Zu Gast beim Sammler des Lichts in der Rue Henri Maus

Kürzlich bekam ich eine E-Mail von einem Studienfreund, der in meinen Texten oft schon unter dem literarischen Pseudonym „Nebenmann“ aufgetaucht ist. Vor allem war er einst der Mitorganisator einer abenteuerlichen Kunstaktion in der Eifel, die ich in der legendären Online-Lesenacht literarisch aufbereitet habe. Nebenmann lebt in Belgien, nahe der deutsch-belgischen Grenze. Er ist ein leidenschaftlicher Motorradschrauber, besitzt mehrere historische 250er BMW, von denen er immer eine fahrbereit hält. Die anderen dienen ihm als Ersatzteilfundus. Es gibt in ganz Europa ein Netzwerk von Liebhabern dieser Maschinen, die Ersatzteile tauschen. Ich erinnere mich vage, dass Nebenmann einmal nach Spanien gefahren ist, um einen Original-Tankdeckel zu bekommen.

Vor einigen Tagen habe ich ziemlich erfolglos versucht, ein Erzählprojekt über eine nächtliche Mopedfahrt anzustoßen. Von Nebenmann bekam ich in der besagte E-Mail die Schilderung einer solchen Fahrt, die ich hiermit zum Besten gebe. Viel Vergnügen bei dieser Mopedfahrt (eigentlich sind es zwei Fahrten) in die exotische Wallonie. Nehmen Sie Platz im Seitenwagen:

Du hast es sehr gut dargestellt, dieses Gefühl des schlechten Gewissens, ungewollt das Ruhebedürfnis anderer zu stören (weswegen ich bei meinen Neuausstattungen von Motorrädern stets versuche, einen Schalldämpfer jüngeren, wirkungsvolleren Modells zu montieren und mich bei meiner Frau rückversichere, ob das Teil sehr viel Krach macht, was Verwunderung hervorruft, denn meist hört sie mich gar nicht ankommen.) Doch zurück zu der dringenden Nachtfahrt! Obwohl die Fahrt, über die ich berichten möchte, zu „menschlicher“ Stunde, startete, war sie nicht minder bedrängend, ich musste eiligst nach Lüttich.

Die Vorgeschichte beginnt allerdings damit, dass ich meine liebe Frau dazu genötigt hatte, endlich nochmal etwas für unsere gemeinsame Bildung zu unternehmen und in der Hauptstadt unserer Provinz, eben Lüttich, ein dort befindliches „Museum des Lichts“ zu besuchen. Öffnungszeiten sind ausschließlich am Samstag, denn es handelt sich um ein Privatmuseum, der Besitzer muss ja auch mal einkaufen gehen können. Nach einer aufregenden Suchfahrt durch das betreffende Stadtviertel, landeten wir schließlich in der Rue Henri Maus, deren Namen ich schon als märchenhaft anmutend empfinde.

Vor dem schmalen Bürgerhaus brannte tatsächlich eine von der Fassade kragenden Straßenlaterne mit Gaslicht, um die sich romantisch lebendiges Grün rankte. Ansonsten herrschte rundum Stille, wahrlich eine bevorzugte Wohnlage in diesem Gewühl einer Großstadt, die man nicht ohne Grund „Klein-Paris“ nennt. Auf unser Klingeln und einer Zweifel daran aufkommen lassenden Wartezeit, ob wir zum richtigen Termin erschienen waren, fuhr oben aus dem Fenster langsam ein Kopf heraus, so, wie eine Schildkröte sich entschließt, Kontakt zu ihrer Umwelt aufzunehmen.
„Oui?“ kam es von oben, und ich stammelte mit meinem Schulfranzösisch unser Begehr zusammen, das Museum besuchen zu wünschen.
„Aber sicher“, kam von oben die mit gepflegter Arroganz gefärbte Antwort. Wenige Sekunden später öffnete sich die Haustür und ein nicht allzu großer Herr undefinierbaren Alters ließ uns eintreten. Zuerst wollte er wissen, auf welche Empfehlung hin wir den Weg zu ihm gefunden hätten, und als ich einen schnöden, irgendwo aufgegabelten Flyer erwähnte, waren wir fix als Durchschnittstouristen katalogisiert und tief Luft holend begann er schon im Flur seine Führung.

„Dies sind zwei Lampen aus der XY- Zeit. Womit, glauben Sie, wurden sie wohl betrieben?“ „Ich denke mal, mit Pflanzenöl…“, antwortete ich, und sichtlich enttäuscht über die richtige Antwort und die entgangene Möglichkeit, per Unwissenheit der Besucher (er hätte gerne die falsche Antwort „Petroleum“ gehört) schwungvoll mit seinen profunden Kenntnissen wuchernd zu starten, geriet er, dermaßen aus dem Konzept gebracht, tatsächlich auf eine unprätentiös- angenehme Diktion, die fortan seine Explikationen bestimmte.
Ich selbst war mit einiger Skepsis zu dieser Unternehmung aufgebrochen und fühlte mich meiner Frau gegenüber verantwortlich, ihr per aufgedrängter Freizeitgestaltung auch etwas zu bieten.

Doch es zeigte sich, dass meine Befürchtungen vollkommen unnötig waren. Wir wurden per zweistündigem Exklusivvortrag durch die gesamte Geschichte der Beleuchtungstechnik geführt, dass es eine Freude war, sich diesem Stress zu unterziehen. Unterbrochen von mehreren praktischen Demonstrationen an historischen Objekten, dozierte der Herr der Lampen kurzweilig dahin. Und als sich dann noch zeigte, dass meine Frau Doris mehr Fragen zum Thema stellte als ich, geriet der Herr Kurator ins rechte Fahrwasser und ließ kein Detail aus. Nach den besagten zwei Stunden verließen wir, im wahrsten Sinne des Wortes, übervoll mit Licht- Informationen das geschichtsträchtige Gelände.

