Die schönsten Augen nördlich der Alpen

Hallo?! Wie peinlich ist das denn?! Unter dem Gejohle der Penner und Punker, die immer vor dem Edeka-Supermarkt lagern, werde ich in Handschellen über die Limmerstraße abgeführt. Und just, als die beiden Polizisten mit mir am Straßenrand warten, um eine stadteinwärts fahrende Straßenbahn vorbeizulassen, just in diesem peinlichen Augenblick kommt Frau Schewardnadse mit dem Fahrrad angefahren, hintendrauf einen leeren Kindersitz. Rundet im erstaunten Wiedererkennen ihre schönen Augen, und gerade kann ich noch stammeln: „Es ist nicht das, wonach es aussieht!“, da zerren mich die Bullen auch schon zum Polizeiwagen hin.

Jetzt sitze ich auf dem Polizeirevier in der Ausnüchterungszelle für Akademiker und andere Strolche und warte auf den Polizeipsychologen.

Es hat alles ganz harmlos begonnen. Monatelang war ich nur zu Edeka gegangen in der Hoffnung, Frau Schewardnadse säße an der Kasse. Ich bin schon lange in sie verliebt. Eigentlich sieht sie aus wie eine ganz gewöhnliche Frau Anfang 40, mit blonden Strähnchen in den braunen halblangen Haaren. Aber wenn sie mich anschaut und lächelt, falle ich aus den Schuhen. Sie hat mindestens die schönsten Augen nördlich der Alpen. Und wenn sie mir das Wechselgeld zurückgibt, streicht sie jedes Mal wie unabsichtlich meine Hand. Man muss sich vorsehen bei den slawischen Weibern. Sie haben allerlei kokette Tricks in petto.

Leider war Frau Schewardnadse schon wieder nicht da. Vielleicht hat sie ja eine andere Stelle gefunden, denn eigentlich ist Frau Schewardnadse nicht einfach eine Frau an der Supermarktkasse, sondern war in Georgien eine Astrophysikerin gewesen. Sagt jedenfalls Herr Leisetöne. Alle Frauen, die aus dem tiefen Osten kämen und bei uns im Westen an den Supermarktkassen sitzen, wären in ihrer Heimat arbeitslose Astrophysikerinnen mit einem Doktortitel in Quantenphysik oder mindestens Lehrerin gewesen. Eventuell hat ja der Genscher, der Ganovenspezi, wieder mal in Geheimdiplomatie gemacht und Frau Schewardnadse, die vielleicht die Enkelin von Edward Schewardnadse ist, dem ehemaligen Außenminister der UDSSR unter Gorbatschow, vielleicht hat ja der Ganove Genscher mal wieder hinter den Kulissen die Strippen gezogen, Frau Schewardnadse an den Supermarkt eines stinkreichen Oligarchen vermittelt und mich ins Unglück gestürzt.

Statt Frau Schewardnadse sitzt ein dickliches Kassenfräulein da, zieht meine Waren über den Scanner, lächelt und sagt: „Neun Euro 50 hätte ich gerne!“
Ich bin bitter enttäuscht und sage fest: „Wir haben nicht vereinbart, dass ich Ihnen für diese Dienstleistung ein Honorar bezahle.“
„Wie jetzt…?“
„Fast zehn Euro für ein Lächeln, nö! Ja, und dann haben Sie natürlich ein paar Waren über den Scanner gezogen. Das ist doch keine Leistung!“
„Hallo…? Geht’s noch? Sitzen Sie hier mal acht Stunden und fertigen jeden Idioten ab.“
„Sind Sie grad ein bisschen ausfallend geworden? Erst lächeln, dann schimpfen, und alles für neun Euro 50.“
„Sie bezahlen doch mich nicht für irgendwelche Höflichkeitsgesten.“
„Das nennen Sie ‚Höflichkeitsgeste‘? Ganz umsonst würde ich die Idioten aber auch nicht abfertigen.“
„Mein Lohn ist in den Waren enthalten.“
„In meinem Kartoffelsalat? Ja, ist denn das erlaubt?“
„In den Preisen Ihres Einkaufs.“
„Meines Einkaufs?“
„Ja, Sie stehen hier nämlich an der Supermarktkasse. Ich habe Ihre Waren über den Scanner gezogen, die Computerkasse hat die Preise registriert, zusammengezählt und die Kaufsumme von neun Euro 50 ausgegeben, und jetzt ist es üblich, dass der Kunde bezahlt. Sagt ja schon das Wort: ’Einkaufen’ mit Betonung auf Kaufen.“
„Üblich? Ich komme aus dem Rheinland. Da kaufen wir nicht ein, sondern holen uns alles.“
„Aber hier ist es üblich, dass der Kunde kauft, also zahlt.“
„Ja, wo ist er denn?“
„Wer jetzt?“
„Der Kunde, der meine Waren bezahlt?“
„Jetzt rück schon die Kohle raus, Alta“, brummt mein desolat aussehender Hintermann, der nur eine Flasche Wodka aufs Band gelegt hatte, „ich hab nicht ewig Zeit.“
„Ja? Pressierts so mit dem Saufen? Zahl du doch!“
„Herr Huschke, Kasse bitte!“, sagt das Kassenfräulein ins Mikrophon. Und wie aus dem Nichts steht Herr Huschke neben mir, erkennbar an dem Namensschild an seinem Kittel.
„Hallo, Herr Huschke, sind Sie nicht so ein kleiner Dicker mit Brille?
„Nein, das ist die Frau Haubentreter. Was gibt’s?“
„Der Herr hinter mir hat nicht ewig Zeit, sagt er.“
„Wer hat das schon. Sehen Sie, ich bin jetzt 53 und habe noch 12 Jahre bis zur Rente …“

Das wird traurig, weiß ich sofort und sage: „Einen Moment, bitte“, greife mir die Wodkaflasche und setze sie an den Hals. Ah, das Zeug läuft runter wie Wasser. Ich hab Riesendurst. Derweil wird mein Hintermann, der zahlende Kunde, renitent und will mir die Flasche entwinden. Im allgemeinen Gerangel fängt das Kassenfräulein an zu schreien, und Herr Huschke geht zu Boden.
Muss man da gleich die Polizei rufen?

