Nicht den Brauch, die Barbarei abschaffen

In den Supermärkten warten seit Wochen Kompanien von Schokoladenmännern. Sind es Nikoläuse und ist das der korrekte Plural von Nikolaus? Oder sind es Weihnachtsmänner? Offenbar ist es vor längerem zu einer Verschmelzung der beiden Symbolfiguren gekommen. Dabei ist der Nikolausbegleiter, Knecht Ruprecht, wohl im Schokoladentrog ersoffen, weshalb der Nikolaus die Rute selbst tragen muss, was widersinnig ist, wie wir weiter unten sehen werden. Der Begleiter des Nikolauses heißt im Rheinland Hans Muff. Was dieser Name bedeutet, weiß ich nicht. Aber ich habe Hans Muff als Kind erlebt, auf einer Namenstagsfeier meiner Oma. Es war fürchterlich:

Zu den
Stiefeln von St. Nikolaus kriechend, drängte sich ein kohlschwarzer Unhold ins gute Zimmer meiner Oma, ein Wesen in Ketten, gleich einem Höllenhund. Hans Muff fauchte wüst in die Runde der versammelten Verwandtschaft, und es wäre gewiss um mein klopfendes Herz geschehen gewesen, hätte nicht St. Nikolaus ein Machtwort gesprochen: „Kusch, Hans Muff!“ Da kroch der schwarze Teufel unter den ausgezogenen Esstisch, weshalb alle die Füße zurückzogen. Ein ums andere Kind ward vor den Nikolaus gezerrt und musste sich vor allen Ohren die guten und schlechten Taten anhören, die der Nikolaus aus dem Buche las. Und bei jeder verlesenen Übeltat schoss Hans Muff kettenrasselnd unter dem Tisch hervor und grabschte nach zitternden Beinchen.

Zweifellos ist Hans Muff ein Abgesandter der Hölle, den aber der Hl. Nikolaus gebändigt hat. Er muss ihm als negatives Gegenbild dienen, als Drohung getreu der katholischen Angst- und Drohpädagogik: Gute Kinder würden beschenkt, böse Kinder mit der Rute geschlagen und im schlimmsten Fall vom Teufel geholt.

Auch der in anderen Landesteilen bekannte Knecht Ruprecht ist ein gezähmter Teufel. Sein Name kommt erst im ausgehenden Mittelalter auf. Zuvor hieß er schlicht Beelzebub. Die Umbenennung geht sicher auf die im Volksglauben verbreitete Angst zurück, den Teufel beim Namen zu nennen, weshalb man sich allerlei Hüllwörter bediente.

Pech für die
Holländer und Flamen, dass Hans Muff oder Knecht Ruprecht bei ihnen Zwarte Piet (Schwarzer Peter) heißt. Seit Jahrzehnten wird der Zwarte Piet fälschlich als Schwarzafrikaner interpretiert und auch ausstaffiert wie ein Mohr, was von vielen als diskriminierend empfunden wird. Die Diskussion um den Zwarten Piet lebte in diesem Jahr auf, weil man unvorsichtiger Weise einen Antrag an die UNESCO gestellt hatte, den Sinterklaas und seinen Helfer zum immateriellen Weltkulturerbe zu erheben. Sinterklaas ist nämlich bei den Holländer und Flamen das Fest, an dem die Kinder beschenkt werden. Sinterklaas kommt mit einem Schiff daher. Seine Ankunft wird als nationales Ereignis im Fernsehen übertragen.

Die jamaikanische Professorin für Sozialgeschichte Verene Shepherd, Mitglied einer Arbeitsgruppe beim Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, empfahl, das in ihren Augen rassistische Fest abzuschaffen. Viele dunkelhäutige Menschen hatten das schon vor ihr gefordert, verständlich in Länder, deren Reichtum auf die gnadenlose Ausbeutung ihrer Kolonien und Sklavenhandel zurückgeht.

Der eigentliche Skandal aber ist, dass der Zwarte Piet, wenn er denn ein Schwarzafrikaner wäre, gar nicht an Hollands und Belgiens Küsten anlanden kann, sondern, so ist der neue Brauch, mit Billigung der EU vor Lampedusa ersaufen muss. Wer ihn vorher aus dem Wasser zieht, macht sich der Beihilfe zur illegalen Einwanderung schuldig. Diese Barbarei gehört abgeschafft. Die Sprachpolizei zu bemühen und allerlei historische Bräuche und Wörter zu verbieten oder den Mohrenkopf umzubennen, ist pure Heuchelei.


Sinterklaas mit Rute. Der Zwarte Piet ist politisch korrekt ersoffen – Foto: Trithemius

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