Glocke schlägt nur drei und drei


Die Tage und Nächte fließen vorbei, doch ich bin wie Beton, fühle mich in den Zustand meiner körperlichen Gebrechen zementiert. Vielleicht liegt der Stillstand meiner Genesung daran, dass ich längst tot sein sollte, nach Herzinfarkt und Schlaganfall. Gottes Stiefelabsatz hat zweimal nach mir gezielt, aber nur halb getroffen. Und ich schlucke allmorgendlich einen Chemiecocktail aus fünf Medikamenten, renne brav zu Ärzten, zu Apotheken, zur Sprachtherapie, zur Physiotherapie, zur Herzsportgruppe, um auszugleichen, was Gottes Fehltritte angerichtet haben.

Gestern Abend in der Herzsportgruppe hielt der fettleibige Marius eine bewegende Abschiedesrede. Sie kam aus dem Stegreif, also vom Herzen, vom kranken Herzen. Nach Abschluss seines Studiums hatte er Monate nach einer Stelle gesucht und in der Umkleide getreulich von den Versuchen, Hoffnungen und Enttäuschungen berichtet. Jetzt hat er endlich eine Stelle gefunden, weshalb er wegziehen muss und nicht mal an unserer Weihnachtsfeier nächste Woche teilnehmen kann. Seinen Worten war zu entnehmen, wie einsam er in den letzten eineinhalb Jahren gewesen war, und dass die nur lose zusammenhängende Koronargruppe ihm Halt gegeben hatte, wofür er allen dankte. Seine Einsamkeit wunderte mich, denn er ist trotz seiner Körperfülle ein hübscher junger Mann. Sein Gemüt ist das eines Kindes in einem zu großen Körper, und jetzt verstand ich, weshalb er sogar die banalsten Dinge aus seinem Alltag erzählt hatte. Es gab nichts anderes und niemanden sonst, der das wenige hören wollte.

Ich bin froh, dass ich mir manch spitze Bemerkung verkniffen habe, wenn mir das Gerede auf den Geist gegangen war. Wie ich überhaupt meistens nichts sage. Wenn ich es versucht habe in letzter Zeit, kam es immer anders aus mir heraus als ich dachte es zu meinen. Seit dem Schlag habe ich keine Gewalt mehr über die Stimmmodulation. Wenn ich überhaupt eine Betonung hinbekomme, dann klingt es fremd und falsch in meinen Ohren, dass ich das Sprechen lieber ganz lasse. Ein geselliger Mensch war ich nie. Erst recht nicht in solchen Gruppen, deren Mitglieder ich mir nicht ausgesucht habe. Es ist mir eine Last, in der Umkleide zu hocken mit gut zwanzig Herzkranken, die ihre Angst vor dem Tod mit übertriebener Lustigkeit überspielen, ständig Witze machen über das gefürchtete Blutverdünnungsmittel Marcumar, über Pulsfrequenz und Blutdruck, nie ein Thema ansprechen, aus dem sich für mich Vertrautheit ergeben könnte.

Seltsamerweise war mein Blutdruck gestern wieder zu hoch, obwohl die 24-Stunden-Blutdruckmessung von vorletzter Woche ideale Werte ergeben hatte. Die junge Ärztin, die uns in der Umkleide die Manschette um den Arm legt, wunderte sich, auch über meinen schnellen Puls. Sie fragte: „Sind Sie eben schnell hergelaufen?“ Eigentlich hätte ich antworten wollen: „Wenn mich attraktive Frauen anfassen, erhöht sich mein Puls immer.“ Aber ich fürchtete, das nicht im richtigen Tonfall herauszubringen, zumal ich selbst nicht wusste, was los war. Eventuell lag es daran, dass ich längere Zeit mit meinen Turnschuhen gekämpft hatte. Das An- und Umziehen überhaupt fällt mir schwer. Meine Füße scheinen weiter weg zu sein als früher, oder die Arme sind neuerdings zu kurz. Das alles zu erklären, war mir zu kompliziert. Vor allem hätte ich auf meinen Schlaganfall hinweisen müssen, womit ich ungern hausieren gehe. Und „Hergelaufen?“ passte ja irgendwie. Also antworte ich schlicht: „Ja.“

Christina, unsere junge Übungsleiterin, hängte in der Halle einen Stofflappen mit aufgedruckter Skala aus. Die reichte von „zu leicht“ bis „zu schwer“. Der ideale Belastungsbereich in der grün unterlegten Skalenmitte hieß „etwas anstrengend“ und „anstrengend“. Wir sollten immer mal wieder in uns hineinhorchen, wo wir eine Übung individuell einordnen, und unsere Belastung entsprechend anpassen, durch Hinzunahme oder Weglassen von Armbewegungen und dergleichen. Leidensgenosse Gerd raunte mir zu, derweil wir Liegestütze an der Wand machten: „Die hat wohl einen Lehrgang mitgemacht.“ „Ja, aber das spielerische Element fehlt“, sagte ich.

Wer bringt den Übungsleitern wohl derartigen Quatsch bei? Wir sind doch keine Automaten. Wer einen Herzinfarkt hatte, horcht ständig in sich hinein. Man muss es uns nicht sagen. Es ist deprimierend zu glauben, sich ständig beobachten zu müssen, weil man dem eigenen Körper nicht mehr vertrauen kann. Nach meinem Herzinfarkt hatte ich mir dieses Selbstvertrauen mühsam zurückerkämpft. Ich war dazu ein Jahr zum Seelenklempner geradelt. Der Schlaganfall hat alles zunichte gemacht. Seither horche ich wieder in mich hinein und lasse mich wieder kontrollieren, weil mein Körper Unwägbares zu machen beliebt. Wie oft bin ich in den letzten zwei Jahren vermessen worden. Messungen meiner Körperfunktionen, Blutanalysen, ärztliche Diagnosen und Berichte füllen Aktenschränke. Ich könnte mir ein mehrbändiges Werk daraus binden lassen. Aber eigentlich will man solche Dokumente gar nicht, weil sie belegen, was nicht stimmt und was nicht im Normbereich liegt.

Welche Normbereiche? Wer hat gesagt, dass die für einen gelten, der zweimal unter einem Stiefelabsatz weggekrochen ist? Ich mag Christina wirklich. Sie gibt sich Mühe und will ihre Arbeit gut machen. Sie hat mich im Sommer sogar im Krankenhaus besucht und einige Stunden mit mir im Garten gesessen, wo ich nur mit Rollator hinkonnte. Wie hätte ich ihr gestern erklären können, dass wir eigentlich spielen sollten, weil wir vergessen müssen, Patienten zu sein, um wieder zu gesunden und normal leben zu können. Doch die Schulmedizin will das gar nicht erreichen. Wir sollen Patienten bleiben, weil wir gute Kunden sind.

Es ist jetzt gleich sechs. Um drei Uhr war ich hellwach, und es ging mir allerhand durch den Kopf, was ich loswerden wollte. Bitte entschuldige, dass ich dir das einfach vor die Füße kippe.


Titelzeile frei nach Hans Arp; Sankt Ziegenzack springt aus dem Ei

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