Acht Jahre und ein Tag Teppichhaus Trithemius

Frau Nettesheim
Gestern bestand das Teppichhaus acht Jahre.

Trithemius
Glückwunsch, Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Früher haben Sie den Blog-Geburtstag immer gefeiert.
Trithemius
Lebewesen werden geboren.

Frau Nettesheim
Verzeihung, Herr Sprachpurist! Warum so schlecht gelaunt?

Trithemius
Weil ich das Medium Blog überschätzt habe. Anfangs war ich begeistert von den innewohnenden Möglichkeiten. Heute sehe ich, dass es mir in acht Jahren nicht gelungen ist, sie auszuschöpfen.

Frau Nettesheim
Was ist mit den erfolgreichen Aktionen, den Lesenächten, den Papieren des PentAgrion, dem Ohrwurm-Bashing, dem Verona-Pooth-Ähnlichkeitswettbewerb, dem A-Flashmob, dem Handschriftenseminar oder der Freitagsdiskussion?

Trithemius
Ja, toll, aber um so was zu machen braucht man eine lebendige Community. Die habe ich nicht mehr. Viele der Mitstreiter aus den guten Zeiten bloggen nicht mehr, und neue finden sich nur noch selten ein oder äußern sich nicht. Aber wenn ich angeschwiegen werden will, kann ich auch für das Printmedium schreiben.

Frau Nettesheim
Vielleicht erwarten Sie zuviel.

Trithemius
Sag ich doch.

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23 Kommentare zu Acht Jahre und ein Tag Teppichhaus Trithemius

  1. Es hat sich einiges getan und geändert. Und ich denke auch mit Wehmut daran, wie andere Blog-Communities den eigenen Interessen untergeordnet und zertrümmert hatten. Es lebt noch, aber nicht mehr so wie es mal war. …

    • trithemius

      Du bist sicherlich schon mindestens sieben Jahre ein treuer und aufmerksamer Weggefährte, mein Lieber, und hast viele Projekte mitgestaltet. Vielen herzlichen Dank dafür.

      • 8 Jahre sind eine lange Zeit, wenn ich mir überlege, wie alt ich am Anfang war … nein, ich fische jetzt mir kein Papiertaschentuch aus der Hosentasche um geräuschvoll in Moll hineinzuschneuzen, weil ich mir noch immer keinen Rollator bei OTTO vorbestellt habe. Sondern in meinem Umkreis höre ich inzwischen vermehrt Stimmen von denen, die mir sagen, dass sie früher viel gelesen haben aber inzwischen keine Lust mehr auf geschriebenes „Kopfkino“ haben. Zu kompliziert, war eine Aussage. Keinen Nerv mehr eine andere. Das hat mich einerseits überrascht (negativ), andererseits aber auch nicht, wenn ich inzwischen deren Wunsch nach Vereinfachung von komplexeren Situationen bemerke (ausgedrückt zu manch schwachmatischen Parolen, die mir die Schames- und Ärgerröte ins Gesicht treiben). Dann denke ich an den Gordischen Knoten und dessen Schicksal, weil ein gewisser Großer (mit Vornamen Alexander) keine Lust auf Nachdenken hatte. Allerdings war dessen mächtiges Schwert auch nie ein Gänsekiel (oder Schreibfeder) sondern vorzugsweise prügelte der sich durch die Weltgeschichte und erlangte damit Berühmtheit. Und das Schwert liegt vielen näher als die Schreibfeder. Und wer wenig schreibt, liest wenig …

        • trithemius

          Vereglichen mit mir bist du noch ein Jungspunt. 😉 Ich glaube auch, dass Blogs nicht mehr zeitgemäß sind. Viele Leute sind aus dem Medium abgewandert und bevorzugen Microblogging wie Facebook oder Twitter,
          weil man nur kurze Statements abgeben muss, um am Geschehen teil zu nehmen.
          Ob das einher geht mit der Unlust nachzudenken? Auf jeden Fall geht es einher mit der Unlust, einen Kommentar zu schreiben. Jahrzehnte ist man nur passiver Konsument gewesen und jetzt, wo die Faszination des Neuen weg ist, fällt man wieder in die Rolle zurück.
          Eine Weile habe ich gedacht, ich müsste nur besser schreiben, um die Besucher des Teppichhauses zu motivieren, aber ich finde nicht den richtigen Ton. Und je mehr man mich anschweigt, desto schwerer. Manche meinen mir in privaten E-Mails schreiben zu müssen. Aber es bringt ja nichts, wenn sie meine Zeit in Anspruch nehmen, sich aber aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen.
          Es müsste eigentlich jedem klar sein, dass die Existenz des Teppichhauses von diesem Diskurs abhängt, denn ich bin auch nur ein Mensch und brauche die Rückmeldung. Die populärsten Beiträge hier sind derzeit die blöden Merkel-Mauredekolletes. Ich könnte heulen, wenn ich einen guten Text verfasst habe, aber alle wollen nur das Maurerdekollete sehen.
          Soll die Zukunft des Mediums da liegen? Oder in gewerblichen Angeboten wie The Huffington Post oder buzzfeed?

