Weihnachten steht rum – kann das weg?

„De warmste week“ des belgischen Musiksenders Studio Brussel dauerte vom 17. bis 24. Dezember. Unter dem Motto „Music for Life“ campierten drei Moderatoren, ihre Redakteure und Techniker auf dem Freizeitgelände „De Schorre“ in der flämischen Gemeinde Boom in einem Zeltdorf und präsentierten rund um die Uhr ein Open-Air-Radioprogramm. Wer einer wohltätigen Einrichtung Geld spendete, konnte sich einen Musiktitel wünschen. Man hatte überdies zu wohltätigen Aktionen der eigenen Wahl aufgerufen. Die „König-Boudewijn-Stiftung“ prüfte, ob die bedachten Einrichtungen vertrauenswürdig waren und sammelte das Geld ein, um es weiterzuleiten.

Am Heiligabend 17:29 Uhr meldete ein Sprecher der Stiftung das vorläufige Ergebnis: Insgesamt waren 1852 Aktionen für 732 Einrichtungen registriert und geprüft worden. Auf sie verteilte sich die Gesamtsumme von 2.501.987 Euro.

Das hatten selbst die Moderatorinnen Siska Schoeters und Linde Merkpoel nicht erwartet. Merkpoel sagte: „Man sieht all die Leute vorbeikommen, aber gewinnt keine Vorstellung vom Ganzen. Schoeters schossen die Tränen in die Augen, aber es wurde von Reporter Sam de Bruyn charmant dem anhaltenden Regen angelastet. Allein ihr Mitmoderator Stijn van de Voorde, bekannt im Teppichhaus aus dem PentAgrion-Roman, hatte ein bisschen die Übersicht behalten und mitgezählt.

Eine ganze Reihe der vielen belgischen Top-Musiker war die Woche über nach Schorre gekommen und dort vor den vielen Besuchern im Konzertzelt „de Flame“ „Voor het goede doel“ (für den guten Zweck) aufgetreten.

Ich habe De warmste week über das Internet verfolgt und bin voller Bewunderung für die Moderatoren, die stets nur für wenige Stunden im Zeltdorf übernachten konnten und trotzdem das Programm unverdrossen moderierten und die unzähligen Gäste warmherzig interviewten. Ich sah sie vorbeiziehen, viele im Rollstuhl, auf die eine oder andere Art von Krankheit und Behinderung gezeichnet, entweder Nutznießer einer Spendenaktion oder selbst Akteure.

Kurios war, dass De warmste week tatsächlich besonders warme Tage hatte, dann aber vom Sturmtief Dirk so stark gerüttelt wurde, dass das Zeltdorf am vorletzten Tag von der Feuerwehr für Besucher gesperrt werden musste.


Das kann weg – Fotos: Teppichhaus-Archiv

Veranstaltungen wie „Music for Life“ geben dem Weihnachtsfest gewiss einen Sinn, abseits des Konsums, hohler Sentimentalitäten und erstarrter Rituale. Sie zeigen das wohltätige Potential einer Gesellschaft, erhellen auch blitzlichtartig, wie viel Krankheit, Elend und Hilfsbedürftigkeit da ist. 2,5 Millionen Euro setzen sich zusammen aus vielen Einzelspenden. Mancher hat gespendet, der selbst nicht viel hat. Angesichts des Aufwands wird deutlich, dass Wohltätigkeit die Idee des Sozialstaats nicht ersetzen kann. Wohltätigkeit und guter Wille allein können den sozialen Ausgleich nicht herstellen.

2, 5 Millionen verzocken oder gewinnen Finanzjongleure der Banken in Sekundenbruchteilen. Viele Gewinne werden innerhalb der Strukturen unserer Sozialstaaten gemacht, ohne dass ein gesellschaftlicher Nutzen entsteht, ohne dass die Gesellschaft an der Wertschöpfung teilhat. In vielen der so genannten Demokratien Europas sind die Regierungen zu schwach, unfähig oder nicht gewillt, das Finanzkapital an den gesellschaftlichen Aufgaben zu beteiligen, schaufeln im Gegenteil durch ungerechte Gesetzgebung und Vetternwirtschaft immer mehr Geld von unten nach oben. Jeder von uns kann sehen, dass dieses Geld rundum fehlt. Das ist nicht wettzumachen durch guten Willen und Wohltätigkeit, ohne den Wert vorbildlicher Aktionen wie „Music for Life“ schmälern zu wollen.


Weitere Impressionen,Videos und Fotos, unter „Music for life“

Musiktipp
Marble Sounds
Leave A Light On

Frohe Weihnachten

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4 Kommentare zu Weihnachten steht rum – kann das weg?

  1. Lo

    Ich erinnere mich daran, dass es in den Niederlanden so um 1974/75 auch solch eine Aktion gab, die sich „Geven voor Leven“ nannte und „op Televisie“ gesendet wurde – mit riesengroßem Spendenerfolg.
    Überhaupt hatte ich schon damals den Eindruck, dass man in NL anders als bei uns mit Behinderten umging: unverkrampfter und viel offener. Ich empfand, dass „gehandikapte mensen“ dort normal sichtbar im öffentlichen Leben vorkamen, eben dazugehörten.

    Lieve groeten en:
    Prettige Kerstdagen!

    • trithemius

      Wenns auch lange her ist, Wikipedia(nl) weiß was:
      “Geven voor Leven”

      Mir ist der unverkrampfte Umgang unserer westlichen Nachbarn mit “gehandikapte mensen” auch schon positiv aufgefallen. Die Flamen sind hier ebenfalls vorbildlich, in „Music for Life “ zu sehen. In Deutschland würden zuerst mal die Sprachpuristen politisch korrekte Bezeichnungen anmahnen. Dabei bleibt es dann meistens wie auch gegenüber Schwarzafrikanern. Sie mögen getrost vor Lampedusa ersaufen, wir dürfen sie nur nicht „Neger“ nennen.

      Prettige Kerstdagen!
      wünscht
      Ihr Trithemius

  2. Stijn van de Voorde … wecke ihn nicht in mir auf …

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