Moderne Volkssagen – ein Erzählprojekt


Daz isse war unde niht gelogen!


Nr. 1 – Der Arzt im Supermarkt

Ein früherer Kollege von mir, ein Lehrer, ging mit Magenschmerzen zum Internisten. Der verschrieb ihm Magentabletten. Drei Wochen später stand der Lehrer im Supermarkt in der Kassenschlange. Zwei Schlangen weiter wartete sein Internist. Rief der Internist herüber: „Und? Wie geht’s? Helfen die Tabletten?“ „Doch, prima“, sagte der Lehrer, dem es peinlich war, in der Öffentlichkeit seine Magenprobleme zu erörtern. „Dann nehmen Sie die weiter!“, rief der Internist. Wenig später fragt die Frau des Lehrers erstaunt, ob er nochmal beim Internisten gewesen wäre. „Nein, wieso?“, sagt er. „Dein Arzt hat eine neue Rechnung geschickt über 30,55 Euro für ‚eingehende Beratung‘.“ (Quelle: Mündlicher Bericht eines Kollegen, der die Geschichte in seiner Volleyballgruppe gehört hatte)

Nr. 2 – Ein Chirurg stümpert

Ein fähiger Chirurg wurde jahrelang der Stümperei beschuldigt. Namentlich der Direktor des Krankenhauses sagte ihm nach, medizinisch unfähig zu sein. Man tat dem Arzt aber Unrecht, denn er hatte in seiner Laufbahn noch keinen einzigen Fehler begangen. Trotz des Ärgers mit der Krankenhausleitung arbeitete er unverdrossen und rettete manches Menschenleben. Doch die üble Nachrede ging weiter. Kurz vor seinem Ruhestand hatte er einen Notfall auf dem Operationstisch, einen Mann, der mit seiner Hand in die Säge geraten war und sich Daumen und Zeigefinger abgesägt hatte. Es war der gehasste Krankenhausdirektor, der ihn Jahrzehnte gemobbt hatte. Die Operation erledigte der Chirurg mit der gewohnten Routine. Als der Krankenhausdirektor aus der Narkose erwachte, bekam der den Schreck seines Lebens. Der Chirurg hatte ihm Daumen und Zeigefinger vertauscht. (Quelle: Jeroen van Inkel, Radio Veronica, Hilversum III)

Wird fortgesetzt

Einiges über Sagen und modernen Volkssagen (1)

Einige theoretische Grundlagen zum Start dieses Sagenerzählprojektes, wobei ich herzlich einlade, daran durch eigene Beiträge mitzuwirken.
Wenn sich wieder einmal herausstellt, dass eine moderne Volkssage auf ein altes Sagenmotiv zurückgreift, kann man getrost davon ausgehen, dass die ältere Vorlage auf noch ältere zurückgeht. In den meisten Fällen kann man auf ein hohes Alter schließen, sobald sich Spuren in der jüngeren Vergangenheit finden. Es ist nämlich überhaupt unwahrscheinlich, dass vom dichtenden Volk noch wesentlich neue Erzählmotive gefunden werden. Schon der älteste Text der Menschheit, das Gilgamesch-Epos, hebt mit der Klage an, dass ja schon alle Geschichten erzählt worden wären. Wo wir die ältere Vorlage nicht sehen, sind unsere Kenntnisse zu gering oder wir lassen uns von neuen Einkleidungen täuschen. Der Sagenforscher Rolf Wilhelm Brednich (Die Spinne in der Yuccapalme) verzeichnet beispielsweise die Geschichte von der Beule am Kopf, aus der Spinnen austreten, in zwei Varianten. Dabei verweist er auf Jeremias Gotthelfs „Die schwarze Spinne“ als Vorläufer. Gotthelf hatte eine Sage aus dem Berner Land als Vorlage benutzt, worin wiederum Motive aus mittelalterlichen Pestsagen auftauchen. Ein weit älterer Vorläufer scheint diese Sage aus der keltischen Mythologie zu sein:

Cian
„Nach der bekannten Überlieferung ist Cian einer der Söhne des Dian Cécht (…) Eine stark euhemerisierte Fassung (irrationale Deutung) macht ihn zum Sohn des Dichters Ailill Auloms, ‚Nackt Ohr’ und der Druidin Sadb. Als das Paar unter einem Schlehdorn einherfährt, lässt sich die Frau von ihrem Gatten reife Früchte herunterschütteln und isst davon. Zu Hause bringt sie einen kräftigen Jungen zur Welt, über dessen Scheitel sich von Ohr zu Ohr eine Hautfalte zieht, die mit dem Kind wächst. Als Erwachsener verbirgt er den Makel sorgfältig. – Keiner seiner Barbiere – die notgedrungen das Geheimnis erfahren, überlebt, bis auf einen, der die Falte aufschneidet. Ein Wurm schlüpft heraus und frisst alles Erreichbare. Er wächst erschreckend rasch, und nach einem Jahr besitzt er bereits hundert Köpfe, von denen jeder ‚einen Krieger samt Rüstung und allem’ verschlingen kann. Nicht einmal ein Palastbrand vernichtet das Untier; es flieht in die dunkle Höhle von Ferma in West Kerry.“ (Botheroyd; Lexikon der keltischen Mythologie)

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