Die letzte Elbin hat Mittelerde verlasssen

Ich solle wie sie ausschlafen, haben meine Gastgeber gesagt. So werde ich zwar um 6:00 Uhr pünktlich wach, öffne die Tür zur Hauswiese, krieche angenehm fröstelnd unter die Decke, lausche wie der Sturm die Eschen am Hang oben zaust, wie es braust, rauscht und in den trockenen Blättern raschelt, und schlafe wieder ein zur urtümlichen Musik eines anbrechenden Herbsttages. Das Haus, in dem ich übernachte, verströmt Kraft wie die beiden lieben Menschen, die mich beherbergen. Ich bin der Alltagswelt entrückt.

Esche im Herbstwind – Foto: Trithemius (größer: Klicken)

Vor dem Wiedererwachen träume ich einen Satz: „Die Angst des Pfeils, den Fluss zu überqueren.“ Eine Weile schiebe ich den Satz hin und her, um das Aufstehen zu verzögern. Wie können Pfeile Angst verspüren? Sie sind natürlich vom lebendigen Holze geschnitzt, meistens von Eschen. Wenn ein Pfeil von einem Ufer abgeschossen wird an das jenseitige Ufer, dann ist er allein. Der Pfeil fliegt ins Unwägbare. Er kann aus eigener Kraft nicht wieder ans sichere diesseitige Ufer. Der Fluss meines Traums, ist es der Todesfluss Gjöll (der Brausende) der germanischen Mythologie? Manchmal werden Menschen über Gjöll hinweg an ein fremdes Ufer geworfen wie dieser Pfeil. Welche Macht ihn hinüberschnellt, was am fernen Ufer auf ihn wartet, ob es Niemandsland ist oder ob er heimkehrt auf heimischen Boden – wir wissen es nicht, daher unsere Angst.

Im Tagesverlauf ereilt mich die Welt. Ich erfahre, dass unsere liebe Blogfreundin Eugenie Faust gestorben ist. Seit langem schon hat Eugenie Faust der Internetgemeinde gefehlt, wie die vielen Kommentare unter dem letzten Eintrag in ihrem Blog zeigten. Sie war, obschon viele Jahre geplagt durch eine schwere Krankheit, eine große Schamanin des Internets, wo sie durch ihre kluge, liebenswürdige Art und ihren Witz bezauberte. Als eine Mittlerin, ein Medium im Wortsinne, verstand sie es, den Kontakt zu vielen Menschen zu knüpfen und im großen kalten Internet in ihrem Blog ein belebendes, wärmendes Herdfeuer zu bieten, an dem man sich gern zu gemeinsamen Aktionen versammelte. Eugenie Faust konnte zwischen den Zeilen lesen, hinter den Äußerungen in unpersönlicher technischer Schrift den Menschen sehen. Sie sah das Gute in ihrem digitalen Gegenüber und spiegelte es. Milde betrachtete sie die Schwächen, wusste aber auch zu tadeln ohne zu verletzen, wenn jemand sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze des pfleglichen Umgangs hielt. Mir war sie über Jahre eine aufmerksame Zuhörerin und kluge Ratgeberin, wenn wir telefonierten, immer einfühlsam und voller Verständnis für die Wirrnisse in meinem Liebes- und Seelenleben. Einmal habe ich diese zauberische Frau besucht und mir war, ihre Augen lasen meinen Seelengrund.

Jetzt ist Eugenies Pfeil ans jenseitige Ufer geflogen. Sie ist uns fern, aber bleibt unvergessen.

Sehen wir sie noch einmal in einer Gemeinschaftsproduktion, die entstand, nachdem sie mich in einer Blogsprechstunde von einer kreativen Blockade befreit hatte:

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4 Antworten auf Die letzte Elbin hat Mittelerde verlasssen

  1. ja. unterschreib ich. alles. das gefühl, dass sie jemandem mitten ins herz schaut, das hatte ich im blog und bei unserem persönlichen treffen.

  2. Servus!

    Ich hatte in meinem Blog ein Klangbild zur Erinnerung an den (vermutlich)
    heute verstorbenen Musiker Lou Reed fixiert und guckte gleich danach
    bei dir mal nach. Merkwürdiges Zusammentreffen…
    (Bezüglich der auch verstorbenen Eugenie Faust.)
    “Schlimm ist der Tod nur für die Lebenden.”

  3. Rasendreher

    Vor vielen Jahren hatte ich Freunde die in der Nähe von Duderstadt wohnten. Das kleine Fachwerkhaus der Wohngemeinschaft lag am Rande eines Dorfes. Schaute Mensch im ersten Stock aus dem Fenster, so ging der Garten kaum merklich in eine extensive Weidelandschaft über. Rund einen Kilometer später wurde die Landschaft von einer baumbestandenen Hügelkette besäumt. An einem Herbsttag reizte mich der morgendliche Anblick aus dem Küchenfenster zu dem Ausspruch, hinter den Hügeln beginne wohl möglich das Paradies.

    Was ich damals wegen geringer Ortskenntnis gar nicht wusste: Die Grenze zum östlichen Deutschland war dort auf Sichtweite entfernt. Noch vor dem Fall der Mauer. Nun will ich keinesfalls andeuten, dass die ehemalige DDR ein Paradies gewesen sein mag. Aber die Menschen hatten zumindest versucht, eine bessere Gesellschaft zu erreichen. Vielen war es ernst gewesen mit ihrer Utopie, die sich mehr und mehr in reale Enttäuschung wandelte, bis dann 1989 mit moderatem Paukenschlag Schluss war.

    Wir können nicht wissen was auf der anderen Seite ist, auf der des Todes. So wenig, wie wir etwas Zuverlässiges über unsere diesseitige Zukunft wissen. Über die Zukunft unserer leider selbstdestruktiven kapitalistischen Kultur. Insbesondere meine ich die fort bestehende, jene nach unserem je individuellen Tode.

    In sofern sind Utopien wichtig und nützlich. Sie vermögen den Rahmen des beschränkten Daseins zu sprengen und Ziele zu setzen, die zu erreichen für unser kläglich kurzes Leben aussichtslos erscheint. In dem Sinne wird Eugenie Faust sich bemüht haben. Und so mag noch lange Zeit etwas Positives von ihr zurück bleiben. In einem Teil unserer kulturellen Erinnerung, im Internet.

  4. Grundgütiger! Was für eine Nachricht, ich bin geschockt.

    Die älteste Email auf meinem Rechner, die ich noch aufgehoben hatte, war von Frau Faust. Was für warmherzige, freundliche Worte sie immer fand, so auch in jener Nachricht.
    Eine von den Nachrichten, die man sein Leben lang aufheben möchte.
    Ich hatte so sehr auf ihre Genesung gehofft.

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