          Wollen die Leute tatsächlich lieber kotzende Katzen und 10 Radfahrer sehen, die zuviel getrunken haben?
          Das ist doch Erbärmlich.

  2. Herzlichen Glückwunsch erstmal zu den 8 Jahren Teppichhaus! Der Rest wird hier zu lang, das machen wir morgen bei einem kühlen Blonden.

  3. Sie stellen das fest, was wir (die noch „Verbliebenen“) eigentlich alle spüren – dass – wahrscheinlich egal auf welcher Blogplattform – hauptsächlich aufgehört, umgezogen, zu FB und Twitter abgewandert wird. Und dass das eigentlich sehr schade ist. Weil grad diese beiden in keiner Weise Ersatz sind.
    Ich hab grad durch das Bloggen „im echten Leben“ so viel gewonnen (Freunde vor allem), dass ich allein deshalb nicht aufhören mag. Nur spärlicher und weniger aufwändig werden die Einträge ganz genauso …

    • trithemius

      Ja, Bloggen erweitert die Perspektive und den Freundeskreis um interessante Menschen, die man sonst nie getroffen hätte. Mich hats deswegen sogar nach Hannover verschlagen.
      Ihrem letzten Satz kann ich nicht zustimmen, einmal weil ich das nicht glaube und weil ich eine Sache immer so gut machen will, wie ich kann. Sonst habe ich selbst keinen Spaß daran. Ich beschränke mich ja schon meistens auf eine Bildschirmseite.

  4. ich hab in meinem letzten satz nur mich selbst gemeint!

  5. Jessie

    Ich möchte auch von Herzen gratulieren und freue mich immer noch, gute Blogeinträge zu lesen. Es stimmt schon, dass sich einiges verändert hat und viele Menschen vermehrt den neuen Möglichkeiten zustreben, die weniger zeitaufwändig und scheinbar kommunikativer sind – aber Bloggen ist zum
    Glück doch langlebiger, als ich schon mal befürchtete.

    Du hast dir immer viel Mühe gegeben, deinen Besuchern etwas zu bieten, und würdest natürlich wesentlich mehr Resonanz verdienen, als dir aktuell offenbar zuteil wird. Lass mich deshalb – stellvertretend für so viele, die im Teppichhaus bisher fündig wurden und Denkanstöße mitnahmen, um jederzeit gerne wiederzukommen – aufrichtig danke sagen.

    • trithemius

      Vielen Dank, liebe Jessie, es freut mich, was du hier schreibst. Dass Bloggen langlebiger ist, als du befürchtet hast, haben wir selbst in der Hand. Das Teppichhaus war eigentlich nur auf sieben Jahre geplant. Jetzt besteht es schon im 9.Jahr. Dein hübsches Blog ist kaum jünger. Wir alle hegen ja ein Qualitätsbewusstsein und lernen voneinander. Ich weiß nicht, warum mich ausbleibende Kommentare so demotivieren, ahne aber, wie wertvoll ein Kommentar wie deiner für den Bestand des Blogs und die Qualität ist.

  6. Ja, die Leute wollen kotzende Katzen sehen, und ja, es ist erbärmlich. Aber soll man sich davon beeindrucken lassen in dem, was man selbst für richtig und gut hält? So weit kommt’s noch!
    Wenn sich der Horizont der Leute sich in jeweils 140 Zeichen erschöpft, ist das ihr Pech. Wenn die Blogger-Communities kleiner werden, bleiben vielleicht die übrig, die was zu sagen haben und auch Lust, es zu tun.
    Ich hoffe auf weitere acht Jahre mindestens, Deine immer unterhaltsamen und anregenden Texte und Grafiken lesen und bestaunen zu können.

    • trithemius

      Danke für deine tröstenden Worte. Weitere acht Jahre kann ich mir schlecht vorstellen. Ich fühle mich schon ein bisschen alt und seit gut fünf Monaten kämpfe ich darum, meine angeschlagene Körperlichkeit wieder ins Lot zu bringen, was mich viel Zeit kostet. Zeit, die ich eigentlich nicht aufbringen mag. Natürlich ist mir meine Blogexistenz eine Hilfe, denn ich kann meine körperlichen Einschränkungen vergessen lassen. Wenn mir ein guter Beitrag gelungen ist, dann kann ich mich daran enorm erfreuen. Und wenn andere mir kundtun, dass sie ebenfalls Freude daran haben, dann macht mich das glücklich. Es ist als ob man nach einer Wanderung gemeinsam auf einem Gipfel säße und schöne Eindrücke teilt. Dagegen ist der BLick auf kotzende Katzen doch recht schal.

