Abendbummel online – Luftnummer im April

Gerade hat ein Anstreicher das Gerüst am Haus gegenüber erklommen und zwar ganz hinauf, Leiter für Leiter, Ebene für Ebene, um über die schwingenden Planken ans äußere Ende zu gehen, wo die Ecke des Hauses in die Lüfte ragt wie der Bug eines Ozeanriesen, um Farbeimer zu holen, gerade dachte ich, da oben wollte ich nicht herumturnen und Farbeimer schon gar nicht umherschleppen, als sich der Himmel verfinsterte, heftiger Wind, beinahe Sturm aufkam, einen trockenen Ast von der heftig gezausten Eiche vor meinem Fenster riss, einen richtigen Kaventsmann, den man nicht auf den Kopf kriegen möchte, wobei Kaventsmänner eigentlich keine knorrigen Äste sind, sondern turmhohe Wogen, die ein Schiff überrollen und mit Mann und Maus in die Tiefe ziehen können, gerade könnte man glauben, der Anstreicher hätte die Naturgewalten gegen sich aufgebracht, indem er hinaufstieg, wo Menschen nicht zu suchen haben, denn der Sturm trieb einen Hagelschauer vor sich her, dessen Eiskörner *plingplingpling* wie Trommelwirbel auf mein Fenster prasselten, was aber für mich allenfalls eine akustische Sensation war, denn ich schloss das Fenster fast augenblicklich wieder, das ich geöffnet hatte, um zu sehen, was dem Anstreicher geschah. Der Hagelschauer musste ihm hoch oben an der Hauswand durch und durch gehen wie mit eisigen Nadeln, dass er denken mochte: „Ach, wäre ich doch ein bisschen schlauer und geeignet, ein gutbezahlter Sesselfurzer neben der Heizung zu sein.“

Das aber, meine
lieben Damen und Herren, ist eine unverschämte Spekulation gegenüber einem Vertreter des ehrlichen Handwerks, für die ich mich augenblicklich entschuldige. Freilich, fleißige Bürokräfte Sesselfurzer zu nennen, ist das etwa nett? In luftiger Höhe einem Hagelschauer ausgesetzt zu sein, rechtfertigt nicht jede Frechheit. Ich will mich auch nicht beleidigen lassen, nur weil ich drinnen sein darf und nicht mit Farbeimern im Hagelschauer herumturnen muss auf einem Gerüst, was ich für eine ganz und gar mutwillige Tätigkeit halte. Er kann froh sein, dass ich keinen Blitz herbei wünsche, just ins Gestänge des Gerüstes, an dem er sich festzuhalten versucht, derweil der Hagelsturm an ihm rüttelt. Ja, wenn er jetzt da oben auf einem Fahrrad säße, dürfte er sich was erlauben.

Genau das habe ich heute Morgen nämlich gemacht, der Bequemlichkeit halber auf den Straßen der Stadt und nicht auf den Holzplanken eines Gerüstes. Dabei wehte eine kräftige Böe eine dünne Plastiktüte heran, die sich just in den Rädchen der Kettengangschaltung verfing, so dass ich halten musste, um den Umwerfer der Schaltung von zähen Plastikfetzen zu befreien. Ist das etwa keine Widrigkeit? Muss man erst in luftiger Höhe herumturnen, um das Anrecht auf Mitgefühl zu erwerben? Äh? Bei „luftig“ fällt mir ein, was im Straßenbild fehlt. Man sieht keine Luftpumpen mehr. Ältere Fahrradrahmen haben noch die beiden nach innen weisenden Zacken als Halterung am Rahmenrohr, aber es klemmt keine Luftpumpe da. Wo sind nur die Luftpumpen hin? Geklaut allesamt? Wozu? Etwa um sie zum hamstern, falls mal ein Luftpumpenengpass kommt? Der ist schon da, von Luftpumpendieben selbst herbeigeführt! Früher, als alles noch besser war, konnte man ganz arglos eine Luftpumpe am Fahrrad mitführen. Was ist das bloß für eine Welt, in der man seiner Luftpumpe nicht mehr sicher ist? Mit dieser Frage möchte ich Sie aus diesem müßigen Text entlassen, ob Sie je eine Luftpumpe geklaut haben oder nicht. Nur der Anstreicher muss noch herunterklettern. Immerhin ist er mit dem Auto da.

