Der Herausgeber hat das Wort – nicht in Käse geritzt

Liebe Leserin, lieber Leser! Liebe Freundinnen und Freunde dieses Blogs!

Ein Teppichhaus zu betreiben ist harte Arbeit. Schon mitten in der Nacht fängt sie an. Mir fällt eine hübsche Wortwendung ein oder die Idee für dieses Editorial hier, obwohl ich eigentlich endlich zu Bett gehen wollte oder nur mal aufstehen und kurz was machen, – etwa aus dem Fenster schauen, um zu sehen, ob der angekündigte Regen niedergegangen ist. Dann denke ich: “Och, die Idee weiß ich morgen früh noch!” und lege mich hin. Geschissen! Denn ich weiß am nächsten Morgen nichts mehr! Noch nicht mal, dass ich in der Nacht eine Idee hatte. Deshalb endet das Editorial an dieser Stelle – wegen morgendlicher Gedankenleere.

Hihi, kleiner Scherz. Ich bin natürlich wieder aufgestanden, hab überall Licht gemacht, um einen blöden Stift zu suchen und etwas auf Notizzettel zu kritzeln, die ich hasse, weil das gesamte Zettelblöckchen rosa ist. Und ich muss noch mindestens fünhundert nächtliche Ideen haben, bevor es aufgebraucht ist. Noch fünfhundert Mal mitten in der Nacht aufstehen, einen Stift suchen und Ideen auf rosa Zettel kritzeln, welche Aussicht!

Morgens liegen die
bekritzelten rosa Zettel da wie Mahnungen, und ich muss mich noch in der Dämmerung an den Rechner setzen und etwa dieses Editorial schreiben, damit ich die blöden rosa Zettel endlich in den Papierkorb werfen kann. Ist der Text dann fertig, bin ich noch lange nicht fertig. Sobald ich ihn ins Teppichhaus hochgeladen habe, fängt das Feilen und Ziselieren an. Aus dem ersten Absatz muss ich eine ganze Zeile herauskürzen, weil ich unter dem Umläufer ein verficktes Hurenkind habe. So geht es weiter den Text lang. Hier fällt mir dass treffendere Wort ein, da die kürzere Wendung, da sogar ein peinlicher Fehler auf, beim Hurenkind muss ein Link gesetzt werden, und so sitze und redigiere ich mindestens drei Stunden. Dann darf ich endlich duschen, mich stadtfein machen und zum Mittagstisch fahren. Da muss ich ein Weilchen auf mein Essen warten, und um mir die Zeit zu verkürzen, rufe ich meinen Text auf dem Smartphone auf, wo er mir noch mehr entfremdet ist, so dass ich ihn besser beurteilen kann. Was ist? Ich habe mir beim Redigieren und Umstellen einen strunzdoofen Grammatikfehler in den Text gefummelt, und weil ich vom Smartphone aus nicht gut ändern kann, muss ich mein Mittagessen voller Scham runterschlingen, damit ich rasch nach Hause kann und korrigieren. Die ganze Zeit denke ich: „Hoffentlich hat es noch keiner gemerkt.“

Es kann passieren, dass mir beim Mittagstisch eine hübsche Wendung einfällt, von der ich glaube, dass sie den gesamten Text überstrahlen wird. Natürlich habe ich nix zu schreiben bei mir, der Akku meines Smartphones ist leer. Es stehen da solche auf Zahnstocher gespießte Käsepröbchen unter einer Plexiglashaube. Ich könnte meine Idee natürlich Wort für Wort in Käse ritzen. Aber ich traue mich nicht, sondern stelle es mir nur vor und versuche zu memorieren. Den ganzen Nachhauseweg schiebe ich Käsehäppchen durch meinen Kopf, plötzlich steht Frau Schewardnadse am Straßenrand und lächelt mich an. Ich bin so perplex, dass uns alle Käsepröbchen vor die Füße purzeln, und auch sonst bin ich zu blöd, Frau Schewardnadse anzusprechen und etwa zu sagen: „Arbeiten Sie nicht mehr bei Edeka? Ich habe Sie schon lange vermisst!“, obwohl sie sowas von mir zu erwarten scheint. Ich kriege aber nur ein „Hallo!“ raus. Darüber bin ich so mit mir im Hader, dass ich den Ideenkäse vergesse.

Abends wundere ich mich, dass mein durchaus hübscher Text noch keinen einzigen Kommentar bekommen hat. Um mich zu trösten, rufe ich mein Statistiktool auf. Die Leserzahlen sind stattlich. Aber beim genauen Hinschauen, stelle ich fest, kaum einer hat den Text gelesen, sondern die meisten haben sich das blöde Merkel-Maurerdekolleté angeschaut! Besonders von Hochschulservern kommen solche Leute. An irgendeiner verschnarchten Uni im Hinterwald entdecken sie jetzt schon das neun Monate alte und schon ein bisschen gammelige Maurerdekolleté der Merkel. Haben die nichts Besseres zu tun? Sollten die nicht irgendwas anderes erforschen als eine von Merkels Furchen? Ich traue mich gar nicht, noch was mit Merkel zu machen und muss neue Bildmontagen im Hack-Blog verstecken, damit Merkel mir nicht die so sorgsam und mit Herzblut geschriebenen Texte verdeckt. (Falls Sie gestern Abend ein ähnliche Bildmontage wie die im Hack-Blog in Raabs TV-total gesehen haben – das Datum beweist: Meine Montage war zuerst da.)