  7. graphodino

    Ich wäre wieder gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass man jetzt gratulieren könnte (das ist jetzt nicht „witzig“ gemeint), weswegen ich hier auch noch gratuliere (ich habe mich so an das Teppichhaus gewöhnt, dass ich es für selbstverständlich halte)…

    (… das mit dem „zuviel erwarten“ kommt mir doch bekannt vor… ach…)

    • trithemius

      Herzlichen Dank, werter Herr Koske,

      Du gehst ja nun schon soviele Jahre in den diversen Filialen ein und aus, dass ich dein Statement gut verstehe. Danke für die langjährige Aufmerksamkeit.

  8. graphodino

    … ganz ohne Kontakt zu geistigen Menschen geht es auch bei graphomanischen Dinosauriern nicht…

  9. iGing

    Schön, das auch einmal zu erfahren, dass jemand Kommentare/Kommunikation ausdrücklich wünscht … manchmal würde ich z.B. gern was schreiben, wage es aber nicht, aus Angst, es könnte unerwünscht sein oder eine allzu sensible Ader treffen, denn anscheinend wollen manche Leute ihren Blog gern „störungsfrei“ als ihre Privatsphäre verstanden wissen (wobei ich mich frage, wieso sie sich dann ins Internet begeben und nicht einfach Tagebuch schreiben oder Briefe) … Ihnen jedenfalls Glückwunsch, dass Sie so lange durchgehalten haben und uns hoffentlich auch weiterhin Ihre lesenswerten Beiträge bescheren!

    • trithemius

      Wer ein Blog wie ein persönliches Tagebuch betreibt und die Kommentarfunktion nicht pflegt, fährt einen Porsche im Rückwärtsgang. Es ist ja gerade das Besondere an unserem Medium, dass es etwas ermöglicht, was es zuvor nicht gab: die zeitnahe, wechselseitige schriftliche Kommunikation. Bei den audiovisuellen Medien und den Printmedien fließt die Information nur in eine Richtung. Im Blog geht es hurtig hin und her. Das ist sehr inspirierend.

      Herzlichen Dank für Glückwunsch und Lob! Sobald es lebendiger zugeht im Teppichhaus, steigt auch meine Lust zu schreiben.

    • iGing

      Auf etwas möchte ich Sie noch aufmerksam machen, werter Herr Trithemius:
      Ein unbefangener Leser orientiert sich u.a. auch daran, ob zu einem Eintrag bereits Kommentare vorliegen oder nicht; denn die Kommentare sind oft genauso interessant wie der Eintrag selbst. In ein Blog, in dem nie Kommentare angezeigt werden, klickt er unter Umständen gar nicht erst rein. Das kann man erklären, wie man will, es ist aber (meiner Meinung nach) so.
      Sie haben ihr Blog ja hervorragend strukturiert und durch die Möglichkeit „Lies mehr …“ dem Leser die Entscheidung, ob er weiterlesen will, und sich selbst eine doppelte Anzahl Klicks gegönnt … Und nun achten Sie einmal selbst darauf, wie lange es dauert, bis der Leser erfährt, dass es z.B. zu dem hochinteressanten Kunst-Artikel bereits 30 (DREIßIG!!!) Kommentare gibt, während ihm in seiner Klick-Odyssee immer noch 0 (NULL!!!) Kommentare angezeigt werden.
      Nichts für ungut 😉

      • trithemius

        Werte Frau iGing,
        hier werden ja immer die Kommentare angezeigt. Was Sie beschreiben, lässt darauf schließen, dass Sie über eine der Teppichhausfilialen herfinden. Dort reiße ich Artikel nur an, um Besucher ins derzeitige Haupthaus zu locken. Nur selten kommentiert jemand da, was früher natürlich anders war, als ich diese Blogs ausschließlich betrieben habe.
        Wenn ich da 30 Kommentare anzeige, erwartet der unbefangene Leser auch, sie dort zu finden.
        Eine Lösung für das von Ihnen aufgezeigte Problem habe ich nicht. Kommen Sie doch immer sofort zu Trithemius.de, das freut mich und erspart Ihnen die Klick-Odyssee.

      • trithemius

        Was ich beinah vergessen hätte: Fehlende Kommentare sind nicht immer ein Indikator. Manchmal kommentiert leider niemand. Das passiert auch bei Texten, die ich selbst für gelungen halte (und ich lege bei mir strenge Bewertungskriterien an). Früher dachte ich oft: Das Internet ist eine Sphinx; mal schickt die Sphinx Abgeordnete vorbei, mal tut sie es nicht. Es ist für mich als Blogger schier unwägbar.

        • iGing

          Danke für den Tipp! Und natürlich findet, liest und kommentiert man nicht alles, was findens-, lesens- und kommentierenswert wäre, man käme ja zu nichts Anderem mehr!

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