Von Moden zu schreiben und zu schmatzen

Vorgestern habe ich mir beim Essen heftig auf die Zunge gebissen. Während ich es noch zu ignorieren versuchte, ging mir die Wendung „Sich lieber die Zunge abbeißen“ durch den Kopf, was so viel bedeutet wie „Schweigen wie ein Grab.“ Wie kann denn ein Grab schweigen oder anders: Schweigen Gräber tatsächlich? In Deutschland und vor allem in den slawischen Ländern hielt sich Jahrhunderte die Mär von Toten, die schmatzend im Grab liegen. Und öffnet man ein schmatzendes Grab, hat der Inliegende sein Leichengewand im Maul. Das galt schon immer als Beweis, dass ein für die Lebenden gefährlicher Nachzehrer im Grab lag.

„Dann erfolgten die aus dem südosteuropäischen Vampirglauben bekannten Maßnahmen wie Köpfen, Herzausschneiden und Pfählen.“ (wikipedia). Appetitlich ist das nicht. Heutzutage liest oder hört man nichts mehr vom Schmatzen aus Gräbern. Erstens lernen bei uns schon die Kinder, nicht zu schmatzen, wo higegen es früher als gehöriges Zeugnis galt, dass etwas einem schmeckt. Und vermutlich ist das Leichengewand aus irgendeinem kratzigen, übel schmeckenden Kunststoff, schon allein um dem Toten deutlich zu machen, dass das Leichengewand nicht in den Mund gehört. Pfui Spinne!

Heute habe ich begonnen, das 10-Fingerschreiben zu lernen, was gewiss auch ein gutes geistiges Training ist, weil jedem Finger eine bestimmte Anzahl Buchstaben zugeordnet werden. Ich hatte es schon einmal versucht, damals noch mit Schreibmaschine, lieh mir in der Stadtbibliothek gängige Übungsbücher aus, woran man schon sehen konnte, dass ich es ernst meinte. Aber nach kurzer Zeit hat mich die Frage umgetrieben, warum die Tastatur angeordnet ist wie sie ist. Besonders komisch erschien mir, dass ich den im Deutschen häufigen Vokal „a“ mit dem schwächsten Finger überhaupt, dem kleinen der linken Hand tippen sollte. Die Übungsbücher gaben über den Sinn hinter der Anordnung keinerlei Auskunft. Also fuhr ich wieder zur Bibliothek und recherchierte, was nicht einfach war. In einem Büchlein über die Geschichte der Schreibmaschine wurde ich endlich fündig.

Tatsächlich gibt es aus den Anfängen der Schreibmaschinentechnik verschiedene Anordnungen, die dem Bau der Hand und der Buchstabenhäufigkeit in den jeweiligen Sprachen entsprechen (Ergonomische Tastatur bzw. Idealtastatur). Durchgesetzt hat sich jedoch ein anderes Prinzip. Die heutige Tastaturanordnung geht auf die Universaltastatur des Waffenherstellers Philo Remington zurück. Dessen erste Schreibmaschinenserie hatte noch eine alphabetische Anordnung besessen. Das Zusammenschlagen und ständige Verhaken der Typenhebel erzwang aber eine Umgruppierung. Auf der internationalen Stenographentagung von 1888 in Toronto gelang es Remington, seine „Universaltastatur“ zum Standard zu erheben. Allein dem regen Geschäftssinn Remingtons verdankt also die schreibende Nachwelt diese Tastatur, die nicht dem Menschen angepasst ist, sondern die Anpassung des Menschen an die Mechanik der Maschine verlangt. Mehr darüber in „Willfährige Frauen tippen besser“