Immer zu Diensten,
Ihr

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11 Antworten auf Der Herausgeber hat das Wort – nicht in Käse geritzt

  1. Werter Kollege, ich lese Ihre Texte stets mit Vergnügen, nicht immer jedoch male ich als Beleg dafür im Kommentarfeld ein Häkchen darunter – welches, wie wir wissen, sich vom lateinischen V herleitet, der Paraphe für »vidi« (»ich habe es gesehen/gelesen«) – gewiss trifft das für zahlreiche Ihrer Stammleser ebenso zu. Seien Sie über eventuell vergeblich erwartete Kommentare bitte nicht betrübt, und seien Sie vielmehr an dieser Stelle meiner (und, wie ich füglich vermuten darf, der zahlreicher anderer) Wertschätzung der erlesenen Qualität Ihrer Texte auch weiterhin versichert.
    Musste mal gesagt werden.

    • trithemius

      Dass das Häkchen sich vom lateinischen V herleitet, der Paraphe für »vidi« (»ich habe es gesehen/gelesen«), habe ich aus Ihrem freundlichen Kommentar gelernt, werter Kollege. Vielen Dank für beides. Es geht mir nicht nur um Wahrnehmung der und durch die Leserschaft. Bislang habe ich aus den meisten Kommentaren irgendwas gelernt, und wenn es nur die Rezeption meiner Texte betrifft. Aber ich wills auch nicht zu hoch hängen. Eigentlich ist jede Ich-war-hier-Marke schon erfreulich.

  2. graphodino

    Es heißt, glaube ich, “ziselieren”… – Hättätätätä Tätä!

  3. Oh ja – da habe ich mich quasi wiedergefunden, in diesem Text. Erst neulich musste ich mich rügen, weil ich während des Chauffierens so intensiv über meinen zuvor gebloggten Eintrag und eine holprige Satzkonstruktion gegrübelt hatte, dass mir beinahe die Radarfalle entgangen wäre. Dabei sollte ich mich gut genug kennen – ich könnte zigmal drüberlesen, richtig zufrieden werde ich wohl nie. Dann tröste ich mich damit, dass es schon genug harte Arbeit war dahin zu gelangen, dass die Leute mich mittlerweile an meinen geschwurbelten Texten wiedererkennen, auch wenn mein Name vielleicht mal unter den Tisch gefallen ist.

    Zu deinem Merkeldekolleté sag ich jetzt nix. ;)

    • trithemius

      Mit dem regelmäßigen Schreiben steigen auch die Ansprüche, die man an sich stellt. Solange man immer noch nicht zufrieden ist und nach Verbesserung strebt, wächst auch das Können. Es ist ein nach oben offener Prozess. Erfreulich zu lesen, dass es dir auch so geht, aber die Verkehrssicherheit sollte nicht hinter Stilfragen zurückstehen ;)
      Andererseits ist es im hohen Maß kulturell, wegen einer Formulierung tief in Gedanken zu versinken. Sagt schon der verehrungswürdige Egon Friedell: “Kultur ist Reichtum an Problemen.”

  4. iGing

    Wie soll man denn hier – bei so viel gut klingender gelungener Selbstdarstellung und Selbstkritik – noch einen Kommentar hinterlassen, der auch noch lesenswert wäre?! Zwar liest man auch selber alles nochmal durch und nach, ob es etwa im eigenen Geschreibsel etwas zu verbessern geben könnte, aber letztendlich ist man doch froh, wenn man die obligatorische Rechenaufgabe noch locker gelöst kriegt und das Gefühl hat, man hat überhaupt etwas – Sinnvolles? – gesagt.

    • trithemius

      Aber immer, werte Frau iGing. Wie Sie hier die Problematik umschreiben, das ist doch wirklich lesenswert.
      Es geht mir auch oft so. Ich finde unter einem Text schon alles gesagt und weiß dem nichts hinzuzufügen. Dann verlasse ich die Seite und tröste mich: “Beim nächsten Mal”, aber ärgere mich auch, dass ich so früh aufgegeben habe.
      Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Mühe gemacht haben!

      • iGing

        Genau so ist es: “weiß dem nichts hinzuzufügen” und “ärgere mich auch, dass ich so früh aufgegeben habe” … dann gehe ich noch ein zweites und ein drittes Mal dorthin, in der Hoffnung, dass sich schließlich die passenden Worte finden … und vermehre dadurch die Anzahl der Leser-Klicks ungewollt … und trage so dazu bei, dass sich ein falsches oder zumindest nicht ganz zutreffendes Bild ergibt, das ich schlussendlich mit ein paar wenigen Sätzen um einige wenige – tiefschürfende bis nichtssagende – Kleckse anreichere. Wenn Ihnen die Kleckserei also zusagt, bitte sehr!

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