Guten Abend

(Abendbummel online aus den Jahren 2005 – 2013 als E-book)

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7 Kommentare zu Abendbummel online – Luftnummer im April

  1. Jessie

    Ja, was ist das für eine Welt. Nicht nur Luftpumpen werden geklaut, auch die einklemmbaren Trinkflaschen, und natürlich Kindersitze und Gepäckkörbe. Ich sah aber auch schon Leute, die ihr Vorderrad abmontierten, weil das ganze Dingens dann zu wertlos wird, um es mit einem Bolzenschneider von seiner Sicherung zu befreien und auf den Diebsguttransporter zu hieven. Oder das Fahrrad gleich im Schlafzimmer parken. Frustrierend ist das, wie man heutzutage seine Sachen schützen muss …

    Zu guter Letzt will ich noch einflechten, dass Menschen, die hoch oben herumturnen, das nicht nur deswegen machen, weil sie nix anderes gelernt hätten. Manche tun dies auch des Spaßes wegen, machen ihr Hobby, Freeclimbing und Ähnliches, gleich zum Beruf. Die freuen sich gar noch, wenn ihnen das Wetter Streiche spielt und das Risiko entsprechend erhöht. Zum Glück gibt es in allen Sparten Leute, die anderen das abnehmen, was diesen ihr fehlender Mut verweigert. So hat hierzulande eine findige Baumschule Bergretter angeheuert, um die steilen Hänge der Hausberge auf Geheiß der Stadtregierung regelmäßig zu pflegen und gleichzeitig vor herabstürzenden Felsbrocken zu sichern. Und die Gefahr, hoch oben des Werkzeugs bestohlen zu werden, ist obendrein relativ gering. 😉

    • trithemius

      Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen. Da fuhren die Bauern tagsüber aufs Feld, ohne ihr Haus etwa abzuschließen. Allerdings war die soziale Kontrolle in so einem Dorf hoch. Jeder wusste, was man tut und was nicht. Was wir Negatives beklagen, ist sicher ein Effekt von Großstrukturen. In solchen sozialen Strukturen mangelt es an Bindung des Einzelnen. Wer das Gefühl hat, nicht dazu zu gehören, legt sozial schädliches Verhalten an den Tag, ohne schlechtes Gewissen. Es ist nicht mal ein Problem der Unterschicht, wie sich vorschnell schließen ließe. Für Steuerhinterziehung im großen Stil oder Korruption braucht man die gleiche kriminelle Energie wie für das Klauen von Luftpumpen oder von Kindersitzen.

      Freeclimbing gibt es in Hannover auch. Die Jungs turnen an der rückwärtigen Fassade des Rathauses herum. Der Hausberg von Hannover aber hat gar keine Felsbrocken 😉

  2. Der vermeintliche Anstreicher war bestimmt ein Dieb auf der Suche nach Beute, Luftpumpen, Vorderräder, Malerwerkzeug. Geschieht ihm also ganz recht, daß er da oben naß geworden ist. Der Begriff Sesselfurzer für Bürohocker entspricht übrigens nicht der Realität, wie ich aus eigener Anschauung weiß: Selten hocke ich allein in einem Büro, wenn ich da so in den Sessel furzen würde, wie es meine Verdauung eigentlich möchte, würde meine Kollegin mir was erzählen. Ich überlege, ob ich nicht auf Anstreicher umschulen sollte. Oder auf Luftpumpendieb, da kann man so viele fahren lassen wie man will.

    • trithemius

      Den Vorteil, den du hier benennst, hatte ich gar nicht bedacht! Natürlich ist man als Luftpumpendieb oder Anstreicher auf dem Gerüst viel besser dran, wenn es darum geht, ungetadelt einen Wind zu lassen. Auch der untreue Freund auf Fritzchens Fahrrad, von dem es weinend erzählt: „Ich hab einen fahren lassen, der kommt nicht wieder!“

  3. graphodino

    … als Luftmensch und Windikus muss ich Folgendes beitragen: gestern habe ich feststellen müssen, dass ich mich zu früh gefreut habe darüber, für nur 30 Euro ein gut gehendes (bzw. drehendes) Fahrrad erworben zu haben, denn das hat am Schlauch des Vorderreifens ein Autoventil (also jetzt nicht ein selbstständig ventilierendes Ventil, sondern ein solches als wie ein Ka-Eff-Zett-Schlauch), weswegen ich an der Tanke pumpen musste (also jetzt nicht Geld, sondern Luft), und erst klappte es gar nicht, obwohl mir der Halter, Betreiber, Führer oder wie auch immer eines dieser legendären Kfz. zu helfen versuchte, und dann klappte es plötzlich doch – und dann sah ich dieses Schild, welches mitteilte, dass dieses Druckluftabgabe-Aggregat nur für Motorräder und Kfz. gedacht wäre… ich nehme an, mein Aufenthalt in Brandenburg neigt sich schon wieder einem Ende entgegen…

    (… FALLS DAS JEMANDEN INTERESSIERT…)

    • trithemius

      Falls es so aussieht:

      Dann ist’s doch ein Fahrradventil. Jeder Fahrradladen hat die passenden Pumpen. Kannst dir da auch kostenlos Luft holen.

      (Ja, hat mich interessiert)

  4. Book of Ra

    Sehr schöner Text. Ich komme ganz bestimmt wieder.

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