ja, sie wisse nicht, wäre ja nicht besonders groß, wehrt sie ab. Ursprünglich hatte sie andere Ambitionen als die ihr jetzt nahegelegten, hat Latein studiert, aber das wird jetzt schwierig, nachdem diese gnadenlose Medienmaschinerie angelaufen ist und ihr andere Angebote um die Ohren fliegen. Nach dem Spiel der Rode Duivels gegen Südkorea kehrt sie nach Hause zurück – und findet ihr gewohntes Leben nicht mehr vor.

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