Nachdem ich das herausgefunden hatte, war mir die Lust vergangen, 10-Fingerschreiben zu lernen. Darum steht darüber auch nichts in den Übungsbüchern. Zuviel Wissen ist dem Lernen manchmal abträglich. Kürzlich hörte ich das Sprichwort: „Ein gewarnter Mann ist zwei wert“, muss aber sagen, ein überinformierter Mann ist nur halb was wert, tippt nämlich langsam mit wenigen Fingern. Es ähnelt von der Schreibtechnik eher dem Kartoffeldruck. Wenn meine Texte gemeinhin nur eine Bildschirmseite lang sind, dann habe ich mich immer getröstet, es geschähe mit Rücksicht auf die Leserinnen und Leser. In Wahrheit war es meiner mühsamen Schreibtechnik geschuldet. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht wie eine schreckliche Drohung, wenn ich ankündige, jetzt jeden Tag mindestens eine Lektion zu üben. Ich habe nämlich das hübsche Übungsprogramm „Tipp10“ heruntergeladen. Es ist auch viel einfacher, einen Text rund zu kriegen, also im Schluss an den Anfang zurückzukehren, wenn man sich nicht um die Länge des Textes kümmert.

Seit einigen Jahren propagiert ja der Grundschulverband eine Druckschrift als Erstschrift. Als Kritiker der bisher gängigen Ausgangsschriften habe ich das begrüßt und publizistisch unterstützt. Demnächst erscheint die Neuauflage des Buches „Grundschrift – Damit Kinder besser schreiben lernen“ in der Reihe „Beiträge zur Reform der Grundschule“, wofür ich meinen Text überarbeitet habe. Seit einigen Tagen bin ich Besitzer eines Tablets, auf dem man auch handschriftliche Notizen hinterlassen kann – wie früher auf einer Schiefertafel. Geschrieben wird aber mit dem Finger oder einem Touchpen, was nur einfache Formen erlaubt. Auch für diese technische Neuerung ist die Grundschrift also wesentlich besser geeignet als die schnörkelige Lateinische Ausgangsschrift, die ja noch ihre Form von der Spitzfeder hat und dem Formempfinden des Barock entspricht.

Die erste stählerne Schreibfeder („Aachener Stahlfeder“) hat übrigens im Jahr 1748 der Aachener Bürgermeister Johannes Janssen erfunden. Ich habe in der Berufsschule noch das Schreiben mit Stahlfedern gelernt. Das Fach hieß „Schriftschreiben“. Fand ich komisch, was kann man denn sonst schreiben außer Schrift, Schnubbel? Jahrzehnte später hatte ich Lust zu Kalligraphisieren. Meine Schreibfedern waren nur ein wenig eingerostet, ließen sich aber alle wieder in Betrieb nehmen.

In den 90ern des letzten Jahrhunderts ist mir ein eifriger Leserbriefschreiber in den Aachener Zeitungen aufgefallen, Gisbert Kranz. Seine Leserbriefe lasen sich immer recht vernünftig, aber mehr wusste ich über Gisbert Kranz nicht. Zufällig fand ich kürzlich im Internet Faksimile von Tagebuchheften, in denen Gisbert Kranz seine Schulzeit und Jugend aufgezeichnet hat, natürlich in klarer Schülerschrift mit der Feder. Gisbert Kranz erzählt von einem Treffen mit dem damaligen Aachener Dombaumeister:

Bevor er uns den Dom zeigte, lenkte er unsre Aufmerksamkeit auf eine andere Aachener Sehenswürdigkeit: die Marktweiber auf dem Rathausplatz. Er sagte: „Früher hatten ein paar Marktweiber Krach miteinander gekriegt. Da wurden sie so fuchtig, daß sie sich mit Äpfeln bewarfen, schließlich sogar mit Roßäpfeln. Als eine gerade ihr Maul auftun wollte, um wieder ein Schimpfwort fallen zu lassen, flog so ein saftiger Köttel ihr hinein. Da riefen die andern: „Halt ’n im Mund und geh nach ‚m Gericht!“ Und so geschah es dann auch.

Einen saftigen Pferdeapfel zur Beweissicherung im Mund zu verwahren, ist auch eine Form von Nachzehren, die völlig aus der Mode gekommen. Heute würden alle das Mobiltelefon zücken und die am Pferdeköttel schmatzende Marktfrau gerichtsverwertbar filmen.

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