Fabelhafte Kunstgeschichten – Ein echter Richter



Eine Ausstellung meines
Freundes und Kunst-Mentors meiner Referendarzeit an einem Mädchengymnasium lockte mich kürzlich in meine alte Heimatstadt Aachen. Obwohl Aachen tiefste Provinz ist, findet man da alles, was andere Städte auch haben, nur schöner in Aachen. In der Annastraße fotografierte ich ein sorgfältig bestricktes Fahrrad und sagte meinem Freund: „Das ist urban knitting, ein Trend aus den USA.“ Er lachte und sagte wegwerfend: „Ach, das habe ich doch schon vor zwanzig Jahren mit Schülerinnen im Kunstunterricht gemacht.“

Ich zweifelte keinen Augenblick an seinen Worten, denn er hatte schon allerlei Alltagsgegenstände kreativ verfremden lassen. Als Referendar hatte ich erlebt, wie Kunstlehrer eines Fortbildungsseminars bei ihm die Ideen klauten, indem sie in seinem Fundus auf dem Dachboden der Schule die Themen abschrieben, die er hatte im Kunstunterricht erarbeiten lassen.


Urban knitting in Aachen (oben) und Hannover (unten) – Fotos: Trithemius

An einem solchen Fortbildungsseminar hatte er Ende der 60er Jahre auch teilgenommen. In der Seminargruppe befand sich Gerhard Richter, der zu dieser Zeit als Kunsterzieher arbeitete, bevor er Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie wurde. Inzwischen ist er der teuerste noch lebende Maler. Eines seiner Rakelbilder wurde kürzlich für 26 Millionen verkauft.

Im Fortbildungsseminar sollten die Teilnehmer den Materialwert eines DIN-A4-Blattes erkunden und durch Einschneiden, Biegen und Falten aus der zweiten in die dritte Dimension transformieren. Heraus kamen nicht etwa Origamikunstwerke, sondern Papierschnubbel, die sich qualitativ kaum voneinander unterschieden. Nachdem der Seminarleiter die Ergebnisse eingesammelt und mit den Teilnehmern besprochen hatte, machte er sich katzbuckelnd an Richter heran und fragte zur allgemeinen Verwunderung: „Herr Richter, können Sie mir Ihr Objekt signieren?“ Da hatte der Mann Weitblick besessen und war für Lau an einen echten Richter gekommen.

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