Upps, unter meinem Fenster steht ein Bagger

Gestern Abend im Vogelfrei ein anregendes Gespräch mit Herrn Leisetöne, in dessen Verlauf er mir eine Zwei minus gab. Er kam von der Uni. Leisetöne ist dann immer wie angefixt und schießt gerne aus der Hüfte. Mit Schwung entwickelte er eine Hypothese zum Präfix „ent“ , sah aber selbst sofort, dass die nicht zu halten war. Ich sagte: „Du darfst nicht zuviel Logik in der Sprache vermuten. Sie entwickelt sich inhomogen und chaotisch. Struktur hineinzubringen scheitert meistens, wie man an der Orthographie sehen kann. Es gibt allein sieben Prinzipien der deutschen Orthographie, die zum Teil konkurrieren und sich zum Teil widersprechen.“

Das interessierte ihn und er zückte sein Notizbuch, um die Prinzipien aufzuschreiben. Aus dem Stand fielen mir aber nur fünf ein. Weil wir vorher über Leistungsmessung in der Schule geredet hatten, wollte Leisetöne mir dafür eine Vier geben. Ich handelte aber eine Zwei minus aus mit dem Argument: „Finde hier mal einen zweiten, der dir überhaupt aus dem Stand Orthographieprinzipien nennen kann und zudem weiß, dass es sieben gibt, von denen ich immerhin fünf am Biertisch benennen konnte.“ Es waren nämlich nicht viele Gäste im Vogelfrei. Später beim Nachhauseweg fiel mir ein sechstes Prinzip ein, und zwar als ich sah, dass ein kleiner Schaufelbagger unter meinem Fenster parkte. Der hatte tagsüber die Grünanlage am Haus gerodet, frag mich nicht wozu. Bevor das hier ein Gartenthema wird, ganz kurz die Orthographieprinzipien:


1. Das Lautprinzip – unsere Schrift ist eine Lautschrift, soll also möglichst genau den Sprachlaut abbilden. Da es aber im Deutschen mehr Laute gibt als wir Buchstaben und Kombinationen haben, klappt das nicht immer, Beispiel ich und ach. Man muss wissen, dass ch im ersten Wort weich gesprochen wird, im zweiten als Kehllaut.

2. Das Stammprinzip – Wörter, die den gleichen Wortstamm haben, sollen gleich geschrieben werden. Bei der jüngsten Orthographiereform wurde das Stammprinzip gestärkt. Beispiel Stange. Die Verkleinerungsform schrieben wir früher Stengel, heute Stängel. Lautprinzip und Stammprinzip widersprechen sich beispielsweise bei der Verkleinerungsform von Trabant, dem Trabbi. Niemand spricht ihn Trabi, wie er nach dem Stammprinzip geschrieben werden müsste. Dieser Text erscheint in einem Blog, der ihn verfasst hat, ist ein Blogger, entsprechend dem Lautprinzip. Nach dem Stammprinzip müsste Bloger geschrieben werden.

3. Das etymologische Prinzip – lässt uns bei Fremdwörtern noch erkennen, woher sie stammen, beispielsweise „Photo, Graphik, Philosophie aus dem Griechischen. Während wir längst eindeutschend Fotografie und Grafik schreiben dürfen, hat man sich bei der Reform nicht an die heilige Kuh Philosophie gewagt. Filosofie wäre Blasfemie gewesen. Man stelle sich vor, wie viel Schaum die selbsternannten Verteidiger der abendländischen Kultur im Maul produziert hätten. Ich sehe ihn tropfen, durch die Gegend fliegen und alles einsauen. Dann schon lieber Philosophie und Philosophendarsteller wie den Herrn Precht, der so kuhäugig gucken kann und immer die Haare schön hat.

4. Das Prinzip der Kontrastschreibung – soll helfen, Homophone (gleichklingende Wörter) zu unterscheiden, wider (im Sinne von gegen) – wieder (nochmals), das (Artikel und Pronomen) und dass (Gliedsatzkonjunktion). Kontrastschreibung ist aber Quatsch und eine unnötige Rechtschreibklippe. In der gesprochenen Sprache haben wir keine Probleme mit Homophonen. Wir schließen aus dem Kontext, welches Wort gemeint ist.

5. Das eugraphische Prinzip – Manche Buchstabenkombinationen sehen einfach nicht gut aus wie Doppel-ö beispielsweise, obwohl sich jetzt so ein medial hochgefürsteter Ladenschwengel Glööckler schreibt und seinen Hosenladen (hehe) Pompöös nennt. Doppel-i kommt im Deutschen nicht vor. Es sähe nicht gut aus und wäre zu verwechseln mit ü.

6. Das grammatische Prinzip – Ob ein Bagger groß ist oder klein, wir schreiben ihn immer groß. Satzanfänge und Substantive werden groß geschrieben, ein Widerspruch zum Lautprinzip. Allerdings muss ich einwenden, dass der kleine Bagger tagsüber ganz schön laut unter meinen Fenstern gebrummt hatte. Den Widerspruch zum Lautprinzip umgehen die radikalen Kleinschreiber unter den Bloggern wie Kollegin la-mamma. Ich würde es auch machen, denke aber immer, geht nicht, falls hier mal Kinder mitlesen. Großbuchstaben und Kleinbuchstaben sind schriftgeschichtlich Großeltern und Enkel. Die starren Großbuchstaben lassen sich nicht organisch mit den dynamischen Kleinbuchstaben verbinden, was manchen Typographen und Schriftschöpfer zur Verzweiflung gebracht hat. Das eugraphische Prinzip allein fordert schon, die Großschreibung abzuschaffen. Die Reformer haben es nicht gewagt.

7. Das Ähnlichkeitsprinzip ist mir eben noch eingefallen – oder ich habs mir ausgedacht. Es geht darum, dass Wörter ähnlich wie vergleichbare geschrieben werden. Mir fällt grad kein Beispiel ein und ich bin zu faul aufzustehen und in meiner Kartei nachzusehen. Außerdem kann ich mich schlecht bücken. Mein Text ist eh zu lang. Ich hoffe aber, nicht gelangweilt zu haben, meine lieben Damen und Herren.

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15 Kommentare zu Upps, unter meinem Fenster steht ein Bagger

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