Starke Verben und kristalline Regenbögen im Vogelfrei

Gestern Abend war es voll im Vogelfrei. Herr Leisetöne hatte zum Glück unseren Tisch reserviert. Als ich eintraf, saß er schon am Kopfende, das Fenster im Rücken, und las angestrengt. Was er las, habe ich nicht wahrgenommen, denn am Nebentisch biss eine Blondine gerade von einem Stück Regenbogen ab. Ich habe schon allerhand gesehen, aber noch nie sah ich eine Blondine derlei tun, nicht mal eine Rothaarige und erst recht keine Brünette. Da aber die anderen ringsum den Vorgang ignorierten, Leisetöne noch nicht einmal aufsah, schob ich mich auf die Bank an der Breitseite des Tisches, wo ich immer sitze, mit dem Rücken zur Wand.

Leisetöne erzählte mir von einer Unterrichtsstunde, die er zum Unterschied Erzählzeit und erzählte Zeit gehalten hatte, und obwohl ich meine ganze Phantasie aufbrachte, mir die Klassensituation zu vergegenwärtigen, konnte ich den Blick nicht von dem Rest Regenbogen wenden, den die Blondine vor sich auf dem Tisch hatte. Die ganze Gesellschaft am Nebentisch war ohnehin merkwürdig. Einer Dunkelhaarigen wuchsen aus dem Kopf zwei elastische Drähte, an deren Ende rote Kugeln saßen, die bei jeder ihrer Bewegungen hin und her, vor und zurück wippten. Leisetönes Schilderung unterbrechend, sagte ich: „Ich höre dir zu, bin aber abgelenkt von denen am Nebentisch und dem angebissenen Regenbogen darauf.“ „Geburtstag“, murmelte Leisetöne und fuhr unbeirrt fort.

Regenbögen treten ja immer paarweise auf. Der deutlich zu sehende ist im weiten Bogen umgeben von einem schwachen Nebenregenbogen, wobei die Abfolge der Farben umgekehrt zum Hauptregenbogen ist, also innen rot und außen blau. Das Stück auf dem Tisch war unten blau, stammte also aus einem Hauptregenbogen. Ein Nebenregenbogen war nicht zu sehen. Nach dieser wichtigen Beobachtung gelang es mir, das angebissene Teil als ein mit knalligen Lebensmittelfarben gefärbtes Kuchenstück zu identifizieren. Diese Erkenntnis befiel mich erst mit dem Pausenklingeln von Leisetönes Schilderung einer 45-Minuten-Stunde in exakter Übereinstimmung von Erzählzeit und erzählter Zeit, quasi in Echtzeit. Zu meiner Entschuldigung wäre zu sagen, dass ich meine Aufmerksamkeit ja teilen musste. Jedenfalls weise ich Leisetönes Behauptung, mein Gehirn habe eine kristalline Struktur und deshalb wäre ich nicht mehr so rasch im Denken, weit von mir.

Obwohl die Vorstellung von einer verzweigten, unermesslichen Höhle mit Hallen aus blitzenden Kristallstufen, in deren Prismen sich die Gedankenfunken tausendfach brechen, so dass sie aufgespalten werden in sich überlagernde Haupt- und Nebenregenbögen, recht artig ist. Dabei habe ich die Schilderung eines wunderbaren kristallinen Gehirns nur abgebrochen, weil ich niemandem einen so langen Satz zumuten will, in dem das bedeutungstragende Verb erst ganz am Schluss erscheint, wobei „ist“ ja nur ein Hilfsverb ist und noch dieses Satzadjektiv „artig“ braucht. Über Grammatik geriet ich später mit Leisetöne in einen heftigen Streit, in dessen Verlauf wir uns anschrieen. Ich habe das aber genossen, denn wie ich noch nie zuvor eine Blondine gesehen hatte, die ein Stück Hauptregenbogen verzehrt, hatte ich mich auch noch nie zuvor mit jemandem wegen Grammatik angeschrieen. Es ging um starke und schwache Nerven äh Verben.

Weil Grammatik doch viel zu langweilig ist, folgt jetzt kein Text zum Thema. Ich habe ihn vor langer Zeit gar nicht geschrieben, als Herr Leisetöne noch irgendwo auf dem Mond rumschwamm. Wenn Sie trotzdem glauben, hier Buchstaben zu sehen, die zu Wörtern und Zeilen angeordnet sind und sogar Inhalte transportieren, dann hat es etwas mit Ihrer Erwartungshaltung zu tun. In Wahrheit steht hier nichts. Alles wird von Ihrem Gehirn simuliert, sei es kristallin oder fluid. Und so ist der gesamte Text Ihre eigene Leistung. Sie haben keinerlei Beweise, dass es anders ist, wenn Sie niemanden bitten, Ihre Wahrnehmung zu bekräftigen. Welchen Text wollen Sie sich einbilden? Sie könnten zum Beispiel einige starke Verben mit unregelmäßiger Konjugation im Konjunktiv II nehmen und eine kurze Kriminalgeschichte schreiben. Wortmaterial: helfen, melken, laden, schießen, triefen, sinken, heben, sterben, dreschen, singen, rinnen

Wenn er nicht hülfe und die Kuh nicht mölke,
dann lüde sie das Gewehr und schösse.
Er sänke zu Boden, ihm tröffe das Blut von der Stirn,
und mit einem Seufzer stürbe er sogleich.
Sie hübe ihn nicht auf und drösche noch die Leich.
Dann sänge sie ein Lied und mölke rasch die Kuh.
Hurtig rönne die Milch in den Eimer.

Normalerweise hätten Sie vielleicht alle starken Verbformen durch den Infinitiv + würde ersetzt.

Wenn er nicht helfen und die Kuh nicht melken würde,
dann würde sie das Gewehr laden und schießen.
Er würde zu Boden sinken, …

Doch dann hätten Sie sich die Untat gar nicht erst ausgedacht und der Melker würde noch leben. Denn die heute übliche Form ist viel zu umständlich und führt zu eintönigen Wiederholungen. Da macht das Melker-Meucheln keinen Spaß.

Warum sind wohl die alten Verbformen fast verschwunden? Auch die Klasse der ablautenden Verben ist nicht mehr produktiv. Neue Verben werden nur noch regelmäßig konjugiert, verändern also ihren Stammvokal nicht. Die deutsche Sprache hat durch diese Entwicklung an Klangvielfalt eingebüßt. Diese Abnutzungserscheinung ist vermutlich irreparabel, denn starke Verben mit unregelmäßiger Konjugation werden allgemein als veraltet empfunden und deshalb nicht mehr benützt. Man findet sie fast nur noch in alten Büchern. Doch wenn man diese Bücher nicht liest, existieren sie nicht. Ebenso gibt es die starken Verbformen nicht, wenn wir sie nicht mehr verwenden.

Hier jedenfalls finden Sie keine starken Verbformen. Hier steht gar nichts. Der Eintrag ist leer. Sie haben sich diesen Ausflug in die deutsche Grammatik und ins Vogelfrei nur eingebildet.

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12 Kommentare zu Starke Verben und kristalline Regenbögen im Vogelfrei

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