Lassen Sie uns über Postbank-Orthographie reden

Das Verkündigungsmedium in Schule und Hochschule ist noch immer die Wandtafel. Einem Wort, das vor den Augen der Lernenden an die Tafel geschrieben wird, haftet Suggestivkraft an. Darum gilt eine pädagogische Regel, dass Lehrkräfte niemals absichtlich Fehler an die Tafel schreiben sollten. Was orthographisch richtig oder falsch ist, hängt von der Vereinbarung der Schreibregeln ab. Oft lässt sich ein Fehler nur erkennen, wenn man die vereinbarte richtige Schreibweise kennt. Schreibt man einen solchen Fehler an die Tafel, prägt sich die falsche Schreibweise bei Lernenden ebenso gut ein wie jede andere.

In der Gifanimation ist ein von mir schlecht geknipster Aushang der Postbank zu sehen, der den Anlass für diesen Text hier bietet. Das Plakat sah ich im Schaufenster eines Schreibwarengeschäfts, das nicht nur Leistungen der Post, sondern auch Schulbedarf anbietet. Genau dort wirkt der plakatierte Orthographiefehler verheerend wie der auf einer Wandtafel. Im Netz fand ich weitere Plakat-Beispiele. Sie sind Teil der Postbank-Kampagne „Unterm Strich zähl ich“



Verbrochen hat die
Plakatserie die BBDO Düsseldorf GmbH, Peter Schmidt Group, vom Art Directors Club und „Manager Magazin“ zu Deutschlands kreativster Agentur des Jahres 2013 gewählt. Stolz verkündet die BBDO auf ihrer Webseite:

„Die Kampagne erreicht höchst effizient ein neues Allzeithoch für die Markenbekanntheit, steigert die spontane Werbeerinnerung um 63 % und etabliert die Postbank als vertrauenswürdigste Privatkundenbank. Gerade in der aktuellen Krise ist das ein entscheidender Vorteil.“

Vor lauter effizienter Kreativität hat man einen Aspekt der Vertrauenswürdigkeit vergessen, dass nämlich eine Verantwortung hat, wer den öffentlichen Raum mit schriftlichen Botschaften beschickt. Natürlich müssen sich nur Beamte, Schüler und Studenten an die amtlichen Orthographieregeln halten, „Kreative“ können sich in blöden orthographischen Wortspielen austoben, doch gerade in der Orthographie noch unsichere junge Menschen sehen in Aushängen der Postbank Fehler, die sich nicht von der lautlichen Form der Wörter wie „riesig“, „großartig“, „leistungsfähig“ unterscheiden, da zumindest im Norden Deutschlands „ig“ standardsprachig weich gesprochen wird. Weil der Post als ehemaligem Staatsbetrieb noch immer etwas Amtliches anhaftet, im Jahr 2008 arbeiten bei der Postbank noch 7500 Beamte, ist der orthographische Sündenfall der Postbankplakate besonders ärgerlich.

Hätte Orthographie in Deutschland keinen Fetischcharakter, wäre kein Wort über die blödsinnige Narzismusverherrlichung der Postbank zu verlieren. Man kann nur hoffen, dass Schüler nicht zu den 63 Prozent gehören, denen als „spontane Werbeerinnerung“ die von der Postbank propagierten Orthographiefehler durch den Kopf geistern.

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4 Kommentare zu Lassen Sie uns über Postbank-Orthographie reden

  1. Verona Feldbusch, du erinnerst dich, war für mich die erste mit ihrem „Bei uns werden Sie geholfen!“, und kieke, staune, wund’re dich, das war auch die Post.
    Hatte damals auch die BBDO Düsseldorf GmbH die Finger im Spiel?
    Mittlerweile sind diese Sprach-Verballhornungen in der Werbung gang und gebe, und gerade hier in der Blog-Welt sind dem Wort-Erfindungsreichtum keine Grenzen gesetzt und ich gebe es ein wenig verschämt zu, ich erfinde all zu gern Worte und Wortkombinationen, die es eigentlich so nicht gibt.
    Ob ich die geringe Aufmerksamkeit bezüglich korrekter Orthographie wirklich bedauere? Nein, natürlich nicht, denn als man den Legastheniker noch nicht kannte, war ich sicher einer, bzw. eine -in, aber ich hatte erfreulicherweise großherzige Lehrer.
    🙂

    • trithemius

      Hab nochmal nachgesehen: „Da werden Sie geholfen“ war der Slogan der Telefonauskunft von Telegate. Es stimmt wohl, dass in der Werbung gerade die sprachlichen Normverstöße die größte Aufmerksamkeit bekommen. Aber im obigen Fall geht es um Grammatikfehler wie auch bei „Deutschlands meiste Kreditkarte“.

      Ich erinnere mich an einen anderen Fall mit falscher Orthographie: „Hilft dem Vater auf das Fahrad“, der Slogan für irgendeinen Schnaps, bekam viel Aufmerksamkeit, weil diskutiert wurde, ob der Fehler Absicht war oder nicht.
      Gegen Sprachspiele oder eigenwillige Orthographie in Blogs (beispielsweise radikale Kleinschreibung) ist nichts zu sagen, weil die Breitenwirkung gering ist. Als Lehrer habe ich immer vertreten, dass man in der Orthographie toleranter sein sollte. Während ich studierte (Ende der 70er) war das auch allgemeine Lehrmeinung. Aber das Pendel schlägt wieder in die andere Richtung. Rechtschreibleistung ist leider weiterhin ein Kriterium der Selektion, ungeachtet der Unsicherheiten durch die Reform oder Fehler im öffentlichen Raum und in den Medien.

  2. Ein besonders krasser Auswuchs an Werbe-Dummsprech wurde mit dem aktuellen Markenimage-Motto eines deutschen Automobilherstellers hervorgebracht:
    »Opel. Wir leben Autos.«
    Und gestern hörte ich im Radio den Werbeslogan eines österreichischen Foto-Großhändlers: »Hartlauer. Wir leben Foto.« Prompt befiel mich heftiges Ohrengrausen vom Anhörenmüssen solchen Dummsprechs.

    • trithemius

      Sie werden sich vermutlich keinen Opel kaufen 😉
      Das ist der Nachteil solcher Sprüche – sie stoßen Leute mit Sprachgefühl ab.

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