Jetzt bin ich schon fast fünf Stunden in der Ausnüchterungszelle. Seit meiner Einlieferung habe ich keine Menschenseele mehr gesehen. In der Ferne höre ich den Straßenverkehr rauschen. Wo mag nur Frau Schewardnadse jetzt sein? Irgendwo bellt ein Hund.

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16 Kommentare zu Die schönsten Augen nördlich der Alpen

  1. Der Text gefällt mir 😉

  2. Ungern redigiere ich in den Träumen anderer herum, da es wahrscheinlich sogar Absicht war, aber trotzdem, ich muss jetzt in Manier der vorwitzigen Dorothy Deshler anmerken, dass die Summe, die zu bezahlen war, zuerst 9,50 € und später 10,50 € lautet. Das ist natürlich ein grober Verstoß gegen die Traumordnung.

    • trithemius

      Ach, das hab ich doch nicht geträumt. Es ist die Wahrheit ein wenig aufgehübscht. Ich hatte zuerst 10,50 Euro geschrieben und dann korrigiert in neun Euro 50, weil das beinahe 10 Euro sind, wie es im Text heißt. Also umgekehrt wird ein Häkelhäubchen draus, Frau Dorothy Deshler !

      • trithemius

        Aber da steht noch zweimal fälschlich 10,50Euro. Muss ich ändern, sorry.

        • Miss Dorothy Deshler ist die Frau von Charlie Deshler. Sie war so vorwitzig, dass sie ihm immer und überall das Wort abschnitt und selbst ergänzte, was er eigentlich oder auch nicht oder anders zu sagen hatte. Das ging soweit, dass sie ihm sogar seine Träume berichtigte, woran der Gute irgendwann gestorben ist, nachdem er zuvor noch in eine Irrenanstalt gebracht wurde. Nachzulesen ist dies bei James Thurber, der ja Mittys Geheimleben wegen gerade eine kleine Wiederentdeckung feiert, die Geschichte heißt „Der Bordstein im Himmel“.

          • trithemius

            Danke für die Auflösung. Wenn Walter Mitty als Sinnbild für den unbeholfenen Tagträumer steht, dann hoffe ich, keine Gemeinsamkeiten mit ihm zu haben. Jedenfalls redet mir keine Frau rein. Die es zuletzt versucht hat, habe ich verlassen 😉

  3. Großartig. Der Text jetzt, nicht Dein Schicksal. Was mit Frau Schewardnadse ist, wüßte ich auch zu gern, vielleicht schreibst Du mal eine Fortsetzung – wenn es überhaupt eine gibt, vielleicht ist Frau Schewardnadse ja auch für immer verschwunden.

    • trithemius

      Durch meine Erkrankung im Sommer, Krankenhaus- und Kuraufenthalt, habe ich Frau Schewardnadse aus den Augen verloren und traue mich nicht, im Edekamarkt nach ihr zu fragen, erst recht nicht nach den jüngsten Ereignissen. Falls ich sie wiedersehe, schreibe ich auch eine Fortsetzung. Vielen DAnk für dein Lob. Es hat mich sehr gefreut.

  4. graphodino

    Wahnsinn!

    (echt)

    • trithemius

      Für mich ist der Text ein Beispiel der Idee, dass manche Geschichten wachsen müssen. Die Szene an der Supermarktkasse hatte ich zuerst geschrieben. Es fehlte ihr aber der Schluss und insgesamt wusste ich nicht, was damit anfangen. Sonntag Nachmittag bekam ich Besuch und habe noch spät Kaffee getrunken, mit der Folge, dass ich nicht einschlafen konnte und die halbe Nacht wach lag. Da fiel mir ein, wie ich die Szene in eine Rahmenhandlung mit Frau SCh. einbauen könnte. Am Morgen hatte ich nicht eher Ruhe, bis ich alles geschrieben hatte.
      Fazit: „echt Wahnsinn“ braucht nur ein bisschen Wahnsinn, aber genug Zeit zum Gären.

      Freut mich, dass es dir gefällt.

      • graphodino

        … irgendwie ist das was ganz Neues, Du bist da „irgendwie über Grenzen gegangen“, irgendein Knoten ist geplatzt oder wie oder was auch immer… echte Überraschung, hätte ich nicht mit gerechnet…

        (… so, genug rum geschleimt… wenige Minuten vor zwei Uhr begibt sich das Fossil nun zu Bette… – häff fann…)

        • trithemius

          Kurz vor zwei Uhr bist du offenbar ziemlich hellsichtig. Tatsächlich ist das ein fiktionaler Text wie es ihn selten gab im Teppichhaus. Obwohl autobiographische Details darin stecken, ist hier der Ich-Erzähler mir als Autor ferner. Ich freue mich, dass du das bemerkt hast.

          • graphodino

            Bin ich hellsichtig? – Na ja: Schlafentzug wirkt antidepressiv… (… nee, ich lese hier nur relativ regelmäßig…) … mein altes „Lieblingsthema“ – Dichtung und Wahrheit und fließende Übergänge… ach… – ich lese übrigens gerade bisschen Paul Auster („bisschen schwanger“, chch), der ist Virtuose an dieser Grenze… – ich meine ja nur… häff fann

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