Das Elvis-Souvenir – Joseph Beuys tut ganz erstaunt

Nr. 5 – Joseph Beuys tut ganz erstaunt

Ein Lehrer aus Grevenbroich erzählte, er habe in seiner Klasse zwei Kinder gehabt, die immer völlig verdreckt zur Schule kamen. Sie wirkten so verwahrlost, dass man Angst hatte, sie würden Läuse oder Flöhe einschleppen. Als es dem Klassenlehrer zu bunt wurde, ließ er dem Vater der Geschwister bestellen, er solle gefälligst in seine Sprechstunde kommen. Der Mann kam auch, und es war der damals schon weltberühmte Künstler Joseph Beuys. Der tat ganz erstaunt und wusste gar nicht, was der Klassenlehrer von ihm wollte. Der wiederum wusste überhaupt nicht, wen er vor sich hatte. Beuys habe genauso verlottert ausgesehen wie seine Kinder.

Nr. 6 – Das Elvis-Souvenir

Am 8. Januar 2014 wäre Elvis Presley 79 Jahre geworden. Viele US-Amerikaner glauben, dass Elvis noch lebt. Und immer wieder werden Termine genannt, an denen der angeblich im Verborgenen lebende Elvis sich wieder in der Öffentlichkeit zeigt. Als die US-Post im Jahre 1992 den Sänger mit einer Sonderbriefmarke ehrte, gerieten laut dpa „Heerscharen von Fans in Begeisterungstaumel.“ Die erste Auflage von 300 Millionen war in kurzer Zeit ausverkauft. Inzwischen ist die Elvismarke 500 Millionen Mal verkauft worden. Angeblich haben Elvis-Fans eine besondere Methode erdacht, an ein Elvis-Souvenir zu kommen. Sie kleben die Marke auf einen Umschlag und versehen ihn mit einem deutlich lesbaren Absender, aber mit einer Phantasieadresse. Wenn sie den Brief abschicken, erhalten sie ihn nach einigen Tagen zurück mit dem bei der US-Post für unzustellbare Briefe üblichen Stempel „Return to Sender“, was bekanntlich ein berühmter Elvis-Titel ist. (Quelle: Roger Hand, WDR-Radio, Oldieshow, 14.2.1993)


(Den Brief habe ich freilich getürkt, denn im gesamten Internet habe ich kein Beispiel gefunden. Jetzt gibt es eins.)

Einiges mehr über Urbane Sagen
Die Geschichte, die ich „Joseph Beuys tut ganz erstaunt“ genannt habe, erzählte mir ein Lehrerkollege, als die Rede auf Beuys kam. Er hatte sie mir schon einmal erzählt und damals den Eindruck erweckt, er habe das erlebt oder kenne den Lehrer, denn er hatte vor seiner Aachener Zeit an einem Grevenbroicher Gymnasium unterrichtet. Nun aber fragte er zuerst, ob er sie von mir gehört hätte. Ich sagte: „Nein, die hast du doch erzählt.“ Da ahnte ich, dass es sich um eine Sage handeln musste. Beuys hatte tatsächlich zwei Kinder, einen Sohn, Boien Wenzel, geboren 1961, und eine Tochter, Jessyka, geboren 1964. Die Geschichte müsste sich in den 70ern zugetragen haben. Damals wohnte Beuys in Düsseldorf, weshalb sollten seine Kinder im gut 30 Kilometer entfernten Grevenbroich zur Schule gehen und, obwohl sie drei Jahre auseinander waren, denselben Klassenlehrer haben? Vor allem ist völlig unwahrscheinlich, dass niemand im gesamten Lehrerkollegium je etwas von Joseph Beuys gehört hatte. Zumindest dem Direktor musste der Name bei der Anmeldung der Kinder aufgefallen sein.

Der Kollege erzählte noch eine zweite Geschichte. Es gäbe große Probleme mit der Wertbestimmung des künstlerischen Nachlasses von Beuys. So hätte ein Freund einen Koffer im Besitz, den Beuys einmal bei ihm abgestellt habe. Dieser Mann behauptet nun, der Koffer sei ein Kunstwerk, denn der sei damals vom Künstler ganz bewusst und in künstlerischer Absicht auf diese spezielle Weise bei ihm zu Hause abgestellt worden. Die Geschichte habe mein Kollege im Spiegel gelesen. Der Wahrheitsgehalt ist kaum zu prüfen. Solche Geschichten passen zu Leuten, die es witzig finden, in einer Ausstellung den Feuerlöscher als angebliches Kunstwerk zu bestaunen.

Die heutigen Beispiele zeigen, dass es manchmal schwierig ist, den Sagencharakter einer Geschichte zu erkennen. Zwei Zeitungsberichte über „Tapeten fressende Vögel“ hatte der Göttinger Sagenforscher Rolf Wilhelm Brednich in seine Sammlung moderner Sagen aufgenommen (Die Maus im Jumbo-Jet; München 1991). Als Quellen gab er das Erlanger Tageblatt vom 24./26.12.1979 und die Erlanger Nachrichten vom 9.1.1981 an.

Variante a: In einer Siedlung in Marktheidenfeld im Landkreis Main-Spessart hätten sich Kohlmeisen und Spatzen auf Tapeten spezialisiert und würden bei geöffneten Fenstern jede Gelegenheit nutzen, die Wandverkleidung abzureißen.

Variante b: Wer hungrige Vögel im Winter nicht füttere, könne eine böse Überraschung erleben, wie Wohnungsinhaber in Coburg berichtet hätten. Auf der Suche nach dem für sie lebensnotwendigen Kalk seien die Tiere durch offene Fenster in die Wohnung geflogen und hätten erhebliche Schäden an den Tapeten angerichtet.


Brednich bezweifelte die Wahrheit der Berichte mit dem Argument, dass sie ausgerechnet im Winter erschienen waren, wenn die Fenster meistens geschlossen sind. Im Folgeband (Das Huhn mit dem Gipsbein; München 1993) musste er sich korrigieren. Inzwischen hätten ihm Leser an Eides Statt versichert, sie hätten Meisen beobachtet, die Tapeten und Kalk von den Wänden picken. Eine ähnliche Beobachtung habe ich in den 90ern auf dem Parkplatz eines Supermarktes gemacht, während ich im Auto saß. Eine ganze Schar von Meisen hatte es auf eine weiß getünchte Wand abgesehen. Die Vögel flogen sie unablässig mit großem Eifer an und pickten geschickt den Kalk auf. („Das schwör isch dir, Alter!“)

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