Ich erinnerte mich
nun zweier Gegenstände, die ich seit Jahrzehnten zu Hause wegen ihres historischen Wertes aufbewahrte, persönlich aber keine Verwendung dafür hatte: ein Öllampengefäß mit Dochtschnabel aus Messing und eine 110-Watt-Kohlefaser-Glühbirne mit Bajonettfassung. Die Teile wurden stets umgelagert, immer mit der Befürchtung, sie eines Tages zu beschädigen, was ihrer Zerstörung gleichgekommen wäre. Spontan versprach ich dem Sammler, ihm diese Objekte zukommen zu lassen.

Somit sind wir wieder am Ausgangspunkt, dem Anlass der zwingenden „Moped“- Fahrt nach Lüttich, die ich dann auch pflichtschuldigst absolvierte, immer mit der anerzogenen Angst, meine Umwelt mit dem Knatterding zu belästigen. Dabei ist es aber anerkannt extrem leise!!!

Nun erfuhr ich von dem dankbaren Beschenkten, dass er in jugendlichen Jahren von seinem Herrn Vater während der großen Sommerferien immer nach Aachen ins Internat geschickt wurde, auf dass er die deutsche Sprache erlernen sollte. Bei der Einrichtung handelte es sich um die private „Waldschule Breuer“, einem weitläufiger Komplex aus mehreren Gebäuden am Luxemburger Ring, damals noch Prinz-Heinrich-Straße. Das Stammhaus lag an der Lütticher Straße und befand sich in einer wunderschönen, hochherrschaftlichen Jugendstil-Villa. Die Zeitläufte relativierten aber die gesamten Bemühungen um allgemeine Bildung: die Waldschule schloss ihre Pforten, die Villa wurde ausgemistet und sollte abgerissen werden, um kapitalerträglich neu aufgebaut zu werden. Zum Glück fand sich ein finanzkräftiger Käufer, der sie sanierte und als architektonisches Schmuckstück erhielt. Wie sollte es aber anders sein: als die Container mit Bildungs-Hardware-Müll vor dem Hause standen, musste ich natürlich gewisse Sachen „retten“.

Gegen den Widerstand meiner damaligen Frau holte ich mehrere Stühle, die zwar stabil, aber vom Design her sogar einer Haftanstalt unwürdig waren, eine Klappwandtafel, drei hölzerne Kartenständer und eine Hälfte des Flaggenmastes aus den Abfallbehältern. Während das kräftige Fahnenmast-Rohr einer sinnreichen Verwendung zugeführt werden konnte, landete die Tafel ausgeklappt als Fußbodenteil auf dem Speicher, die Stühle rosteten irgendwo hinten im Garten und die Kartenständer standen im Keller und zwar mir stets in den Füßen. Sie wegzuwerfen brachte ich aber nicht übers Herz, und jetzt bot sich endlich die Gelegenheit, jemanden damit glücklich machen zu können: den Lampensammler. Und wirklich, seine Augen leuchteten wie seine jüngsten Exponate, die LED- Lampen, als er von meiner geplanten Spende erfuhr. Somit war eine weitere Fuhre nach Lüttich vonnöten, was für mich persönlich aber wieder das traumnahe Fahrerlebnis des mühelosen Dahinschwebens per „Moped“ bedeutete und gerne ausgeführt wurde.

Wie Nebenmann 1969 das „Moped“ erfand

Somit sind wir wieder bei dem Stichwort „Moped“ als Synonym für „dickes Motorrad“ angekommen. Ich bin davon überzeugt, dass ich der Schöpfer dieser ich-weiß-nicht-wie linguistisch zu bezeichnenden Umschreibung bin, wendete ich sie doch zum ersten Male im Herbst 1969 an, um mutig einen Scherz über eine 750er BMW anzubringen, was sich tatsächlich ob der hervorgerufenen empörten Reaktion bei dem Besitzer als riskant erwies. Die Umstehenden fanden es aber erheiternd, und so blieb das Sakrileg ohne weitere unangenehme Folgen, verbreitete sich aber als lustige Flapsigkeit weit über den deutschsprachigen Raum.


Noch ein Nachtrag
zu dem Sammler des Lichts: beruflich war er Zolloffizier und hatte längere Zeit Dienst an der belgischen Grenze in Lichtenbusch getan, wo ihm seine Deutschkenntnisse natürlich bei der Schurigelei des gemeinen Volkes zupass kam. Mittlerweile hat er aber die deutsche Sprache verlernt, eine Folge der väterlicherseits aufgezwungenen „Studien“. Interessant wäre trotzdem, was psychologisch hinter dieser Art von Besessenheit steckt, die künstliche Erhellung durch menschliche Technik erfassbar machen zu wollen. Mittlerweile gibt es eine Dependance als städtisches Museum im Zentrum der Stadt, wirklich sehenswert. Vor allem merkt man, dass die Sammlung durch den Enthusiasmus ihres Besitzers lebt. Wahrscheinlich verschwindet alles wieder in Depots, wenn ihr Hüter das Zeitliche segnet. Aber so ist nun mal der Lauf der Zeit, alles wird einmal wieder zu Humus, damit Neues, Ungeahntes entstehen kann.

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